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Beyoncés neues Album : „Lemonade“ aus den Zitronen, die das Leben ihr reichte

Die „Independent Woman“ von Destiny’s Child wird immer stärker: Beyoncé bei einem Konzert in New Orleans Bild: dpa

Es hagelt elegant erhobene Mittelfinger: „Lemonade“ von Beyoncé ist ein Gesamtkunstwerk aus Film und Musik. Wer das nicht schätzt, kann immerhin mit den Spekulationen über ihre Ehe vorliebnehmen.

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          Eine Stunde, fünf Minuten, zweiundzwanzig Sekunden. So lange dauert das Video zu „Lemonade“, dem neuen Album der wichtigsten amerikanischen Popkünstlerin Beyoncé, und es ist längst kein Videoclip mehr, sondern ein Kunstfilm. Vor allem aber ist es eines: keine Sekunde langweilig. Denn es hat zwar keine Handlung, aber es hat Geschichte – zwei große Geschichten, um genau zu sein, verpackt in zwölf Lieder. Ob sie in den Film eingebettet sind oder umgekehrt, ist unmöglich zu sagen. „Lemonade. The Visual Album“ (Columbia Records/Sony) ist so in sich geschlossen und durchdacht, dass sich das eine vom anderen nicht trennen lässt.

          Die erste große Geschichte dieses Albums ist die Geschichte einer Ehe, die sich nach wiederholtem Betrug neu bewähren muss. Schon wird heftig spekuliert, ob es sich dabei um Beyoncés eigene Ehe mit dem Rapper Jay-Z handelt, vor allem, da die Sängerin das Album unangekündigt auf dessen Musikdienst „Tidal“ veröffentlicht hat und die Vorstellung einfach zu schön ist, Jay-Z sei selbst davon überrascht worden.

          Szenen einer Ehe: Beyoncé und Jay-Z bei einer Gala im New Yorker Metropolitan Museum of Art
          Szenen einer Ehe: Beyoncé und Jay-Z bei einer Gala im New Yorker Metropolitan Museum of Art : Bild: dpa

          Außerdem ging vor zwei Jahren das Video eines Wutanfalls von Beyoncés Schwester Solange herum, die in einem Fahrstuhl auf ihren Schwager losgegangen war, während die laut gängiger Lesart betrogene Ehefrau Beyoncé stumm danebenstand. Die Gerüchte sind also saftig genug, um sofort Parallelen zu ziehen, wenn Beyoncé in ihrer phantastisch zurückgelehnten Hassliebeserklärung „Hold Up“ in Zeitlupe mit dem Baseballschläger Autos zertrümmert. Wen die sensationelle Musik nicht überzeugt, der kann mit dem Klatsch vorliebnehmen.

          Das ist ein kluger Schachzug, denn auf diese Weise bekommt Beyoncé ihre zweite Botschaft unters Volk. „Lemonade“ ist ein Ermutigungsalbum für schwarze Mädchen und Frauen, was aus dem Film noch deutlicher hervorgeht als aus den Liedern. Darin treten nämlich ausschließlich schwarze Frauen auf, darunter die Tennisspielerin Serena Williams, das Model Winnie Harlow und die zwölf Jahre alte Schauspielerin Quevenzhané Wallis. Die musikalische Unterstützung kommt von Männern wie Jack White, James Blake und Kendrick Lamar, aber die Frauen spielen die Hauptrolle.

          Jeden Dollar und jede Minute wert: Beyoncé Knowles (links) mit der Tennisspielerin Serena Williams im Film zu ihrem neuen Album „Lemonade“.
          Jeden Dollar und jede Minute wert: Beyoncé Knowles (links) mit der Tennisspielerin Serena Williams im Film zu ihrem neuen Album „Lemonade“. : Bild: WENN

          Stärke und Unabhängigkeit

          Schon Beyoncés Auftritt beim Superbowl mit der dröhnenden Hymne „Formation“ war hochpolitisch. Bald darauf mokierte man sich bei „Saturday Night Live“ in einem Sketch über Weiße, die entsetzt feststellten: „Beyoncé is black?!“ Das ist sehr scharf beobachtet und witzig, doch dass Beyoncé schwarz ist, war oft wirklich kaum zu erkennen, weil viele Zeitschriften dunkle Haut gern aufhellen. Ihr Mann Jay-Z – ja, der war schon immer schwarz. Aber Beyoncé? Höchstens ein bisschen. 2007 wurde im Video zu einem Duett mit der Kolumbianerin Shakira die Lichtstimmung so angepasst, dass ihre Hautfarben exakt gleich aussehen. Das war ein interessanter visueller Effekt, doch es trug sicher nicht zum Selbstbewusstsein schwarzer Frauen bei. Jetzt aber singt sie: „I like my baby heir with baby hair and afros / I like my negro nose with Jackson Five nostrils.“

          Tatsächlich schließt Beyoncé hier eine lange klaffende Lücke. Sie zeigt als schwarzes Role Model eine Stärke und Unabhängigkeit, die an Madonna in den Achtzigern erinnert. Im düsteren „Don’t Hurt Yourself“ mit seinem spannungsvoll sperrigen Beat lässt sie Malcolm X sprechen: „The most disrespected person in America is the black woman.“ Das Zitat stammt von 1962. Mehr als fünfzig Jahre später stellte die American Association of University Women fest: Schwarze Frauen verdienen 63 Prozent weniger als weiße Männer. Das liegt auch daran, dass schwarze Frauen häufig schlecht bezahlte Pflegeberufe ergreifen. Beyoncé ermutigt sie in „6 Inch“: „She works for the money / From the start to the finish / And she worth every dollar / And she worth every minute.“

          Es hagelt elegant erhobene Mittelfinger im provokant-trägen „Sorry“, Beyoncé schreit stampfend nach „Freedom“ – das dürften die Momente sein, die sich am schnellsten einprägen. Doch „Lemonade“ ist kein Krawallalbum. Es finden sich darauf auch einige völlig unerwartete Lieder wie „Daddy Lessons“, ein wippendes Stück mit Bluegrassanleihen. Denn Beyoncé ist nicht nur überraschenderweise schwarz, sondern kommt auch überraschenderweise aus Texas. Es ist, als hätte sie erst jetzt die ganze Bandbreite ihrer Persönlichkeit kreativ ausschöpfen können. Endlich.

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