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Beyoncés „Black Is King“ : Die Geschichte gehört der Königin

Zurückeroberung einer idealisierten Vergangenheit: Beyoncé in „Black Is King“ Bild: dpa

Beyoncé Knowles hat einen Musikfilm in Spielfilmlänge produziert. Es geht um Selbstermächtigung. Jetzt wird ihr die „Kapitalisierung von Blackness“ vorgeworfen. Ist das fair?

          3 Min.

          Im Roman „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie wandert eine junge Frau aus Nigeria in die Vereinigten Staaten aus. Sie bemüht sich um Anpassung, doch das Gefühl, auch unter Afroamerikanern fremd zu sein, wird sie, die Afrikanerin, nicht los. Sie sei nicht zornig genug, urteilt ihr Freund. Einmal besucht sie eine Veranstaltung der afrikanischen Studentenvereinigung. „Die Afroamerikaner, die zu unseren Treffen kommen“, erklärt der Vorsitzende dort, „schreiben Gedichte über Mutter Afrika und denken, jede Afrikanerin sei eine nubische Königin.“

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die nigerianische Autorin Adichie und die in Texas geborene Popikone Beyoncé haben nicht besonders viel gemeinsam. Aber 2013 zitierte Beyoncé in ihrem Song „Flawless“ aus einem TED-Talk von Adichie über Feminismus. Die Resonanz auf den Song war, wie bei Beyoncés Interventionen üblich, groß. Erst drei Jahre später äußerte sich Adichie in einem Interview dazu: Beyoncé sei reizend, sagte sie, und sie, die Autorin, überzeugt von ihren besten Intentionen. Nur einige grundlegende Überzeugungen sei sie von ihr entfernt.

          Schönheit und Stolz

          Nun hat Beyoncé mitten in den konzertfreien Sommer hinein einen bombastischen Musikfilm veröffentlicht. „Black Is King“ heißt er, und dafür, dass es die lediglich bei einem Bezahlsender verfügbare visuelle Fortsetzung der Arbeit ihres letzten Albums „The Lion King: The Gift“ ist – bis auf die im Juni erschienene Single „Black Parade“ ist dieselbe Musik zu hören – ist die Resonanz wieder beachtlich.

          In ihrer Ankündigung hatte Beyoncé rechtzeitig auf die politische Bedeutung verwiesen. Die weltweiten Protestbewegungen hätten die Botschaft des Films noch drängender gemacht. Regie hat sie selbst geführt, unterstützt von vielen, auch einigen afrikanischen Ko-Regisseuren. Herausgekommen ist ein Werk, das Schönheit und Stolz der schwarzen Community beschreiben soll und dabei so weit in die Fiktion driftet, wie man es von einem Musikfilm erwarten darf.

          Beyoncé also wandert in weißem Kleid am Meer entlang und nimmt singend einen Säugling entgegen. Sie ist Madonna, die Yoruba-Göttin der Fruchtbarkeit, die behörnte Königin eines lang vergessenen Tribes auf einem gefleckten Pferd. Im Panorama wechseln ikonische Ansichten Afrikas: Kolonialhäuser, Wüste, Baracken. Dazu viel wildtiergefleckter Stoff. Die wenigen Weißhäutigen in diesem Film sind konsequenterweise Diener, der einzige an der Seite der Königin tolerierte Held ein kleiner Junge, von wohlmeinenden Stimmen aus dem Off begleitet. Er sei Teil der großen Erzählung schwarzer Kultur, heißt es, von alten, ihrer Reiche beraubten Königen beschützt: „Let black be synonymous with glory.“ Mühelos zitiert Beyoncé für ihr Selbstermächtigungsszenario aktuelle Debattenbeiträge und Simba, den Löwenjungen. Dem neuen Disneyfilm „König der Löwen“ hat sie den Titelsong geschrieben. Auch „Black Is King“ ist eine Disneyproduktion.

          Ganz ohne popkulturelle Spielereien kommt auch sie nicht aus. In „Find your way back“ geistert die Erdenmutter als außerirdisches Glitzerwesen durch die Wüste. Kelly Rowland, Pharrell Williams und Naomi Campbell haben ihren Auftritt. Mit ihrem Mann Jay-Z sitzt sie abends als müdes Ehepaar vor dem Fernseher und stochert auf einem Tablett. Es gab berechtigte Kritik an diesem Konzept aus Kuhfell und tanzenden Grünhäutern. Beyoncé, die Meisterin der globalen Vermarktung, inszeniere mit „Black is King“ tribale Kultur, werfe verschiedene Traditionen in einen Topf, erfinde neue und missachte dabei alle Kulturphänomene des heutigen Afrikas. Außerdem übertreibe sie ihre Selbstdarstellung. „I am Beyoncé Giselle Knowles-Carter / I am the Nala, sister of Naruba / Oshun, Queen Sheba, I am the mother“, rappt sie in „Mood 4 Eva“.

          Die Zufälle und peinlichen Fehlgriffe hat Beyoncé über die Jahre aus ihrer Karriere getilgt. Sie gibt keine Interviews mehr, lässt ihre Musik würdevoll für sich sprechen. Auch so kann Tiefe entstehen. Die Absurdität ihrer Assoziationen mag Menschen verärgern. Allerdings sind da auch die Bilder von um ihr Leben laufenden Männern im Wald. Afrikanische Künstler wie Yemi Alade und Lord Afrixana treten auf. „Already“ hat sie mit dem Ghanaer Shatta Wale aufgenommen. Er wird so schnell nicht vergessen werden. Und sie führt konsequent weiter, was sie mit dem hochgelobten Album „Lemonade“ begann. Die Frage nach der Konstruktion von Geschichte, die Demonstrierende derzeit nicht nur in Amerika stellen, ist eines der Hauptmotive von „Black Is King“: Wer, wenn nicht wir, kann unsere Geschichte erzählen?

          Die Geschichte der Versklavung und Kolonialisierung muss auf Auslassungen und Verkürzungen, auf ihre allzu weißen Blickwinkel geprüft werden, lautet eine der Forderungen. Beyoncé weist auf Instagram darauf hin, wie wenige der in Afrika wurzelnden Traditionen in amerikanischen Lehrbüchern stehen. Die Gesichter ihrer Tänzerinnen sind – Symbol mangelnder Sichtbarkeit – verhüllt, und der Junge, der gerade noch behütet wurde, muss sich in einem Initiationsritual der Frage stellen, wer er eigentlich ist. Man braucht die Überzeugungen dieser Popkönigin nicht zu teilen. Die Geschichte aber sollte man hören.

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