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Ben Lee : Ein Platzhirsch des Pop

  • -Aktualisiert am

„Auf mein Songwriting kann ich mich verlassen” - Ben Lee Bild: Alex Carr

Bryan Adams war gar nicht so verkehrt. Der junge Ben Lee klingt ähnlich - nach dem Motto: Es ist doch dämlich, wenn man sich nicht bemüht, massentauglich zu klingen. Eric Pfeil über das neue Album „Ripe“.

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          In ihren besten Momenten wirft die Popmusik sogar Fragen auf. Zum Beispiel diese: Was genau war eigentlich noch mal so verkehrt an Bryan Adams? Als wandelnde Jeansjacke des Mainstream-Pop versorgte der Mann in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern alle Radiokanäle mit seinem burschikosen, aber stets solide geschriebenen Pop-Rock, einer kundigen Allerweltsmusik, der man auch als mürrischer Indierock-Zausel letztlich wenig vorwerfen konnte. Gut, das bräsige „All For Love“, jener musikalische, schlechtgekleidete Dreierbob mit Sting und Rod Stewart, war vielleicht keine allzu pfiffige Idee. Ansonsten aber war Adams ein Garant für tollen Mainstream-Pop. Und „Summer of 69“ ist ohnehin eine Powerpop-Granate. Punkt.

          Der Australier Ben Lee nun, der bereits mit vierzehn entdeckt und daraufhin ausgiebig von New Yorker Szene-Zampanos wie „Sonic Youth“ oder den „Beastie Boys“ gefördert wurde, hat gerade eine neue Platte gemacht, bei der Adams' Geist gelegentlich um die Ecke lugt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Bryan Adams geht es gut, er ist gesund und fotografiert gerne für sein „Zoo-Magazine“ gutaussehende Menschen in gutaussehender Kleidung. Seine Musik allerdings hat nicht mehr diesen jungenhaften Schmiss von damals, vielleicht schon seit dem unglückseligen Zusammentreffen mit Sting und Rod Stewart nicht mehr.

          Schamlos Hit an Hit gereiht

          „Ripe“, das neue Album Ben Lees hingegen, ist eine kompetente Sammlung dreifach geschliffenen, beinah konservativen Radio-Pops für jedermann; eine musikalische Allgemeinplatzbegehung, die nur dann peinlich wäre, wenn Lee kein ordentliches Songmaterial aufzuweisen hätte. Doch darum musste man sich bei Lee noch nie sorgen. „Auf mein Songwriting kann ich mich verlassen“, sagt der Neunundzwanzigjährige. „Man muss nur ein paar ganz simple Regeln beachten: Zum Beispiel sollte man nie das Wort 'just' verwenden, das habe ich von John Lennon gelernt. Und Songs mit komplizierten Tempi gehen in der Regel auch in die Hose.“

          Nach überambitionierten Gestelztheiten sucht man auf „Ripe“ vergebens. Die Platte reiht Hit an Hit, so schamlos, dass sie manch abgrenzungsfreudiger Bedenkenträger nicht in den CD-Player legen wird. Bei Vorspieltests unter zunehmend vor Scham errötenden Probanden wurden unter anderem Rick Springfield, Huey Lewis und Bruce Springsteen in seiner „Dancing in the Dark“-Phase assoziiert. Und eben der Jeansjacken-Fotograf.

          Das meint er noch nicht einmal provokant

          Doch woher kommt diese plötzliche Mainstream-Faszination, die Lee mit einer zunehmend großen Schar vornehmlich amerikanischer Musikerkollegen - von seinem Freund und Kollegen Ben Kweller über die Band „Rooney“ bis hin zu den exquisiten „Rilo Kiley“ - teilt? So viel ist sicher: Mit dem 11. September hat es nichts zu tun. Es geht hier um keinen Rückzug in die Behaglichkeiten einer musikalischen Vergangenheit, dazu ist der Gestus aller Genannten viel zu weltumarmend und expressiv. Es ist, auch das kommt im Pop vor, vermutlich ganz einfach: Es hat mit der Suche nach Schönheit und dem Streben nach Perfektion zu tun.

          Lee: „Ich fand diese Indie-Perspektive schon immer sehr verkniffen. Ich bin Mainstream-Fan, mir kann es teilweise gar nicht glatt genug sein. Es ist doch dämlich, wenn man sich nicht bemüht, möglichst zugänglich und massentauglich zu klingen.“ Das meint er noch nicht einmal provokant, das ist schlichtweg der Unterschied zwischen Amerika und Europa, wo man sich gerne ganztags an Kanten stößt und Perfektion nur mit darunterliegendem Rumoren goutieren mag - auf die Dauer sicher auch die ergiebigere Kombination. Vielleicht ist dies tatsächlich die einzige Schwäche dieser Platte: Sosehr Lee um die Kraft kleiner Widerhaken weiß (wie er in seiner Nichtraucher-Hymne „Cigarettes Will Kill You“ vor acht Jahren demonstrierte), so sehr verplempert er seinen Humor hier in Teenage-Späßchen ohne echten Witz.

          Am Ende siegt immer der Song

          Dazu passt es, dass er für einen Song die Teenie-Sängerin und Hollywood-Schauspielerin Mandy Moore zum Duett ins Studio einlud: „Mandy war meine erste Wahl. Keine andere hätte mit mir ein solches Duett zum Thema Sex und Bienen singen können. Ein tolles Mädchen.“ Auch sonst bleibt auf „Ripe“ kein Auge trocken: „American Television“ huldigt voller Überschwang der Jugend und siedelt Lees ganz persönlichen „Summer of 69“ in den späten Achtzigern an; „Sex Without Love“ wiederum klingt wie der verführerische Hausfrauenpop einer Belinda Carlisle, und in „What Would Jay-Z do“ fragt sich Lee, was ihm die Hiphop-Ikone wohl in Krisenmomenten raten würde. „Er ist wirklich ein Vorbild“, bestätigt Lee. „Wann immer ich nicht weiter weiß, höre ich Jay-Z.“

          Doch sosehr sich manchmal bei diesem Schalk die thematischen Balken biegen - Lee meint es ernst, und am Ende siegt immer der Song. Ähnlich wie früher bei Bryan Adams. Lee ist ein Platzhirsch des Pop; mancher wird auf einen wie ihn gewartet haben - vielleicht ohne es zu wissen. Und für alle, die sich immer noch fürchten: Anstelle von Jeansjacken trägt Ben Lee schnieke Anzüge, falls das helfen sollte, letzte Berührungsängste abzubauen.

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