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Marillion-Sänger solo : Wie ich auf den Fish kam

  • -Aktualisiert am

In Würde gealtert: Fish in diesem Jahr auf dem Wacken Open Air. Bild: Picture-Alliance

Schon die ersten Takte seiner Musik verschlugen mir die Sprache: Eine späte, aber nicht zu späte Wiederbegegnung mit dem Sänger der Rockgruppe Marillion.

          Marillion kamen für uns junge Wetterauer aus dem absoluten Nichts. Es waren keine Internet-, keine Streamingzeiten, ihnen ging kein Gerücht voraus, keine Vorabinformationen, kein einziger Hinweis. Ich kann mich an die allererste Sekunde erinnern, als ich Marillion hörte, und daran, was diese Sekunde bewirkte. Ich saß mit meiner damaligen Freundin in einer Fachwerkhauswirtschaft in Friedberg in der Altstadt, Sommerferien 1983, dem Café Sanssouci, am Tisch hinten rechts. Es ist genau 35 Jahre und etwa vier Monate her, ich war 15.

          Wenn ich mich heute im Netz umtue, lese ich von Menschen, die denselben Augenblick hatten wie wir damals, wenn auch an anderem Ort. Aber es lief immer gleich ab, denn wir Marillion-Ersthörer waren alle ähnlich. Wir waren von oben bis unten auf Genesis geeicht, kannten „Foxtrot“ oder „Selling England By The Pound“ Ton für Ton auswendig, Peter Gabriels Weggang aus der Band acht Jahre zuvor war für uns von weltgeschichtlicher Bedeutung und entscheidender als der Untergang des Römischen Imperiums. Im Grunde bedeutete die Trennung von Gabriel und Genesis das Ende der Welt, in der man lieber hätte leben wollen. Um uns herum hörten sie inzwischen „Let’s Dance“ und „Billie Jean“, Toto oder Styx. Da legte an jenem Nachmittag der Wirt Bernd plötzlich eine mir unbekannte Platte auf, „Script For a Jester’s Tear“, das Debüt von Marillion. Wir hörten die ersten Sekunden, schauten uns, starr vor Schreck, an und konnten nicht mehr sprechen. Das lag nicht an der Qualität der Musik, sondern an der nachgerade furchterregenden Ähnlichkeit mit der verlorenen Genesis-Epoche. Dass wir etwas sehr Eklektisches vor uns hatten, konnte uns in diesen Sekunden nicht bewusst werden, dafür war der Schock zu groß. Oder, wie es ein Netzkommentator in einem der unzähligen Progrockforen schreibt: Immerhin war man ja seit Gabriels Ende bei Genesis seit langen Jahren auf Entzug gesetzt.

          Noch nicht kaputt, aber angekränkelt

          Genauer gesagt, lief es so ab: Zeitgleich werden in diesen Wochen quer durch Europa Tausende Menschen die ersten Sekunden, ja nur den ersten Gesangseinsatz des Sängers Fish auf der „Jester’s Tear“ gehört haben („So here I am once more“) und sofort gedacht haben: Huch, was ist denn das? Das klingt ja wie der Anfang von „Selling England By The Pound“! Nicht wie eine Kopie, eher wie ein Wiedergänger, ein Revenant.

          Ein Bild aus früheren, wilderen Tagen: Marillion, Fish sitzt  unten links, 1987 in London.

          Marillion, die an jenem Nachmittag aus dem absoluten Nichts kamen, waren in diesen ersten Minuten am stärksten, am eindrücklichsten. Das Kapital war im ersten Moment am größten, seither zehrten sie von dem Kapital und zehrten es auch irgendwann auf. Bei mir dauerte es weniger als drei Jahre. Aber an jenem Nachmittag war die Band tatsächlich wie eine engelsgleiche Erscheinung. Das Glück des ersten Moments ist stets, dass er noch nicht tauglich ist für Abstand.

