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Beatles-Nachlass : Die Kronjuwelen des Pop

  • -Aktualisiert am

Der Beatles-Nachlass ist unerschöpflich. Plattenfirmen und Datenpiraten plündern ihn genüsslich. Nicht jede Veröffentlichung ist seriös, aber einige muss man einfach haben - etwa das legendäre Londoner „Rooftop Concert“.

          Derzeit überschwemmt eine neue Welle von Beatles-Raritäten den Plattenmarkt. Aus Japan sollen die CDs im Mini-LP-Format stammen, mit seltenen Fotos und genauen Angaben zu jedem der seltenen Stücke. Zwar kursierte ein Teil der jetzt zum ersten Mal in hochprofessioneller Qualität produzierten Scheiben in den vergangenen Jahren schon in der Bootleg-Szene, doch jetzt bietet Amazon die Platten ganz offiziell an.

          Das Archiv wird ausgebeutet

          Damit ist eine neue Stufe der Beatles-Vermarktung erreicht, galten solche inoffiziellen Scheiben doch bislang als illegal und waren nur schwer erhältlich - vor allem auf Plattenbörsen. Mag vieles davon nur für Sammler interessant sein, so dürfte eine Menge des neuen Materials auch die Mehrheit der Beatles-Interessenten begeistern: etwa das komplette „Rooftop Concert“ der Beatles auf dem Dach des Apple-Gebäudes, das jetzt erstmals mit allen Probenaufnahmen unter dem Titel „Last Licks Live“ vorliegt. Alle großen Alben von „A Hard Day’s Night“ über „Help“, „Rubber Soul“ und „Revolver“ bis zu „Abbey Road“ und „Let It Be“ sind jetzt in Alternativversionen zu haben. Dazu kommen Box-Sets mit ausgesuchten Interviews, Radio-Shows und Outtakes. Angesichts dieser Fülle von hochinteressantem Material schwankt der Beatles-Fan zwischen Faszination und Abscheu.

          Man wird den Verdacht nicht los, dass nach der fast vollständigen Zerschlagung des EMI-Labels, der ehemaligen Plattenfirma der Beatles, die letzten Dämme urheberrechtlicher Restriktion gebrochen sind und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch der letzte Ton und das letzte jemals gesungene oder gesprochene Wort des Quartetts veröffentlicht wird. In Zeiten, in denen der digitale Datendiebstahl fast zu einem Kavaliersdelikt verkommen ist, saugen findige Netzexperten noch die letzten musikalischen Informationen aus dem Beatles-Archiv in der Londoner Abbey Road heraus. Die Kronjuwelen des Pop sind längst nicht mehr sicher.

          John Lennon selbst löste den Bootleg-Boom aus

          Der größte Traum eines jeden Fans war es, das „Making-of“ der Beatles-Platten nachzuerleben, die schrittweise Perfektion eines Songs nachvollziehen zu können. Dabei soll es John Lennon selbst gewesen sein, der den Beatles-Bootleg-Boom ausgelöst hat, als er im September 1969 die Kopie einer Acetate-Platte mit nach Kanada nahm und sie dort dem örtlichen Radiosender WKBW in Buffalo aushändigte. Der strahlte die zwölf Titel - eingespielt während der wochenlangen „Get Back/Let It Be“-Sessions in den Twickenham-Filmstudios - prompt am 22. September 1969 aus: verschiedene Fassungen von „Get Back“, eine Alternativversion von „Don’t Let Me Down“ und die wundervolle Ballade „The Long and Winding Road“. So entstand das erste Beatles-Bootleg-Album mit dem Titel „Kum Back“.

          Es handelte sich um frühe Abmischungen jener Aufnahmen durch den Tontechniker Glyn Johns, die in ihrer finalen Form als „Get Back“-Album dann im Januar 1970 von den Beatles endgültig abgelehnt wurden. Bekanntlich bekam Phil Spector dann den Zuschlag, das Album fertigzustellen, welches schließlich unter dem Titel „Let It Be“ erschien. Natürlich ist auch das von Glyn Johns kompilierte und bisher offiziell unveröffentlichte „Get Back“-Album wieder Teil der aktuellen Veröffentlichungsoffensive aus Japan. Interessant sind diese Aufnahmen, weil sie rauher, ursprünglicher und energetischer als die bekannten Originale klingen.

          Nachdem in den Siebzigern das „Get Back“-Material unter Liebhabern kursierte und auch die zahlreichen BBC-Aufnahmen den Markt zu erobern begannen, schwappte Mitte der achtziger Jahre eine weitere Welle von inoffiziellen Veröffentlichungen auf den Schwarzmarkt. Die Vorgeschichte dieses Beatles-Bootleg-Booms liest sich rückblickend wie ein Krimi.

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