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Jeff Tweedy solo : Verhaltenslehren der Wärme

  • -Aktualisiert am

Sein Vater hörte manchmal einen Song monatelang in Dauerschleife. Jeff Tweedy hat das aber nicht geschadet. Bild: Whitten Sabbatini

Jeff Tweedy, Sänger der Band Wilco, hat eine Autobiographie geschrieben. Sie zeichnet seinen Weg zum amerikanischen Roots-Musiker nach und vergisst die Krisen nicht. Das Album „Warm“ ist die Vertonung.

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          An den Gitarrensoli könnte Jeff Tweedy noch arbeiten. Ohne den Virtuosen Nels Cline, der seit einigen Jahren seine Band Wilco entscheidend bereichert, wirkt Tweedy dann doch etwas aufgeschmissen, wie man an dem grotesken Soloversuch rund um einen einzigen verzerrten Ton bei dem Lied „Some Birds“ hört, der nur als Witz gemeint sein kann. Das verulkte Musikvideo verrät dann auch, dass es so ist: Eine Doppelhalsgitarre und vier Hände braucht man dafür gewiss nicht, auch keine Trockenhaube.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Ansonsten kann Jeff Tweedy aber wohl fast alles. Zum Beispiel: die Musikrichtung „Alternative Country“ entscheidend prägen, sehr passabel singen, das Erbe Woody Guthries pflegen (bei dem Projekt „Mermaid Avenue“), drei Alben für die Soulsängerin Mavis Staples bestücken und produzieren und jetzt auch: eine Autobiographie schreiben. „Let’s go (So We Can Get Back)“ heißt das Buch, im Untertitel „A memoir of recording and discording with Wilco, etc.“.

          Die dissonanten Erinnerungen, die gerade bei erfolgreichen und berühmten Menschen nicht ungewöhnlich sind (hier besonders das Zerwürfnis mit den früheren Bandkollegen Jay Farrar und Jay Bennett), werden aber von den angenehmen überwogen. Tweedy erzählt auf amüsante Weise von seiner musikalischen Sozialisation – der Vater hörte ein einziges Lied wie etwa Glen Campbells „Southern Nights“ manchmal monatelang am Stück, der Bruder vermachte ihm die Plattensammlung eines „1970s college pseudointellectual“ mit Werken von Amon Düül bis zu Frank Zappa, und die ersten eigenen Platten kamen aus einem Geschäft namens „Lame Duck Records“ irgendwo in Illinois.

          Wie der Protagonist langsam, aber sicher den Weg vom Musikhören zum Musikmachen, vom Punk zur amerikanischen Roots-Musik findet und dabei noch die Frau seines Lebens kennenlernt, ist „a thing of rare beauty“ – eine Formulierung, die Tweedy selbst verwendet, allerdings für etwas anderes. In einem seiner Exkurse, die das Buch sehr lesenswert machen, beschreibt er damit die besonders subtile Spielart des Sarkasmus, die Amerikas Mittlerer Westen bereithält.

          Das nun fast gleichzeitig mit dem Buch erschienene Soloalbum „Warm“ ist stellenweise mit diesem verzahnt. Es enthalte vielleicht die ersten Songs, die wirklich von ihm selbst erzählten, sagt Tweedy. Es sind einfache Lieder mit abgespeckter Produktion, die auf große Arrangements und eben auch extravagante Instrumenteneinsätze verzichten – gerade dadurch wirken sie teils sehr eingängig, fokussiert auf den Text.

          Mach's wie der Stein

          Verhandelt werden darin Depression und Sucht („I Know What It’s Like“), die reumütige Einsicht, dass man die, die man liebt, oft am meisten verletzt („Bombs Above“), der Abschied vom Vater, der mit den Themen Depression und Sucht eng zusammenhängt („Don’t Forget“), sowie der alte Wunsch, die Kinder sollten es mal besser haben als man selbst. Jeff Tweedy hat seinen beiden Söhnen zwar auch Glen Campbell vorgespielt, er hat aber auch mit einem von ihnen inzwischen eine Band neben Wilco gegründet, die schon in Japan auf Tour war und ein eigenes Album aufgenommen hat („Sukierae“, 2014).

          Die gesuchte Wärme ist vor allem die der Familie, aus ihr schöpft Jeff Tweedy, nach manchen dramatischen Erfahrungen der vergangenen Jahre, die manches Schuldgefühl bei ihm ausgelöst haben, seine Kraft und versucht sie weiterzugeben: Der stellenweise satirisch-didaktische Charakter des Buches gerinnt in Songform zu ernsthafter Ratgeberliteratur. „Having Been Is No Way to Be“ etwa hat die Essenz, das Dunkel hinter sich zu lassen. Eine weitere Lebensweisheit steckt im Titelsong: „I don’t believe in Heaven / I keep some heat inside / Like a red brick in the summer / Warm when the sun has died“. Im Vergleich zum alten Dichter Shelley, der den menschlichen Geist mit einem ausglühenden Stück Kohle verglich, ist das doch mal eine hübsch optimistische Metapher auf dem Stand neuester Speichertechnik.

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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