          Wir kauften uns das Debüt, die nächste Platte, gingen auf Konzerte, einmal sogar fast zeitgleich zu einem Konzert mit Peter Gabriel. Gegen die Gitarren-Picking-Passagen bei Genesis klangen die, sagen wir, „Rezitationshintergrundarpeggien“ bei Marillion nicht gerade komplex, obgleich sie natürlich Genesis imitierten. Harmonisch war die Band eher sparsam veranlagt. Der Sänger, Fish alias Derek William Dick, Schotte, konnte durch seine atemberaubend stimmzerstörerische Expressivität nicht dauerhaft überdecken, dass einiges in dieser Musik auf manchmal minutenlange Gleichförmigkeit hinauslief. Fish prägte die Band durch seine ausufernd lyrischen Texte, wobei deren emotionaler Haushalt eher den achtziger New-Romantic-Zeiten verhaftet war als den noch etwas reiferen, weniger adoleszenten Siebzigern. Fish litt gern, wie wir alle zu der Zeit. Und zwar mit großer Geste! Die sich Jahre später ankündigende Grunge-Verzweiflung mischte sich in ihm einen Cocktail mit der putzmunteren, quietschfidelen Progrock-Phase der frühen Siebziger. Was dabei herauskam, war Musik, die auf ihre Weise dann doch wieder das vollendete Abbild ihrer Epoche war. Noch nicht schlurfig und völlig kaputt, aber schon ziemlich angekränkelt.

          Bloße Three-Chords-and-the-Truth-Ballädchen

          Mit der dritten Platte, „Misplaced Childhood“, war für mich Schluss, die dazugehörige Tour war meine letzte. Die vierte Platte, die letzte mit Fish, habe ich erst Jahrzehnte später gehört. Sie heißt „Clutching At Straws“ und erschien 1987, da war ich neunzehn und hatte mit Marillion nichts mehr am Hut. Was ich auf der Platte hörte, war im Vergleich zum prominenten Debüt weniger eklektisch (Ausnahme: „Just for the Record“), handwerklich besser, atmosphärisch weniger spektakulär, dafür manchmal dichter, aber insgesamt auch ziemlich redundant. Manchmal waren es bloße Three-Chords-and-the-Truth-Ballädchen (ich zitiere hier wieder einen treffenden Netzkommentar), in die man sich gut reinhören und bei denen man hübsch mitnicken konnte, aus denen man sich aber auch wieder alsbald heraushörte, weil sie sich von einem gewissen Punkt an im Ohr totdudelten.

          Und dann war irgendwann völlige Ruhe in dieser Hinsicht, und Marillion verschwanden fast ganz aus meinem Bewusstsein. Wenn ich alle paar Jahre ein paar Takte von der „Script“-Platte hörte, war ich schon ein wenig peinlich berührt. Den Werdegang Fishs nach seinem Verlassen der Band verfolgte ich nicht, und als ich vor ein paar Jahren einen aktuellen Solo-Konzert-Mitschnitt mit ihm betrachtete, konnte ich nicht glauben, dass der Mann auf der Bühne derjenige sein sollte, den ich Anfang der achtziger Jahre so oft gesehen hatte. Seine Stimme klang so ruinös wie die von Ian Anderson, der seine in den Siebzigern mit Jethro Tull kaputtgemacht hatte. Fishs Gesang am Anfang seiner Karriere kannte, wie gesagt, kein Mitleid mit sich selbst. Er hat seine Stimme auf brutalstmögliche Weise zerstört, durch hohe Lagen, Druck, Schreien, Fipsen, Krächzen, kurz, durch alles, was er tat.

          Brille, weites Hemd, Körperfülle

          In der Nacht vor dem diesjährigen DFB-Pokalfinale in Berlin übernachtete ich in der Arbeitswohnung eines Freundes. Ich weiß nicht, was mich bei folgendem ritt: Auf einem Stapel Günter-Grass-Bücher (der Freund ist Nachlassverwalter von Grass) lag eine Marillion-Platte. Vielleicht lag sie auch daneben. Keine Ahnung, warum, aber ich legte sie auf. Wahrscheinlich aus purer Nervosität wegen des Spiels am folgenden Tag. Ich hörte das skandalöseste Stück überhaupt, „Grendel“, das so dreist eine Passage bei Genesis abkupfert, dass Marillion dabei einfach wie eine Tribute-Band klingen. „Grendel“ ist ein riesiges Monster aus der angelsächsischen Sage, das von dem unbewaffneten Held Beowulf besiegt wird und dann stirbt. Am nächsten Tag waren wir Pokalsieger: Mit dem letzten Tor hatte mein Verein, Eintracht Frankfurt, völlig überraschend das übermächtige Bayernmonster besiegt und getötet.

