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70. Geburtstag von Billy Joel : Das Klavier schmeckt nach Bier

Kann Piano fahren, Motorrad spielen und selbst die verschlossensten Menschenherzen rühren: Billy Joel Bild: Picture-Alliance

1993 erschien Billy Joels letzter Langspieler, doch Hits wie „Piano Man“ und „Uptown Girl“ machen heute noch jede Bar und Kneipe gemütlicher. An diesem Donnerstag wird der Sänger 70 Jahre alt.

          Neulich in einem finster trostlosen deutschen Bahnhofslokal: „Ist das nicht aus ’nem Musical?“ Ein leicht angetrunkener Mittzwanziger fragt zwei alte Zecher, die raten: „Das ist Gospel, oder?“ „Das gehört zu einem Film.“ „Alte Werbung für ein Bier, oder so?“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Gemeint war, was gerade im Radio lief, Billy Joels „River of Dreams“ nämlich, ein dezent anspiritualisiertes Minidrama über Selbstzweifel und das Streben nach Glück vom gleichnamigen, bislang letzten offiziellen Studioalbum des Sängers und Songschreibers aus dem Jahr 1993. Mit Joels größten Hits „Piano Man“ (1973) und „Uptown Girl“ (1983) verbindet diese Nummer eine paradox einschläfernde Munterkeit, ein hypnotisches Geschaukeltwerden, als bräche die Melodie zwar andauernd zu großen Taten auf, würde sich dann aber mit etwas so Spießigem wie praktischen Konsequenzen doch lieber nicht abgeben wollen.

          Es ist die ideale Musik zum gemütlichen Gruppensaufen, die nach „Cheers“ klingt, jener in Billy Joels kommerziell erfolgreichster Zeit zwischen 1982 und 1993 produzierten Fernsehserie über eine Bar, in der man sich lieber aufhält als zu Hause, weil dort „everybody knows your name“, wie der Titelsong versprach.

          Die liebenswürdige Eintönigkeit dauerhaft alkoholbenebelter Normalexistenzen wurde in „Cheers“ dadurch konterkariert, dass Woody Harrelson hinter der Theke jede Woche eine andere Frisur trug, und Pathos gab es in dieser kleinen Welt nur, wenn eine Menschenstimme großes Leid (Trennungsschmerz, Vietnam-Krieg) wie im Vorüberstreunen streifte, um ein paar warme Minuten lang davon nachzuhallen – genau wie in Joels „Goodnight Saigon“ (1982), einem Stück, das studentischer Pazifismus ebenso leicht ins eigene Weltbild einpassen kann wie wehmütiger Patriotismus: „And we would all go down together“ – einer für alle, alle für egal was. Joels sicherem Händchen für zutiefst unpolitische Politschlager gelang allerdings ein noch größerer Treffer als die Vietnam-Schnulze, „We didn’t start the fire“ (1989): „Pope Paul, Malcolm X, British politician sex, JFK, blown away, what else do I have to say“ – nichts natürlich, nämlich die sinnloseste überhaupt vorstellbare, aber einigermaßen chronologische Aneinanderreihung zeitgeschichtlicher Reizbegriffe. Sie war prophetisch: Genau so „informiert“ und „debattiert“ das World Wide Web heute, zu einer Zeit, in der Wahlplakate mit Parolen wie „Mehr Klima für Europa!“ oder „Menschenrechte sind ein Menschenrecht!“ niemanden irritieren würden.

          Billy Joel sah das wohl alles kommen, durchaus nicht ohne Beklommenheit, man hört sie in „River of Dreams“: „And I’ve been searching for something/Taken out of my soul /Something I would never lose /Something somebody stole“. So sang die Seele zu einer Klavierbegleitung, die selbst Besoffenenfinger hinkriegen, als die kleinbürgerliche Welt noch kein unentrinnbares Netz war, sondern eine Klimperkneipe. An diesem Donnerstag wird Billy Joel siebzig Jahre alt.

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