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AC/DC auf Deutschlandtour : Der Kniefall

  • -Aktualisiert am

Großer Auftritt: Axl Rose kommt in Hamburg in geschmacklich grenzwertigem Motto-T-Shirt-Outfit auf die Bühne. Dann legt er los, und es zeigt sich, wie himmlisch er zu AC/DC passt. Bild: jms@jmsphoto.de

Es hätte nicht rockiger werden können. Das Volksparkstadion in Hamburg ist fast ausverkauft. Keine Vorband. Kein Regen. Dann kommt AC/DC mit Axl Rose. Und es geht infernalisch ab.

          Donnerstagnacht sind 46.000 Menschen in Hamburg durch AC/DC begnadigt worden. Sie wurden entlassen aus der quälenden Sehnsucht, endlich wieder einem Rock-Konzert beizuwohnen, das auch wirklich ein Rock-Konzert ist. So ein bedingungsloses Rock-Konzert, wie eigentlich nur Schülerbands es in der schuleigenen Turnhalle liefern können, wenn noch keiner der anwesenden Schüler je auf einem Rock-Konzert war. Wenn das Einzige, was du bis dahin je an Rock gehört hast, die Cover-Versionen von AC/DC und den Guns N’ Roses sind, die jetzt gerade da vorne von diesen irre motivierten sechzehnjährigen Jungs runtergebrettert werden. Wenn der langhaarige Leadsänger mit dem Kindergesicht seinen Kopf im Kreis schleudert und in seiner engen Lederhose, die sonst niemand in der ganzen Schule trägt, eine Art von Tanz aufführt, den du selbst noch nie gesehen hast.

          Wenn der Gitarrist mit dem welligen Haar eine seltsame Schuluniform trägt, die sonst niemand in der Schule trägt, und zum Gitarrensolo beängstigende Grimassen zieht, als hätte er Schmerzen. Und wenn du selbst nicht anders kannst, als dir dein beklopptes Kleinmädchen-Zopfgummi aus den Haaren zu reißen und deinen Kopf auch gnadenlos im Kreis zu schleudern, dass dein Nacken am nächsten Morgen so steif ist, dass deine Mama dir erlaubt, in der Schule zu fehlen. Dann bist du begnadigt worden.

          Das Stadion füllt sich unaufhaltsam

          Es hätte an diesem Donnerstagabend nicht rockiger werden können. Es war von Beginn an rockig. Keine Vorband. Einfach nur ein beinahe ausverkauftes, geheiligtes Volksparkstadion. Selbstverständlich Open Air. Selbstverständlich kein Regen. Dafür statt des AC/DC-Sängers Brian Johnson: Axl Rose!

          Wer also als Fan von Guns N’ Roses zum ersten der drei Rock-or-Bust-Deutschlandkonzerte kam, fühlte sich automatisch in den Zustand der Glückseligkeit versetzt, als sei er höchstpersönlich in den Paradise-City-Music-Clip von 1987 hineingebeamt worden, in dem sich langsam das riesige Open-Air-Stadion füllt, wo der blutjunge Axl Rose gleich auf die Bühne stürmen und in seiner weißen Ledermontur inklusive Stirnband loskreischen wird.

          Ist das Bein belastbar? Axl Rose probiert es aus. Angus Young ist ohnehin im Overdrive-Modus.

          Unaufhaltsam füllte sich auch an diesem neblig verhangenen Abend die Halle mit feierlich erwartungsvollen Menschen, von denen etliche mit ausgewaschenen, jahrzehntealten AC/DC-T-Shirts gekommen waren. Das Schulmädchen-Herz klopfte damals in der Turnhalle. Und das Herz klopfte auch jetzt wieder. Die Augen wurden riesengroß. Es ging pünktlich los. Mit einer Art Mondlandung auf drei riesigen Monitoren, die rechts, links und über der Bühne ein perfektes Bild lieferten. Die Bühne selbst wurde von einer Art Haarreifen mit Teufelchen-Hörnern eingerahmt, der wohl den Eingang zur Hölle symbolisieren sollte. Überhaupt blinkte es im Publikum ziemlich rot auf den Köpfen der Zuschauer, die sich ebenfalls Haarreifen mit batteriebetriebenen Teufelchen-Hörnern aufgesetzt hatten. 20.39 Uhr wurde der Countdown runtergezählt, und in der Atempause zwischen „two“ und „one“ waren sie schon da. Die „Jungs“ von AC/DC und Axl Rose mit geschientem Bein. Die Mega-Fusion des Rock, über die sich im Vorfeld ein einigermaßen riesiger Shitstorm ergossen hatte.

