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Björks neues Album : Tanz auf dem Geysir

  • -Aktualisiert am

Björk präsentiert sich auf ihrem neuen Album als mit Feuerszungen bekränzter Paradiesvogel Bild: Universal Music

Mit ihrer neuen CD „Volta“ läßt das ewige Naturkind Björk die konzeptionelle Strenge ihrer Vorgängeralben hinter sich und schafft ein Brimborium aus Traumbildern und Schamanentum. Interessant machen diesen stimmig sortierten Gemischtwarenladen aber erst die Zutaten versierter Gastmusiker.

          Björk, die in Island mit dem Familiennamen Gudmundsdóttir zur Welt gekommen ist, soll inzwischen 41 Jahre alt sein und in Reykjavík, London und New York leben. Ihr Kunstschaffen hingegen liest sich, als wären selbst die sie umgebenden Zeit- und Räumlichkeiten nicht wirklich festzuklopfen, als hätte sie keinen festen Ort und kein eindeutiges Alter. Was sie kann, braucht und darstellt, ist Bewegung. Zu ihrem Fortkommen, das sie 1995 mit dem Songtitel „Army of Me“ prognostizierte, gehört ein vielgestaltiger Tross aus immer neuen Selbstverkörperungen; man sah sie unter anderem als Elfe, Schwanengestalt und posthumanen Roboter, Geisha, Tiefseetier, Glückskind. Musikalisch hat die ehemalige Punksängerin mit ihrer Vorliebe für so noch nicht gehörte Gesangskaskaden, zersetzende Elektronik und unwegsame Popphrasen die von ihr besuchten Genres eine Spur größer gesponnen.

          Aktuell reiste sie für ihr nun erscheinendes sechstes Album durch verschiedene Kontinente und Musiktraditionen. Die konzeptionelle Strenge der beiden Vorgänger lässt sie vor diesem Hintergrund ein gutes Stück hinter sich. Wir erinnern uns: „Medúlla“ war 2004 die Ausnahmeerscheinung, für die Björk abenteuerliche Oktaven und Obertonchöre erschloss, um nahezu a cappella der Gesangsstimme zu huldigen. „Drawing Restraint 9“, der Soundtrack zum gleichnamigen Film ihres Künstlergatten Matthew Barney, mit dem sie sein schratig-zartes Meerespandämonium zum Klingen brachte, schloss daran an. Und wenn sich mit dem druckvollen Auftakt von „Volta“ diese Unterspannung der letzten Jahre löst, dann ist der Überraschungseffekt paradoxerweise fast zu erwarten gewesen; dessen kräftig rumpelnde Konsequenz jedoch nicht unbedingt.

          Die Natur liegt vor, nicht hinter ihr

          Was hinter dem Aufruhr steht? Die Fotostrecke im Booklet lässt darauf schließen, dass Björk nun das Schamanische für sich entdeckt hat: Als wohl auf ewig mit Glazialmetaphern und Geysiren assoziiertes Naturkind tollt sie plötzlich bunt wie ein Paradiesvogel, mit Feuerszungen bekränzt, im Wüstensand. Zu Beginn skandiert sie sich an „Voodoo“, „Tribes“ und Marschappellen entlang. Björks Ernsthaftigkeit ist nach wie vor aufs Schönste zum Fürchten. Alles muss mit: die Freude an harschen, zerschredderten Beats, trommelndes Wetter, ein aus Andrej Tarkowskis Film „Stalker“ entliehenes Gedicht, die Geräusche des Hafens, von dem Björk in dem Stück namens „Wanderlust“ ablegt. Allerdings wird der Ursprung, den sie verloren hat, hier als etwas besungen, was sie nicht mehr wiederfinden will - lieber eine andere, noch vor ihr liegende Natur. An anderer Stelle schlägt ein Bläserinnen-Ensemble aus Island eine tragfähige Brücke zurück.

          Dass das Brimborium aus eklektisch nebeneinandergestellten Weltmusiken, Traumbildern, grellen Selbstermächtigungsappellen, heidnisch-animistischer Attitüde, Kontemplation und Atemlosigkeit interessant wirkt, dürfte an den grundverschiedenen wie jeweils versierten Gästen liegen, die Björk gewohnt spitzfindig um sich geschart hat. Hip-Hop-Produzent Timbaland verhalf den Stücken „Earth Intruders“ und „Innocence“ zu ihrem griffigen Gerüst. Die erdig-akrobatischen Trommelparts teilten sich die Perkussionisten Chris Corsano und Brian Chippendale, zudem kam die Experimentalgruppe „Konono No 1“ zum Einsatz. Toumani Diabaté aus Mali spielte für ein Stück die harfenähnliche Kora, Min Xiao-Fen die chinesische Laute. Als Duettpartner sollte es Antony Hegerty (“Antony & the Johnsons“) sein, der zerrissene Songstrukturen balsamierte. An Björk, die das Album weitgehend selbst produzierte, lag es, diesen Gemischtwarenladen stimmig aufzubereiten.

          Bemerkenswert an „Volta“ ist vor allem, wie Björk aus ihren ungefälligen und eigenbrötlerischen Mitteln ein Album hochzieht, das so zeitgenössisch ist, dass es fast weh tut. So manche Sinnhuberei, die „Volta“ in sich verdichten soll, müsste freilich nicht sein. Versöhnliches stiftet das Bildnis auf dem Albumcover: Björk in einem farbübersättigten Vogelkostüm, dessen Proportionen zudem an einen kugelbauchigen Homunculus erinnern - hinreißend.

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