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Barbra Streisand in Berlin : Die großen kleinen Illusionen

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Sie trat das erste Mal auf einer deutschen Bühne auf - und triumphierte auf der Waldbühne in Berlin. Barbra Streisand ist kein Tramp, sie hat sich gewandelt. „Ich werde diesen Abend nie vergessen“, lautet ein letzter gerührter Dank der Diva.

          Frauen ihrer Art kommen über uns wie ein Sturm, ein Erdbeben. So beginnt denn Barbra Streisand ihr einziges Konzert in Deutschland mit einer Breitseite: „Startin' here, startin' now“. Als sie beginnen kann, denn zuvor haben die Tausende Berliner in der Waldbühne auf ihr bloßes Erscheinen mit einem Enthusiasmus reagiert, den das Wort „standing ovations“ nur unzureichend beschreibt. Sofort folgt, eingeführt mit einem beiläufigen „Nun ein wenig Jazz“, das leidtrumpfende „Down with love“. Erleichterung beim Hörer, weil hier die Stimme wieder biegsam klingt, mühelos komplizierte Schlenker, Sprünge und Verzögerungen bietet.

          Aber im Laufe des Abends wird doch unüberhörbar, was im Eröffnungslied angeklungen ist: Die kristallene Klarheit und Schärfe haben gelitten, die stupenden Höhen sind nun oft verschattet, es gibt viele Zwischenatmer, um die berühmten langen Töne zu halten. Was sich aber eher als Gewinn denn Verlust herausstellt: Da singt eine Frau, die keines der 47 kräftezehrenden Jahre ihrer hart erkämpften Karriere leugnet. Deshalb ist es auch nicht die weniger strahlende Stimme, die „Startin' here“, das Stehauflied vom totalen Neubeginn, so anders klingen lässt, sondern Erfahrung: Je verbissener wir gelebtes Leben abstreifen wollen, je euphorischer wir uns, benebelt von der Droge Liebe, in ein anderes stürzen, desto zuverlässiger begegnen wir immer wieder uns selbst und unseren alten Miseren.

          Erschreckende Wahrheit

          „What's too painful to remember, we just try to forget“ - so lautet die erschreckende Wahrheit hinter diesen Fluchten. Sie ist die zentrale Aussage in „The way we were“, einem der Streisand-Klassiker aus „Funny Girl“, dem Musical, mit dem sie 1964 erst den Durchbruch am Broadway und vier Jahre später, oscarprämiert, auf der Leinwand erlebte. Die Barbra Streisand, die man in Berlin sieht, hat nichts vergessen, keine Enttäuschung, keine Niederlage, keinen Schmerz. Doch statt eines musikalischen Sturms der Entrüstung oder eines hollywoodesken „Dennoch“ à la „What a wonderful world“ bietet die Sängerin Einsicht, die lächelnd, gerührt und kopfschütteld zugleich die unvermeidlichen Dinge des Lebens überblickt; das war die Atmosphäre dieses Abends.

          „What's too painful to remember, we just try to forget”: Barbra Streisand

          Sie kulminiert ein erstes Mal, als Barbra Streisand „My man“ singt, das dem Blues abgelauschte Funny-Girl-Lied von der Hörigkeit. Verhalten, nicht auftrumpfend wie einst, singt sie dessen Zeile „Two or three girls has he, that he likes as well as me“. Und wie verwundert klingt „He isn't true, he beats me too - what can I do?“, die Zeile vom prügelnden Mann. „People“, die Arie vom versteinernden Erwachsensein, das Haltung über Bedürftigkeit stellt, Sehnsucht mit Schwäche verwechselt, hat erst mit dieser neuen Streisand die Reifeprüfung bestanden: „We're children, needing other children, lettin' our grown up pride hide all the need inside, acting more like children than children.“ Was einst als Orkan vorgetragen wurde, entfaltet nun als sparsame Geste dieselbe, wenn nicht größere Eindringlichkeit.

          „Papa, can you hear me?“

          Natürlich kommt „Yentl“ zur Sprache, der Film, mit dem Barbra Streisand in der Rolle einer jungen Jüdin, die um 1900 nur als Mann getarnt auf einer Talmudschule Wissen erlangen kann, 1983 endgültig zu einer Ikone der amerikanischen Frauenbewegung wurde. Diese Ikone singt „Papa, can you hear me?“, jenes von ihrem Sohn Jason komponierte Lied, das schon als Abspanntitel des Films Feministinnen verwirrt hatte, und widmet es „allen unseren Vätern“. Nicht als Rand-, sondern als Zentralfigur eines Kinder- und auch Frauenlebens wird der Vater gewürdigt: „Die Welt ist so viel größer geworden und so viel kälter, seit du nicht mehr da bist.“ Von jeder anderen gesungen wären diese Zeilen unerträglich sentimental. Barbra Streisand intoniert sie so zart und wehmütig, dass einem der Atem stockt.

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