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Besuch bei den Fab Four : Beatles-Werk und Liverpools Beitrag

Mit Liverpudlians ins Gespräch zu kommen, fällt leicht. Doch das heißt nicht, dass sie leicht zu verstehen sind. Ihr Dialekt singt und lässt es guttural zischen, aus „fact“ wird „fecht“: Scouse eben. Das Wort bezeichnet auch ein Eintopfgericht, das - Fleisch, Kartoffeln, Zwiebeln, Gemüse - nicht nur phonetisch mit Labskaus verwandt ist. Halbwegs gepflegt ist Scouse auf einer Endlos-Schleife im Stadtmuseum zu hören, wo Scousers, wie die Liverpudlians auch heißen, einer nach dem anderen - Halbstarke und Pfundskerle, Hausfrauen und feine Damen, Migranten und deren Enkel, Christen, Sikhs und Juden - die Frage beantworten, was typisch für sie ist: dass sie sich nicht so leicht unterkriegen lassen und eine große Klappe haben; dass sie stolz und mutig, trinkfest und „different“ sind und ihnen „die dahinten in Manchester“, ein Daumen zeigt verächtlich über die Schulter, gestohlen bleiben können. Andere schildern ihre Integrationsgeschichte, wie sie oder ihre Eltern, aus Irland, Italien oder Indien, hierherkamen und schnell sich dazugehörig und beheimatet fühlten: „I am multicultural, but I am definitely a scouser.“ Liverpool, offene Stadt.

In der Identitätsmaschine

Das neue Museum of Liverpool, das der dänische Architekt Kim Neilsen 2011 in der Form eines gestauchten „X“ zwischen Fähr-Terminal und Albert-Dock gesetzt hat, ist ein Empfangsgebäude der anderen Art: Begehbares Nachschlagewerk und Gedächtnis von Merseyside, Galerie der Alltagskultur, Treffpunkt und Identitätsmaschine, auch Fanclub der Beatles und der beiden Fußballclubs, FC Liverpool und FC Everton. Anregender, unterhaltsamer und abwechslungsreicher lässt sich der Roman einer Stadt, ihre Geschichte und Gegenwart nicht erzählen.

Die Beatles als Graffito im Liverpooler Stadtteil Toxeth

Alles ist hier zu erfahren: wie bei der Eröffnung der ersten Eisenbahnstrecke von Liverpool nach Manchester der Parlamentsabgeordnete William Huskisson 1830 ums Leben kam; dass es nach dem Zweiten Weltkrieg Pogrome gab, die zur Ausweisung von Chinesen führten und viele Halbwaisen zurückließen; dass neben den ewigen Rivalen FC Liverpool und FC Everton, den Roten und den Blauen, drüben auf der Halbinsel Wirral auch die Tranmere Rovers die Merseyside vertreten; und wie der Weg der Beatles in die große Welt - ein Knopfdruck für „Hamburg“ - verlief. Am Sonntagnachmittag herrscht hier Hochbetrieb: Eltern mit Kindern, Rentner, Studenten, Teenager, Schulklassen, Einheimische, Fremde. Draußen auf der Uferpromenade steht Billy Fury in Bronze. Die Blumen zu seinen Füßen sind frisch.

Bei Johns Tante Mimi

Auch das Haus von Tante Mimi und Onkel George in 251 Menlove Avenue, wo John Lennon aufgewachsen ist, lässt sich besichtigen. Japanische Studenten haben ein Modell davon gebaut, typische Doppelhaushälfte und - von wegen „working class hero“ - gutbürgerlich. Die musikalischen Ambitionen des Neffen hat Mimi skeptisch toleriert und mit dem historischen Satz quittiert: „Aber deinen Lebensunterhalt wirst du damit nicht bestreiten können.“ Warum die Beat-Revolution Ende der fünfziger Jahre von der Merseyside ausging, findet eine so naheliegende wie facettenreiche Erklärung: „Liverpool“, wird der Jazz-Sänger George Melly, auch er ein Sohn der Stadt, zitiert, „liegt näher an Dublin, auch an New York und sogar an Buenos Aires als an London.“ Mit Baumwolle, Tabak und Brandy sind auch Country & Western, Blues, Boogie-Woogie oder Tango hier angekommen und haben sich mit der hiesigen Musik zum neuen Sound vermischt. Auch unbekannte Krankheiten kamen über Liverpool ins Land: 1898 wurde hier das erste Institut für Tropenmedizin der Welt gegründet.

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