          Wer hätte Brian sonst ersetzen sollen?

          Die Fans von AC/DC fanden, dass Axl Rose nicht der würdige Ersatz für den ausgefallenen Sänger Brian Johnson war, der die Rock-or-Bust-Welttour bereits in den U.S.A. wegen massiver Gehörprobleme hatte abbrechen müssen. Aber wer bitte hätte Brian beziehungsweise seine Stimme adäquat ersetzen sollen? Etwa Mick Jagger? Oder Melissa Etheridge? Kann noch jemand gleichzeitig so rocken und treffsicher rappen wie Axl-Legende-Rose?

          Seitdem ich mit 16 der wohl ultimativste Fan der Schülerband Blockshock gewesen bin, die schon damals visionär Guns-N’-Roses- und AC/DC-Stücke in einer Setlist untergebracht hatte, schien mir die Kombination Axl Rose mit AC/DC logisch. Was Anfang der Neunziger in der Turnhalle geklappt hatte, sollte doch jetzt mit den echten Protagonisten noch viel besser hinhauen. So ähnlich wird es sich Axl Rose womöglich auch gedacht haben, als er sich selbst der Band als Sänger anbot, um für Brian die Tour zuerst in Europa fortzusetzen und dann in den USA wieder aufzunehmen.

          Klar. So ein Angebot kann auf den ersten Blick ein bisschen anmaßend rüberkommen. Als wäre Brian ganz easy peasy zu ersetzen. Aber nach Axls Auftritt – in geschmacklich grenzwertigem Motto-T-Shirt-Outfit – kann mit Sicherheit gesagt werden, dass seine Geste ein Akt der Nächstenliebe war. Ein einziger, beingeschienter Kniefall vor der schottisch-australischen Band, mit dessen Liedern er selbst aufgewachsen ist.

          Wer beim ersten Deutschlandkonzert einen Axl Rose erwartet hat, der, wie in guten alten Zeiten, vollkommen für sich die Bühne einnimmt und daraus eine One-Man-Show macht, der musste ziemlich schnell erkennen, dass die Nummer nicht aufgehen würde. Der 54-jährige Sänger überließ im Grunde genommen vom ersten Ton an dem sieben Jahre älteren Angus Young – an diesem Abend in roter Schuluniform – die komplette Bühne, damit dieser sich – Entschuldigung! – kräftig auskaspern konnte, als seien seit den ersten AC/DC-Bühnenauftritten in den Siebzigern keine fünf Tage vergangen.

          Mit seinen immer noch zarten Jungsbeinchen hüpft Angus wie ein übermütiges Füllen zwischen den Scheinwerfern halsbrecherisch hin und her.

          Mit seinen immer noch zarten Jungsbeinchen hüpfte Angus wie ein übermütiges Füllen zwischen den Scheinwerfern halsbrecherisch hin und her. Aerobic-Schuh sei Dank! Alles an ihm war so jung. So wahnsinnig jung – bis auf sein Gesicht. Kein Wunder bei einem über Sechzigjährigen. Aber der Ausdruck darin war zeitlos, verwundert, überwältigt.

          Ähnlich erleuchtet erstrahlten die restlichen Crew-Mitglieder auf den Monitoren. Immer-wieder-Schlagzeuger Chris Slade! Als würde es ihn keine Mühe kosten, zwei Stunden lang aufs Schlagzeug einzudreschen. Diese Männer da oben auf der Bühne, hinterlegt von einer gigantischen Marshall-Boxen-Wand, befanden sich im absoluten rauschhaften Zustand der Gnade. Es war ihnen anzusehen: In ihrem Leben haben sie etwas gefunden, das sie komplett ausfüllt. Sie waren frei. Frei davon, noch irgendetwas sein zu müssen, etwas darstellen zu müssen. Sie schwammen in ihrer Musik wie in einer Nährlösung. Wir, diese knapp 50.000 Menschen, hätten auch zu Hause sitzen können – Axl und AC/DC hätten genau das Gleiche gemacht. Musik.

