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Eddie Van Halen wird sechzig : Auf dem Wellenkamm

„Selbst wenn ich mal schlecht spiele, gibt es Komplimente. Es ist frustrierend.“ - Eddie Van Halen hat’s schwer. Bild: Chris Cuffaro/ The Hell Gate

Es gibt nichts, was er auf sechs Saiten nicht kann: Gegen die funkensprühende Virtuosität von Eddie Van Halens Gitarrenspiel ist Ironie machtlos. An diesem Montag feiert er seinen sechzigsten Geburtstag.

          4 Min.

          Wenn ihm nach anderthalb Minuten unfassbar flinker Kleinarbeit langweilig wird, schiebt er gern ein paar hübsche Melodiesplitter dazwischen - irgendein sportliches, lustiges Vögelchen, das ihn freilich auch sofort wieder unterfordert, weshalb er es unter sonnigem Grinsen sogleich zerrupft. Wie viele Einfälle passen zwischen die Akkorde, zwischen lachende Tupfer und wendeltreppenartige Läufe, bevor das Warme, Unverschämte und Fröhliche des jeweiligen Einfalls auseinanderbricht und der Taschenspieler den nächsten erstaunlichen musikalischen Gedanken aus dem Effektsturm pflückt?

          Dietmar Dath
          (dda.), Feuilleton

          Die Daumenkante der Anschlagshand schummelt ein tiefes E unter den Teppich, die Fingerkuppen der Greifhand tippen auf helle Töne, wie man auf Lottozahlen tippt - es sind keine Nieten dabei. Bundstäbchenmikado, Flageolettkonfetti, Oktavenspagat, Schrubbershuffle: man kommt beim Beschreiben der einander abwechselnden Spielweisen, die dieser Mann am Schnürchen hat, nicht nach - und beim Nachspielen nicht mit.

          Wer aus der Gitarrenzunft gäbe nicht die Seele und das Erstgeborene her für Einfälle wie die tragenden Riffs von „Ain’t talking ’bout Love“ (auf dem Debut „Van Halen“ von 1978) oder „Unchained“ (auf „Fair Warning“ von 1981), welches Talent vom Fach beneidet nicht den Einstieg zu „5150“ (auf der gleichnamigen Platte von 1986), wer wäre nicht gern selbst auf das späte, entspannte Akustiktänzchen im Intro zu „Stay Frosty“ gekommen (auf der letzten Studioplatte „A Different Kind of Truth“ von 2012)?

          Knoten in Fingern und Gehirn

          Über „Eruption“ von 1978, die zugleich schlimmste und schönste Instrumentalnummer der Hardrock-Geschichte, sollte man lieber gar nicht mehr schreiben - man kriegt nur Knoten in den Fingern oder gleich im Hirn. „Eruption“ ist in Wahrheit gar kein Stück, sondern das Solo zu einem Song, den sich niemand vorstellen kann als der Künstler selbst, der ihn im Herzen trägt oder im Ärmel oder wo immer sonst er den ganzen Wahnsinn dauernd herholt.

          Virtuosen-Kunstgriffe hatte man nach den selbstherrlichen Posen des Sportarena-Rock der späten Siebziger eigentlich satt. Aber bevor man darüber spotten konnte, wie gut Eddie Van Halen auf irgendeiner Platte oder irgendeiner Bühne soeben gewesen war, hatte er sich abermals selbst übertroffen; und gegen die verblüffenden Witze, die er am Instrument riss, war Ironie machtlos.

          Inzwischen lässt auch die reflektiertere Popkritik wieder zu, dass die Leute was können, über die sie urteilt. Schuld daran ist erstens die Zungenfertigkeit im Rap und zweitens die Tiefe, in der sich die alte Prophezeiung des gespenstischen Brian Eno erfüllt hat, man werde in Zukunft das Studio und seine Technik als ein für Größenwahn und Perfektionismus geschaffenes Musikinstrument entdecken. Virtuosität ist daher mittlerweile nicht mehr nur was für eitle Meister und alte Säcke. Es kommt freilich ganz darauf an, worin sie sich beweist - bei der neunundzwanzigjährigen Sängerin Janelle Monáe als Erzählkunst, beim einundvierzigjährigen Allrounder Pharell Williams als körperliche und geistige Beweglichkeit zwischen Funkenflügen.

