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Avril Lavigne : Wenn die schöne kleine Schwester träumend schmollt

Macht alles anders: Avril Lavigne Bild: AP

Die kanadische Sängerin Avril Lavigne ist Comicfigur, Posterkind und Schauspielerin, bei der es zur Rolle gehört, daß sie singen kann. Ihre neue Platte besingt Trotz, Schmerz und Feuerwerk: die mächtige Pubertät.

          4 Min.

          Ein Rest von Klangschleiern pfeift, reizend leise, dann zupft wer vorsichtig eine Gitarrensaite, das Schlagzeug schiebt sich von der Seite rein, endlich klagt die Stimme: "I couldn't tell you / Why she felt that way / She felt it every day / And I couldn't help her / I just watched her make / the same mistakes again." Diese Stimme artikuliert das gute alte adoleszente Leiden an der Welt insgesamt: "Mit einer Stillung meiner Schmerzen könnte ich gar nichts anfangen", schreibt Hubert Fichte im "Versuch über die Pubertät".

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Bloß daß die Stimme, die heute dasselbe sagt, keinem weltweisen schwulen Dichter gehört, sondern einem sehr jungen weiblichen Popstar. Weibliche Popstars, man kennt sowas: In Gischt geborenes kalifornisches Surfer-Girl, herbe, vom funky Vulkan ausgespuckte Hip-Hop-Latina, bunte Techno-Vestalin, britisches Hüpfgör, Berliner Schnute, bissiges Riot-Girl. Und jetzt also diese Stimme, Avril Lavigne aus Kanada.

          Alles anders, alles neu

          Bevor sie dahergeschneit kam, war der coolste popmusikalische Mädchenname mit "V" drin "Vanessa". Er stand, wird die Geschichtsschreibung notieren, für eine leicht streberböse, süß altklug zarte Mademoisellehaftigkeit und war erhältlich in den Geschmacksrichtungen "französische Kellerkatze" (Vanessa Paradis) und "nachdenkliche Klavierschülerin" (Vanessa Carlton). Avril Lavigne aus dem bleichen Norden jedoch, die gleich zweimal, im Vor- und im Nachnamen, mit dem exotischen Buchstaben punkten kann, macht alles anders, alles neu.

          Perfekt gespielte Rolle: das mürrische Mädchen
          Perfekt gespielte Rolle: das mürrische Mädchen : Bild: AP

          Sie sieht mit ihren inzwischen neunzehn Jahren nämlich nicht abgeschmackt frisch, fromm oder fröhlich aus, sondern lieber wie eine von denen, die viel zu früh mit dem Rauchen angefangen haben. Der Phänotyp suggeriert, man habe es mit einer kleinen Schwester des "Guns 'N' Roses"-Sängers Axl Rose zu tun, auf vielen Fotos guckt die Lavigne absichtlich käsig aus der Wäsche, ätsch. Am Sonntag nachmittag langweilt sie sich bestimmt immer ganz gräßlich, wird sofort bockig, wenn man sie zum Spazierengehen auffordert, verschließt sich, lebt in ihrer eigenen Welt und kann die langen Haare zur Not als Vorhang vor die ausdrucksvollen Augen fallen lassen.

          Perfektes mürrisches Mädchen

          Darauf, daß es bei einer so sauber durchgehaltenen Rolle, dem perfekten mürrischen Mädchen, um "Kreativität" und altmodische Autorinnenanliegen geht, kann nur die hilflose Erwachsenenpresse verfallen, die sich, wie neulich der "Spiegel", dann sage und schreibe ernsthaft die undankbare Mühe macht, herauszufinden, inwiefern die Stücke der neuen Platte "Under My Skin" "gitarrenlastiger, dunkler und ernster als die ihres Debütwerks" von 2002 klingen, als wären wir bei "U 2", "Type O Negative" oder im Musikunterricht. Im Ernst: Wenn das mit der gitarrenlastigeren Dunkelheit irgend etwas erhellen oder gar wichtig sein sollte, dann ist "Sex and the City" der Titel des neuen Gesellschaftsromans von Thomas Hardy.

          Denn ob nun die aktuellen Lieder, wie die armen Erwachsenen anerkennend mümmeln, "gemeinsam mit der kanadischen Songwriterin Chantal Kreviazuk" oder mit Angela Merkel geschrieben wurden, ob die Texte von der Sängerin selbst stammen, ob die Eröffnungsnummer "Take me away" die bisher frechste, weil klinisch sterilste Aneignung des amtlichen Pseudopunk-Gitarrengeräuschs Marke "Green Day" darstellt oder das herrliche Passionsgeheul "How does it feel" alles, was von Sophie B. Hawkins bis Tori Amos in den letzten fünfzehn Jahren als gesangliches Stilmittel holder Frauenwehmut entwickelt wurde, so gnadenlos abkocht, daß einem wirklich ganz anders wird dabei: Dies ist nicht das Entscheidende.

          Eine Comicfigur

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