          Mein direkter Sitznachbar, ein alter Freund, nahm sich direkt nach dem Spiel vor, bis zum Jahresende jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Ich gelobte, ein Konzert von Fish zu besuchen. Ein Konzert von Fish alias Derek William Dick, geboren 1958 in Midlothian, Schottland, um den weinenden Harlekin von einst, den alten Bühnenkämpen, der schon früher immer etwas unbeholfen wirkte in seiner seltsam formlosen Körpergröße, nach 33 Jahren, um ein Jesusleben gealtert, noch einmal zu sehen.

          Fish vor Kurzem in Oslo: Wenn das eine Abschiedstournee ist, dann ist es schade.

          Es war ein wenig ergreifend, um das vorab zu sagen. Ort: Colos Saal, Aschaffenburg, kleiner Rahmen, 500 Leute, ausverkauft („Marillion“ füllten früher die Frankfurter Festhalle). Natürlich war niemand im Saal jünger als ich, ausgenommen der Veranstalter. Aus dem Zottelbären, der früher so tapsig über die Bühne tänzelte, als halte er sich für schön (ein Körperverhältnis, das ich im Nachhinein fast für ein bewundernswertes Statement halte), ist ein Mensch geworden, der dir in jedem Lehrerzimmer begegnen könnte. Brille, weites Hemd, Körperfülle. Und wieder kann ich die beiden Erscheinungen, er früher, er heute, nicht in Übereinstimmung bringen. Eine einzige Geste kommt mir bekannt vor: Bisweilen nimmt er den Barhocker, auf dem er sitzt, mit einer Hand und stemmt ihn in die Höhe. Früher machte er das mit dem Mikrofonständer, um ihn anschließend wie ein MG aufs Publikum zu richten. Die Band spielt ausschließlich „Clutching At Straws“ und Solo-Lieder, die ich allesamt nicht kenne und von denen ich nicht weiß, ob sie alt oder neu sind. Mitgesungen wird bei den Marillion-Stücken. Die Band hält gut zusammen, will, was angemessen ist, nicht wuchtig sein, und im Hintergrund sitzt die Musikerin Doris Brendel und macht auf schöne Weise das stimmliche Mädchen für alles, übernimmt Instrumentallinien der Originalbesetzung und hilft mit ihrem Gesang multipel durch sämtliche Stücke – habe ich auch noch nie erlebt: eine kluge und sympathische Idee.

          Der kleine Bruder des Headbangens

          Aber Fish, der ruinierte, der kaputte, der Ex-Fish! Es ist überhaupt nicht so. Er schreit, zirpt, krächzt und winselt nicht mehr, das gibt die Stimme nicht mehr her; aber er hat eine weiche Mittellage mit schönem Timbre gefunden, in der Erinnerungen an seine ursprüngliche Stimme noch mitschwingen. Der Stil ist deklamatorischer geworden, und ich merke mehr als früher, wie dieser Lehrergestalt da vorne seine Texte als solche wichtig sind. Das ging vormals im Performen fast immer etwas unter, oder – besser gesagt – die Texte gingen früher direkt an die Haut und standen deshalb gar nicht so sehr als Text im Raum, sondern eher als Wirkung. Manchmal sagt Fish, dass er nun sechzig sei. Es soll entschuldigend klingen. Angeblich handelt es sich um seine Abschiedstournee.

          Er bringt die Stücke mit seiner ständig den Rhythmus versetzenden Deklamation immer noch zum Schwingen, auch ich beginne wie von selbst zu nicken (solches Nicken ist der kleine Bruder des Headbangens). Diese rhythmischen Mikrovariationen haben alle seine Songs immer sehr belebt, vielleicht war mir das vorher nie so aufgefallen zu der Zeit, als Fish noch alle überfuhr. Derek William Dick, der Autor, bringt ja unglaubliche Textmassen in die Songs und muss das irgendwie strukturieren. Deshalb hat die Musik Marillions bei ihm, so eigengewichtig sie auch über manche Strecken daherkam, in anderen Passagen stets etwas Textdienliches gehabt.

          Am Ende des Konzerts bedauere ich, dass es vorbei ist. Ich hätte den Mann nicht so aus den Augen verlieren sollen. Wenn das eine Abschiedstournee ist, dann ist es schade. Dass es einen Pokalsieg gebraucht hat, um mich noch einmal zu ihm zu bringen, hätte nicht sein müssen. Ich hätte auch so hingehen sollen. Hier strampelte sich keiner in der Vergangenheit ab, sondern hat sie auf schöne und würdige Weise in die Gegenwart geholt und erträglich gemacht.

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