          Gitarren wie Orgon-Kanonen

          Kurz: Bei den Besten hat es sich herumgesprochen, dass man nur das können darf, was man aus innerer Notwendigkeit tut. Kunst eben. Eddie Van Halens Können und Müssen haben keine Schule gebildet, das klingt nur manchmal so, bei eiligen Epigonen. Leute, die so schnell spielen wie er (oder schneller, entsetzlich), sind meist öde Köpfe - wer einem Yngwie Malmsteen länger als drei Takte zuhören kann, soll Sportveranstaltungen besuchen, derlei ist musikfremde Akrobatik.

          Eddie Van Halen aber spielt seine E-Gitarre, als wäre sie kein Ding, sondern eine Idee (ist sie ja auch, und keine dumme), wie Miles Davis nicht einfach seine Trompete manipulierte, sondern die Raumtemperatur - das Blechteil war nur seine Wettermaschine, vergleichbar eher den Orgon-Kanonen von Wilhelm Reich als der Geige von Paganini. Die Instrumente, die Eddie Van Halen meist selbst zusammenbaut - nach dem berühmtgewordenen Prinzip „Frankenstrat“ (von „Frankenstein“ und „Stratocaster“) -, sind gegenständliche Metaphern in genau diesem Sinn: Sie stellen dasselbe dar wie die Metapher „Surfbrett“ (er behandelt die Pick-Ups ja auch mit entsprechendem Wachs, kocht die Saiten ab und schmirgelt die glattgeschwitzte Axt regelmäßig mit Sandpapier): ein Werkzeug, mit dem sich der Mensch in mächtiger Brandung („Brown Sound“) behaupten kann. Wenn die Welle bricht, greift man mit den Fingern wie mit einem Rechen hinein. Das verlangt, wie das Surfen, Respekt vor der Majestät von Wechselfällen - Migranten lernen so etwas rasch: Edward Lodewijk Van Halen kommt aus Holland, 1962 wanderte seine Familie in die Vereinigten Staaten aus, sein Vater hatte die beiden Söhne Alex (später Schlagzeuger und Band-Copilot des Bruders) und Edward noch im Herkunftsland Beethoven und Tschaikowsky, Klavier und Violine üben lassen.

          Mehr als der beste Gitarrist der Welt

          Die erste gemeinsame Band der Brüder sollte nach einem Black-Sabbath-Instrumental „Rat Salad“ heißen, später „Mammoth“. 1973 kam der Vollcharismatiker David Lee Roth als Sänger dazu, ein Jahr später der schwere Bassbomber Michael Anthony. Was man da zusammen veranstaltete, hieß schließlich schlicht und richtig „Van Halen“, ein Projekt, dem selbst der kürzlich verstorbene heilige Zyniker Kim Fowley seinen Segen erteilte - er ließ sie sogar sein Zuckerchen „Young and Wild“ spielen, das von den Runaways der Ewigkeit übergeben wurde.

          Hat Eddie Van Halen Schwächen? Der Finger-Songwriter baut manchmal zu seinem Schaden ganz auf Einfälle (statt etwa auf Routine, die auch ihren Platz in der Kunst hat), und er ist - oder war? - ein großer Trinker, in beidem dem deutschen Dichter Arno Schmidt verwandt (solche Leute suchen sich immer Drogen, die ihre Ideenfülle abdämpfen, man erkennt das an den von ihnen bevorzugen Alkoholika: „Alte Kanzlei“ könnte so wenig ein Buchtitel von Schmidt sein wie „Blue Nun“ ein Songtitel von Van Halen).

          Wenn in Zeitungen, Zeitschriften oder Internet-Hinterzimmern im Rahmen der heute so beliebten zwanghaften Rangordnerei Menschen aufgelistet werden, die Gitarre spielen können, steht Eddie Van Halens Name meist ganz oben. Aber man täte ihm Unrecht, beließe man es dabei, festzustellen, Eddie Van Halen sei „einer der besten Gitarristen der Welt“. Er ist nicht einmal bloß „der beste Gitarrist der Welt“. Er ist, nach Anspruch und Ausstrahlung, etwas viel Schöneres, Einfacheres: der Gitarrist der Welt, die er zum Singen bringt. An diesem Montag wird er sechzig.

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