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„Black Messiah“ von D’Angelo : Komm wieder, Black Power!

  • -Aktualisiert am

Ein waschechter „Soul Man“: Michael Eugene Archer alias D’Angelo Bild: Gregory Harris/Sony

Sein Werk schreibt bereits jetzt Geschichte. Nicht wegen irgendwelcher Sound-Kunstgriffe, sondern wegen seiner Mission: In Zeiten von Ferguson beschwört das neue Album von D’Angelo die heroische Politik des Soul.

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          Wo sind nur die Soul-Rebellen geblieben? War es nicht einst das leidenschaftliche Aufbäumen gegen die Regeln einer affirmativen Popkultur, dem wir solche düster funkelnden Meisterwerke wie Sly Stones „There’s A Riot Goin’ On“, Marvin Gayes „What’s Going On“ oder auch Gil Scott-Herons „Reflections“ verdanken? Nein, die Krise des zeitgenössischen Rhythm ’n’ Blues hat nichts mit mangelnder musikalischer Innovation zu tun. Das Genre spielt mit der modernsten Studiotechnik, hat die besten Musiker und raffiniertesten Produzenten. Andererseits: Rhythm ’n’-Blues-Sänger mit Sendungsbewusstsein haben es schwer, weil sich im schwarzen Pop das Sexuelle längst vom Spirituellen gelöst hat. Die allumarmende Ekstase des Gospel ist einem autoerotischen Strebertum gewichen. Beyoncé tanzt sich super. Aber ihre Musik hilft niemandem, dem Wut-und-Zärtlichkeits-Gemisch im Bauch politischen Ausdruck zu verleihen.

          Das schafft nun einer, der eigentlich schon längst abgeschrieben war: Michael Eugene Archer alias D’Angelo. „Black Messiah“ (RCA/Sony Music) heißt das neue Album des Vierzigjährigen. Und wenn sein Werk bereits jetzt Soulgeschichte schreibt, dann nicht wegen irgendwelcher Sound-Kunstgriffe, sondern wegen seiner Mission, will sagen: Der Suche nach dem verlorenen Kern schwarzer Musik. Man darf sich D’Angelo und seine Mit-Produzenten, unter anderen der Jazz-Trompeter Roy Hargrove und Ahmir Questlove Thompson, den Kopf der weltbesten Hip-Hop-Band The Roots, wie Bergarbeiter vorstellen, die in lange verlassene Stollen eindringen, hier und da Probe bohren und dabei wertvolle Rohstoffe einsammeln: Al Greens Liebesflehen, die psychedelischen Rockgitarren von Funkadelic, ein Jazz-Funk-Piano oder das dunkle, rhythmische Fußstampfen eines Sklaven-Gottesdienstes.

          Ein am Ende überforderter Retter

          Was sie daraus machen aber ist etwas sehr Eigenes: Die ultratiefen Basslinien ziehen den Hörer sofort und unwiderstehlich in ihr Gravitationsfeld. Leicht verschleppte Beats und harte Schläge auf den Beckenrand bringen ein Schlingern ins Spiel, das seit J Dilla zu den Qualitäten besserer Hip-Hop-Produktionen gehört, und als Unschärfe und zeitliche Zerdehnung bereits den frühen Brassbands aus New Orleans ihren typischen Swing bescherte. Die butterweichen Riffs, Groove-besoffenen Keyboards und Gitarren wanken und stolzieren dem Hörer wie lang vergessene Liebhaber entgegen - Soulmusik also.

          Vierzehn Jahre lang hatte man auf dieses, D’Angelos drittes Album gewartet, vierzehn Jahre lang hatte die Schaffenspause des Sängers auch die Sinnkrise seines Genres verkörpert. 1995 machte der Mann erstmals Schlagzeilen: Sein Debut „Brown Sugar“ fiel wie Manna in eine Wüste musikalischer Banalitäten. Der Nachfolger „Voodoo“ arbeitete die hypnotische Kraft von D’Angelos Gesang noch intensiver heraus. Aber manche reduzierten ihn auf seinen Körper. Er hatte mit dem Video seines Nummer-eins-Hits „Untitled“ selbst dazu beigetragen - es zeigte den Sänger halbnackt, als muskelbepackten, schweißnassen Pin-up-Boy. Auf seinen Konzerten fielen schlüpfrige Zurufe. Er aber wollte als Musiker geliebt werden. Der Absturz kam mit Drogen, Suff, Schreibblockaden, angekündigten und wieder verworfenen Alben. Am Ende waren es wohl auch die Erwartungen an den „Retter des Soul“, die D’Angelo überforderten.

          Als der Soul Feuer fing

          Und nun der Titel „Black Messiah“. Größenwahnsinnig und selbstverliebt, so scheint es. D’Angelo aber schreibt, „Black Messiah“ beziehe sich nicht auf ihn selbst, sondern auf eine „Idee, der wir alle nachfolgen können. Wir sollten alle anstreben, ein Messias zu sein. Es geht um die Menschen, die in Ferguson, in Ägypten oder bei Occupy Wall Street aufstehen, und an jedem anderen Ort, an dem eine Gemeinschaft genug hat und für einen Wechsel kämpft.“

          Das klingt wie eine uralte Gospel-Botschaft, auf Hip-Hop-Temperatur heruntergekühlt. Gereckte schwarze Fäuste zieren das Cover. Als der Traum der Bürgerrechtsbewegung im Rauch brennender Gettos aufging, fing auch der Soul Feuer. Man wollte nicht mehr gefallen, sondern spiegelte die gesellschaftliche Paranoia und Desillusionierung. Kein Zufall also, wenn D’Angelo heute an genau diesen Klassikern gemessen wird. Und auch wenn D’Angelo sich zwischendurch als der alte Verführer inszeniert: Liebe, Sex und gesellschaftlicher Kommentar erscheinen hier als Kontinuum. Nach den Ereignissen von Ferguson entschied sich der Sänger, das Album ein halbes Jahr früher als geplant auf den Markt zu werfen, um ein Zeichen zu setzen. „Black Messiah“ allerdings steht über jeder Tagespolitik. Das Album löst ein Versprechen ein, das der Soul in seinen besten Momenten schon immer gegeben hat.

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