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Besuch bei den Fab Four : Beatles-Werk und Liverpools Beitrag

Für Liverpooler Beatles-Museum angefertigt: Die Gruppe in Wachs

Bei der Ankunft in Liverpool Lime Street fährt man der Stadt in den Rücken. Mehr Understatement geht kaum. Wer aus dem Bahnhof auf den Vorplatz tritt, steht wie auf einem Balkon, von dem aus Liverpool, das seine imposante Schauseite dem Fluss zuwendet, von hinten zu sehen ist. Könnte überall sein: Eine vierspurige Straße rauscht vor einem eingerüsteten Parkhaus mit vorgehängter Screenwand vorbei, auf der Werbung flimmert; links eine Verkehrsfläche, wo Busse abfahren, dahinter ein historischer Pub; ganz rechts, die Akropolis lässt grüßen, die St. George’s Hall, auf deren Dach Ringo Starr die Europäische Kulturhauptstadt 2008 eingetrommelt hat.

Durch Niedergang und Aufschwung

Die Kulturhauptstadt hat, das ist immer wieder zu hören, Liverpool einen Schub gegeben. Neue Museen wie das zur Sklaverei, die erst 1807 verboten wurde und die Stadt davor reich gemacht hat, als ihre Schiffe Waren und Waffen nach Afrika, von dort Sklaven nach Amerika und Rohstoffe zurück nach England transportierten. Goldenes Dreieck. Die Einwohnerzahl, die zwischen 1930 und 2000 von 850 000 auf wenig mehr als die Hälfte gesunken war, steigt wieder, die 1903 gegründete Universität hat zwei Schwestern bekommen, mehr als 60 000 Studenten sind es insgesamt.

Wer von der Kathedrale die alte Rotlichtmeile Duke Street hinunter, an der ersten, 1870 gegründeten Chinatown Europas vorbei, ins Zentrum geht, durchläuft den Wandel von großer Vergangenheit, langem Niedergang und neuem Aufschwung gleich mehrmals: Neben aufgegebenen Häusern, deren Türen und Fenster verbrettert sind, leuchtet Renoviertes: schicke Läden und Restaurants. Neben Brachen wurden neue Wohnquartiere hochgezogen. Breite Straßen trennen die Docks von der Stadt, die in die riesige Lücke, die das erste Trockendock der Welt hinterlassen hat, die größte Shopping Mall Europas gesetzt hat: „Liverpool One“.

Die Kunst der Party

Autofrei und steril, ist sie nach Ladenschluss gespenstisch verwaist, eine Städtebausünde, auch wenn die alten Straßennamen wie Church oder Paradise Street das Gegenteil behaupten. Das Albert Dock, das 1972 aufgegeben und in den achtziger Jahren revitalisiert wurde, ist ein Backstein-Carrée mit griechischem Säulengang, an dem Boutiquen, Restaurants, ein Hotel, das Beatles-Museum, auch Wohnungen, Büros und die Tate Liverpool liegen. Am Abend wird hier eine Ausstellung über Pop der siebziger Jahre eröffnet, die jene Phase beleuchtet, als der Glitzer - mit Iggy Pop oder David Bowie als Trendsettern - Kostüme, Musik, Mode und Make-up überstäubte und sie in Beziehung zu Kunst, Photographie und Werbung setzte. Der Laden brummt, die Ausstellungsräume sind keine heiligen Hallen, die Leute drängeln sich und benehmen sich so ungezwungen wie im Pub. „Angst“ ist ein deutsches Fremdwort im Englischen und „Schwellenangst“ wohl erst recht; mit „Party“ verhält es sich umgekehrt. Die Frauen, nicht nur die jungen und jüngeren, die meisten in ärmellosen kurzen Kleidern und ohne Strümpfe, scheinen einen Wettbewerb um die höchsten Absätze auszutragen, der jeden Orthopäden in Alarmbereitschaft versetzt. Fast alle stöckeln, auch wenn sie nicht die Beine dafür haben, auf High heels - je höher, desto gewagter und auffälliger. „Aufgebrezelt“ und „elegant“ sind, im Englischen schon gar nicht, keine Synonyme. Aber, was soll’s? Alle, die Männer bohèmehaft oder lässig-salopp, haben beste Laune. Die Politik des freien Eintritts hat in Großbritannien nicht nur die Museen, sondern auch die Haltung gegenüber der Kunst geöffnet.

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