          Back in Black

          Während Angus Young hoppelte und immer wieder zu einem Zwischendrin-Solo ansetzte, sägte sich Axls Stimme virtuos durch alle Stücke, spielend leicht, entspannt, souverän. Von „Rock or Bust“, über „Back in Black“ zu „For Those About to Rock (We Salute You)“. Der schönste Moment des gesamten Konzerts war allerdings, als Axl während eines besonders virtuosen Parts den Mikrofonständer sorgsam neben sich abstellte. Er tat das mit einer solch zärtlichen Konzentration, mit liebendem Blick für diesen Ständer, als würde er einem Kind die Hand geben, um es sicher und wohlbehalten über die Straße zu führen. Ähnlich fürsorglich ging Angus mit seiner Krawatte um, die er sich zwischenzeitlich abgebunden hatte, um damit ein knackiges Krawatten-Solo hinzulegen, indem er mit dem schwarzrotgestreiften Teil über den Hals seiner Gitarre rubbelte. Anschließend knüpfte er das Accessoire fürsorglich an sein Instrument.

          Axl Rose überlässt vom ersten Ton an dem sieben Jahre älteren Angus Young – an diesem Abend in roter Schuluniform – die Bühne.

          Je länger das Konzert lief, desto mutiger wurde Axl, auch mal seinen geschienten Fuß zu belasten. Während er am Anfang nur ein paar Schritte hin und her machte, versuchte der Sänger später auch mal so eine Art Jitterbug, ohne allerdings dabei die Füße vom Boden zu heben. Nur einmal – offenbar hatte er für einen Moment vergessen, dass er diese fette Schiene trug – schleuderte er besagtes linkes Bein hoch in die Luft, um seinen berühmten Tanz-Tritt auszuführen. Fast konnte er einem leid tun, dass er nicht wie in guten alten Zeiten richtig abgehen konnte, aber vermutlich hätte er es ohnehin nicht getan: aus Respekt vor AC/DC.

          Axl hat alles gegeben

          Axl hat alles gegeben, um Brian ehrwürdig zu vertreten. Es war erstaunlich, wie alterslos seine Stimme klang, beinahe jünger und klarer als je zuvor. Es war atemberaubend, wie virtuos und mit welcher Leichtigkeit er die Stücke – gerade auch in der hohen Stimmlage – zum Besten gab. Ich sage nur: Whole Lotta Callas. Das reinste Stimmwunder, und doch wurde klar: Man kann Birnen nicht mit Äpfeln vergleichen. Axls Stimme gehört zu Guns N’ Roses. Und Brian Johnson zu AC/DC. Aber Axl Rose hatte es auch nicht leicht. Hätte er sich die Freiheit genommen, „Thunderstruck“ oder „Hells Bells“ auf seine Art zu interpretieren – es wäre ihm übelgenommen worden.

          Und trotzdem! Die Begeisterung war groß. Besonders aber eben für Angus Young, der spielte, als würde er gerade erst seine noch ungewisse Musikerkarriere starten. Als läge noch alles vor ihm. Als würde er die Unbedingtheit des Rock ’n’ Roll in diesem Moment in der heimatlichen Garage erst entdecken. Wie er der Menge mit ausgestreckten Armen zu „T.N.T.“ einheizte, bis auch die Letzten im Publikum ihre Zopfgummis aus den Haaren rupften, den Kopf schleuderten, dass die Nackenstarre vorprogrammiert sein musste. Bis sich Mittvierziger bewegt in den Armen lagen, um gleich darauf wieder kreischend mitzuhüpfen, um gegen Ende mit offenem Mund ungläubig auf die drei großen Monitore zu starren, auf denen ein einsamer Angus Young in blauem Scheinwerferlicht, inzwischen ohne Krawatte, ohne Jacke, nur im weißen, aus der Hose gerutschten Hemdchen und mit immer heftiger, immer schneller spielenden Fingern, ein zehn – nein! – ein fünfzehnminütiges Solo hinlegte, als würde er sich jetzt, genau jetzt, in die Ewigkeit musizieren. Bis es klang, als würde Bach höchstpersönlich seine Orgel zum Klingen bringen.

          Young sah aus wie ein kleines Kind, das nun verwundert und gitarrespielend für immer hinauf in den Himmel zum lieben Gott entschwinden wird. Um kurz darauf im höllisch orangeroten Licht für die Zugabe wieder aus dem Bühnenboden aufzutauchen und mit Hilfe von Axl Rose und „Highway to Hell“ dieses Rock-Konzert für uns alle zur Geschichte werden zu lassen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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