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Bilderbuch-Sänger im Gespräch : Hoffentlich toucht mich etwas

  • -Aktualisiert am

Maurice Ernst, Sänger der Wiener Band Bilderbuch bei Rock am Ring im Juni 2018 Bild: Getty

Ist das schwarze Display eines Handys romantisch? Ja, sagt Maurice Ernst, Sänger der Wiener Band Bilderbuch. Die war bislang elegant wie keine zweite, jetzt wird sie politisch. Warum?

          6 Min.

          Im oberösterreichischen Kremsmünster gründete sich 2005 eine Schülerband: Unter dem Namen Bilderbuch vertonten vier Jugendliche, zwischen Hausaufgaben und Skikursen, Märchen. Später zog die Band nach Wien, Mitglieder wechselten, Indierockplatten erschienen. Nett. Bisschen unauffällig. Es war 2013, als Bilderbuch die EP „Feinste Seide“ herausbrachte. Inspiriert von Kanye Wests „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ hatten Maurice Ernst (Gesang), Michael Krammer (Gitarre), Peter Horazdovsky (Bass) und Philipp Scheibl (Schlagzeug) zu einem Opulenz-Pop gefunden, der sich Funk und Trap bediente, Prince genauso wie Frank Ocean würdigte, was allen außer Popkritikern egal sein konnte, weil dieser Sound einfach Spaß machte. Und groove hatte. Es war smooth, es hatte Glamour und es ist kein Zufall, dass sich das schwer auf Deutsch beschreiben lässt.

          Über drei Alben perfektionierte die Band ihren Überfluss-Pop, besang Ernst das Gegenwartszuviel aus Softdrinks, Handyladegeräten und der ständigen Sichtbarkeit per Online-Status in Chatdiensten. Mit dem Durchbruchalbum „Schick Schock“ begann die Party, auf „Magic Life“ glitzerte die Nacht, aber sie tat langsam auch ein bisschen in den Augen weh, und „mea culpa“ zerbrach die Hoffnung, dass diese Nacht nicht allein zu Ende geht. Spätestens da war Maurice Ernst der eine Mensch, der im Frühstücksfernsehen Kaugummis auf eine Torwand hätte spucken können, und man hätte sich nicht geschämt.

          Montag in Kreuzberg, elf Uhr, der Morgen nach dem Super Bowl. Ernst würde ein paar Interviews für das neue Bilderbuch-Album „Vernissage My Heart“ geben. In seinem Zimmer im Hotel „Orania“ schob er die Schiebetür zwischen Schlaf- und Wohnbereich zu und schenkte Mineralwasser ein. Ach ja, er sah sehr gut aus.

          Die österreichische Band Bilderbuch

          Was haben Sie heute Morgen gemacht?

          Mein Manager hat mir ein Bauerngröstl rausgebraten, also Kartoffeln, Ei, Speck. Währenddessen habe ich mir die Super–Bowl-Halbzeitshow reingezogen und mich darüber lustig gemacht, wie es so schön ist. Relativ unspektakulär.

          Kein Aufschreiben von Träumen, kein Notieren erster Songskizzen für den Tag, so lange der Kopf noch frei ist, oder ein ähnlicher Künstlermythos?

          Jein. Daheim in Wien gibt es schon Phasen, in denen man möglichst viel Musik machen und Output generieren will. Da stehst halt auf und setzt dich mit deinem Kaffee in dein Ministudio vor Mikrofon und Laptop und machst. Oder du spielst am Klavier vor dich hin. Es gibt sicher Leute, die jeden Tag eine Seite schreiben, aber so funktioniert es bei mir nicht. Ich nehme das Mikrofon in die Hand, höre Demos, und hoffentlich toucht mich etwas so sehr, dass ich einfach singe. Im besten Fall habe ich dann schon dreißig bis vierzig Prozent vom Text. Von lautmalerischen Melodien über Worte, die ich schon länger singen wollte, taste ich mich vor. Manche Songtexte habe ich nie geschrieben, nur gesungen. Wenn das passiert, ist es genial, weil: Dann bist du so nah an der eigentlichen Idee von Performance, von Musizieren und Singen. Den Text kann man danach kontrollieren.

          Wie geht das?

          Ich versuche, mein Hirn auszuschalten und auf das Gefühl zu vertrauen, dass ich ein korrekter Typ bin. Das heißt, was aus mir rauskommt, wird schon okay sein. Das ist das Grundvertrauen. Und dann, wenn der Text daliegt, schaue ich ihn an und korrigiere mehr oder weniger.

          Mehr als viele andere nutzen Sie Gesang wie ein Instrument. Ein Text muss nicht nur gut sein, auch gut klingen. Gibt es bestimmte Wortklänge, die Sie mögen?

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