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Band Bilderbuch im Wiener Q21 : Für ein grenzenloses Europa

  • -Aktualisiert am

Die Ausstellung "Approximation by Bilderbuch" findet bis 20. August im frei_raum Q21 des MuseumsQuartiers in Wien statt. Bild: © Luca Müller

Sinnliche Annäherung an den singenden Schwarzenegger: Die Schau der Band Bilderbuch im Ausstellungsraum Q21 in Wien überrascht.

          3 Min.

          Melancholisch klagende E-Gitarren-Riffs spielen scheinbar von allein. Der Hals einer schwarz-weißen Gitarre verschmilzt mit dem Arm, dessen Hand die Saiten berührt, zu einer Einheit. Angeleuchtet steht das Instrument im ersten Raum der Ausstellung „Approximation“ im Q21 exhibition space des Wiener Museumsquartiers. Die aktuell erfolgreichste österreichische Band Bilderbuch, die mit ihrem künstlerischen Universalansatz und experimentellem Indie-Pop seit Jahren die deutschsprachige Musikwelt aufmischt, wählte diese besondere Gitarre nicht nur als Cover ihrer Single „Dates“, sondern machte sie auch zum Sinnbild ihres musikalischen Universums. Für die Schau hat das Berliner Künstlerkollektiv Sucuk und Bratwurst die 3D-Animation, die es für die 2018 erschienene Platte entwarf, aus der virtuellen Welt in die physische Realität übertragen.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Unter dem Titel „Approximation“ will das Q21 den Assoziationsraum des Kunstwerks Bilderbuch erfassen und die künstlerisch-ästhetische Praxis der Band aufzeigen. Das besondere Format geht über eine klassische Retrospektive hinaus und betont den kollaborativen Ansatz im Schaffen der Musiker. Approximation, die tangentiale Näherung an eine Kurve, ein Begriff der Mathematik, steht dabei für die Annäherung an die Innenwelt der Künstler und die sie umgebende Realität. Nicht nur Albencover, auch Fotografien, Skulpturen und Installationen umfasst die Schau in den Räumen der ehemaligen Hofstallungen.

          Prägend sind die großformatigen Installationen, wie das Werk „Softdrink-Automat“ von „Fresh Max“. Mit dieser Skulptur seziert der in Wien geborene Künstler die österreichische Populärkultur. Der Automat ist mit einer Comicfigur bedruckt, die wie Arnold Schwarzenegger aussieht. Maskulin und stolz zugleich. Eine andere Zeichnung erinnert an die weltweit verbreitete Red-Bull-Werbung, beides kulturgeschichtliche Symbole der Alpenrepublik. 2015 wurde der Automat von der Band als Cover genutzt. Das Werk pendelt zwischen Selbstreflexion und Selbstkritik. Was bedeutet es in der Zeit von allgegenwärtigen Symbolen, Künstler zu sein?

          Die Ausstellung ist auch als sinnliche Annäherung an die Ausnahmeband konzipiert. So werden die intimen Aufnahmen von Fotografin Elizaveta Porodina gezeigt. Sie entstanden im Moment des kommerziellen Durchbruchs der Musikgruppe. In verschiedene Richtungen schauend, liegen die vier Musiker eng beieinander im Sand von Fuerteventura oder ziehen auf einem anderen Foto an einem Seil, das sie als Gruppe bindet.

          Nicht mehr maskuliner Bandleader

          Porodina, die in Moskau geboren wurde, ermöglicht mit ihren Aufnahmen einen Blick hinter die schillernde Fassade von Bilderbuch. Auch in einer Fotografie des französischen Fotografen Boris Camaca hinterfragt die Band und ihr Frontmann Maurice Ernst die eigene Existenz als öffentliches Phänomen. Die Fotografie zeigt Ernst mit einem Pferd. Verwegen und nachdenklich zugleich, blickt er in die Ferne. Seine gezierte Körperhaltung, sein Ohrring und seine Frisur spielen mit Geschlechteridentitäten. Durch das Motiv durchbricht Camaca die maskuline Rolle des Bandleaders und kreativen Anführers.

          Da Bilderbuch sich stets politisch positioniert hat, versucht die Schau im letzten Teil die musikalische Arbeit der Vier in den Kontext gesellschaftlicher Zusammenhänge zu stellen. Diese Auseinandersetzung mit aktuellen Politikdiskursen dominierte das jüngste Album „Vernissage my heart“. Mit dem darauf befindlichen Song „Europa 22“ formuliert die Band die Utopie der tatsächlichen Freiheit eines grenzenlosen Europas.

          Zur Veröffentlichung starteten die Musiker eine dazugehörige Aktion, bei der sich jeder im Internet einen fiktiven Europa-Pass ausstellen lassen konnte. Mit LED-Schrift illuminiert das Künstlerkollektiv „Selam X“ diesen Ausweis in einem schwarzen Raum im Herzen der Ausstellung. Ebenso wie das Lied ist das Kunstwerk als Position zur globalen Idee eines vereinten Europas konzipiert.

          Auch auf der Bühnen-Installation, die den Schlusspunkt der Schau und des gezeigten Schaffensprozesses markiert, wird der Ansatz einer Weltöffentlichkeit anhand mehrerer Globen aufgegriffen. Die Inspirationsquellen für das musikalische Œuvre der Band kondensieren in der Öffentlichkeit, „on stage“, zum Gesamtkunstwerk. In manchen Teilen fehlt der Ausstellung die Stringenz in der Erzählung dieses eigentlich fundierten Konzepts. Nichtsdestotrotz gelingt es den Machern, sich einem Pop-Phänomen zu nähern und dabei die größeren sozialen Fragen zwischen Musikern und Publikum zu kontextualisieren. Ganz nach der Devise des Liedes „LED go“ – „diese kalte Welt braucht mehr Approximation“.

          Bilderbuch: Approximation. Im frei_raum Q21 exhibition space, Wien; bis zum 20. August. Zur Ausstellung erscheint ein Podcast anstelle eines Katalogs.

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