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Zum Tod von James Last : Viel mehr als dum, dum, dum

Keine Angst vor dem Massengeschmack: James Last 2006 bei einem Konzert in Hof Bild: dpa

Er habe den „Happy Sound“ nicht erfunden, sagte James Last stets: Er empfinde eben so, wie er arrangiere. Man muss ihn sich als glücklichen Menschen vorstellen. Jetzt ist der Musiker gestorben – kurz nach seiner Abschiedstournee.

          Das Musikgeschäft ist voller einzigartiger Karrieren. Doch James Last sticht sogar aus diesem Haufen von Solitären heraus. 1929 wurde er in Bremen als Hans Last geboren, später an der Heeresmusikschule Bückeburg ausgebildet. Mit sechzehn Jahren spielte er in einer amerikanischen Armee-Band den Bass, und bald arbeitete der talentierte Jazzmusiker als Arrangeur für Stars wie Freddy Quinn. Schließlich arrangierte er für seine eigene Big Band und kreierte den „Happy Party Sound“, der Menschen in der ganzen Welt auf die Tanzflächen lockte. Sie kauften weit mehr als 80 Millionen seiner Alben.

          Julia Bähr

          Redakteurin im Feuilleton.

          Musikalischer Anspruch und Massentauglichkeit: Was vielen heute noch als kaum zu vereinbarender Gegensatz gilt, schien für James Last schon immer zusammenzugehören. Dabei schreckte der berühmteste Bandleader der Welt durchaus nicht vor Experimenten zurück. „Ich habe auf dem Bass nicht nur dum, dum, dum gemacht, sondern ich habe versucht, eine Gegenmelodie zu finden“, sagte er vor zwei Monaten in einem seiner letzten Interviews der Zeitung „Volksfreund“. „Und das war, glaube ich, neu für die damalige Zeit.“ Dafür konzentrierte er sich auf Melodien aus Klassik, Pop und Volksweisen, die den Menschen vertraut waren – oder zumindest so eingängig, dass sie ihnen schnell bekannt vorkamen. Auf seinem ersten „Non Stop Dancing“-Album, mit dem er 1965 den Grundstein einer Reihe von mehr als dreißig Veröffentlichungen legte, finden sich Lieder von den Beatles, Paul Anka, Drafi Deutscher und Manfred Mann.

          Auch James Lasts Rolle bei den Auftritten war einzigartig: Sein lässiges Schnippen wirkte oft gar nicht wie ein Dirigat. Eher, als sei er einfach nur der erste auf der Tanzfläche und wolle noch nicht so richtig loslegen. Nur manchmal spielte er den Bass, der in den letzten Jahren aber weitgehend unberührt im Keller stand. Da komponierte er vorwiegend am Flügel und mit dem Computer – denn sich Neuem zu verschließen, kam für James Last nie in Frage.

          Dies dürfte das Geheimnis seines anhaltenden Erfolges gewesen sein: Das Wissen darum, was am Alten gut war, und die große Neugierde, wie etwas Neues einzubinden sei. 1999 nahm er ein Album mit dem Hiphop-Trio Fettes Brot auf, und 2012 erklärte er, gerne mit Lady Gaga arbeiten zu wollen. Ihre Musik fand er interessant, auch wenn ihre Inszenierung offensichtlich nicht sein Fall war. „Wir haben früher auch verrückt gespielt. Lasst die doch machen“, sagte er.

          Aus der Zusammenarbeit mit Lady Gaga wurde nichts – aber es ist gut möglich, dass das nicht an ihr, sondern am Terminplan des Maestros lag. Es gab Jahre, in denen James Last elf Platten veröffentlichte. Wie viele Alben es insgesamt sind, wusste er irgendwann selbst nicht mehr. Auch die Plattenfirmen hätten aufgehört zu zählen, heißt es. Zu der Arbeit an den Alben kamen die Kompositionen, die Arrangements und die großen Tourneen, die den seit mehr als dreißig Jahren in Florida lebenden James Last auch in schöner Regelmäßigkeit in seine Heimat führten. Und wenn er sich einmal nicht der Musik widmete, spielte er Golf.

          Erst Anfang dieses Jahres brachte James Last seinen „Happy Party Sound“ wieder unter die Leute: „Non Stop Music“ hieß seine Abschiedstournee, bei der er sich nicht auf seine alten Hits verlassen mochte. „Die Welt geht ja weiter“, sagte er dem „Volksfreund“. „Wir spielen viel Neues, etwa von aktuellen Künstlern wie Katy Perry.“ Dass er den besonderen Sound seiner Big Band erfunden habe, wies er auch in diesem Interview weit von sich: „Ich habe überhaupt nichts erfunden. Ich habe Musik aufgeschrieben, da ist mein Gefühl drin, und dann klingt es so.“ Es muss ein großes, ein starkes Gefühl gewesen sein – denn es trug ihn und seine Zuhörer jahrzehntelang. Am Dienstag ist James Last nach kurzer, schwerer Krankheit im Beisein seiner Familie in seiner Wahlheimat gestorben. Er hinterlässt uns den Beweis dafür, dass man gute Laune auf CDs pressen kann.

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