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Asiens Popkultur : Das ist die perfekte Welle

Hallyu, die koreanische Welle in der asiatischen Popmusik, hat ihr eigenes Festival in Gyeongju. Dort trat im Oktober die Gruppe Sistar auf Bild: REUTERS

Popkultur aus Südkorea erobert die Herzen japanischer Hausfrauen und chinesischer Einzelkinder. Der südkoreanische Staat will jetzt dafür sorgen, dass diese Mode nie wieder abebbt.

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          Alle reden von Nordkorea, diesem rätselhaftesten, unbekanntesten aller Länder, aber wirklich unbekannt ist Südkorea, das in seiner Geheimnislosigkeit allen offen vor Augen liegt. Man kennt Markennamen wie Samsung, Hyundai und LG, doch wer weiß schon etwas über die auf ganz unterschiedlichen Geschäftsfeldern tätigen Unternehmenskonglomerate, die dahinterstehen, geschweige denn über die Kultur, die sie möglich macht?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Südkorea konnte nach der globalen Krise von 2008 sein Wirtschaftswunder aus den achtziger Jahren wiederholen und erreicht seither die höchsten Wachstumsraten der OECD. Aber unterdessen bereitet dem Land seine Unbekanntheit zunehmend Sorgen. Es sieht sich - umgeben von so übermächtigen Konkurrenten wie Japan, China und Russland und dann auch noch bedroht vom eigenen Bruderstaat - nach wie vor in einer unsicheren Position, und daher versteht es sein Streben nach einem festen Ort im Weltbewusstsein als Teil seines Überlebenskampfes. Präsident Lee Myung-bak, ein ehemaliger Hyundai-Manager, hat es zu seinem Programm erklärt, die koreanische Kultur zu einer globalen Marke zu machen: Er will Südkorea „weg von der asiatischen Peripherie hin ins Zentrum der Welt“ bringen.

          Da trifft es sich gut, dass die südkoreanische Popkultur, zumal in Gestalt von Fernsehserien und singenden Girls- und Boysgroups, in den vergangenen zehn Jahren überraschende internationale Erfolge feierte. Bei so unterschiedlichen Zielgruppen wie chinesischen Jugendlichen, die angesichts der neun jungen Frauen der „Girls’ Generation“ in Verzückung geraten, oder japanischen Hausfrauen, die die Serie „Wintersonate“ wieder an die verloren geglaubte Macht großer Gefühle glauben ließ, hat „Korea“ durch seine Kulturprodukte einen ganz neuen, historische Belastungen offenbar spielend beiseiteschiebenden Klang bekommen.

          Überraschende internationale Erfolge

          Sogar eine wachsende Zahl an Nordkoreanerinnen soll Flüchtlingsaussagen zufolge ihre Kleidung und Frisur an den Serienheldinnen des Südens orientieren; durch chinesische Händler gelangen die DVDs ins Land. „Hallyu“, die „koreanische Welle“, hat ganz Ost- und Südostasien ergriffen und erreicht neuerdings auch Orte wie Peru, wo der Korea-Pop schon vierzig Fanclubs hat, Rumänien, wo die erfolgreichste Serie letztes Jahr eine koreanische war, und sogar Paris, das kürzlich ein von der dortigen „Korea-Connection“ lanciertes Flashmob-Happening erlebte.

          Diese Erfolge will die Regierung in Seoul nun verstetigen - wohl auch angesichts wachsender Widerstände: In Tokio demonstrierten soeben Tausende nationalistische Jugendliche gegen das Übergewicht koreanischer Serien im Fernsehen. Und in der Volksrepublik China und neuerdings auch in Taiwan wurden nationale Quoten für das Programm erlassen, um den koreanischen Einfluss zurückzudrängen. Nun hat das Kulturministerium in Seoul vergangenen Monat eine eigene Abteilung für Popkulturindustrie aufgemacht.

          Und nochmal „Sistar“: Eine Mischung aus Konfuzianismus und kapitalistischer Produktionsweise

          Das Großraumbüro, zwischen dessen Gängen die Beamten zur Mittagszeit zähneputzend herumlaufen, macht auf den ersten Blick keinen sehr glamourösen Eindruck. Doch von hier sollen in Zukunft beträchtliche synergetische Effekte mit Mode, Kosmetik und Fremdenverkehr ausgehen, wie die junge stellvertretende Abteilungsleiterin Ha Hyun-jin versichert. Am Hongkong-Kino und an den japanischen Manga sehe man, sagt sie, dass kulturelle Modewelle auch wieder abebben. Das wolle ihr Haus nicht zulassen.

          Authentizitätsdefizit stört nicht

          Beim staatlichen Fernsehsender KBS 2 erleben wir, wie die aktuellen Popgruppen bei der Sendung „Music Bank“, die über Satellit jede Woche live in 72 Länder übertragen wird, die im Studio anwesenden, überwiegend weiblichen Teenager zum Kreischen und Mitsingen bringen. Musikalisch unterscheiden sich die Interpreten mit ihrem von englischsprachigen Zitatfetzen wie „Have a good, good time“ durchsetzten synthetischen Klangteppich nicht sehr voneinander. Aber beeindruckend sind ihr Tempo sowie ihr makelloses Synchrontanzen, und die höchsten Stufen der Ekstase werden jedes Mal erreicht, wenn sich einer der jungen Stars mit unverhohlen einstudierter Nonchalance eine Haartolle aus der Stirn wischt oder mal kurz über den Hintern streicht.

          Da die Zeit knapp ist, werden im Studio in Seoul die Sekunden, während derer die eine Gruppe die Bühne verlässt und die nächste sie betritt, dadurch überbrückt, dass auf dem Bildschirm eine Playback-Konserve mit dem gerade endenden Song eingespielt wird. Doch weder die Akteure noch das Publikum scheint dieses offensichtliche Authentizitätsdefizit der Live-Sendung zu stören.

          Systematisches Training

          Im Gespräch mit Jun Jin-Kuk, dem Entertainment-Direktor bei KBS, wird klar, dass Authentizität ohnehin kein eindeutiges Konzept beim K-Pop ist. Jun streicht den Professionalitätszuwachs der letzten Jahre heraus. Talente würden in Korea heute jahrelang systematisch trainiert: nicht nur Stimm- und Tanzfähigkeiten, sondern auch Sprachkenntnisse und Manieren. Im selben Atemzug hebt er aber die „Natürlichkeit“ hervor, die gegenüber der von ihm als artifiziell empfundenen Schönheit etwa der japanischen Stars den entscheidenden Wettbewerbsvorteil der koreanischen Welle ausmache.

          Beide Elemente, die zunehmend industrielle Produktionsweise sowie die Echtheit der von ihr erzeugten Emotion, werden auch von anderen Kennern der Szene betont und ohne die geringste Andeutung einer etwaigen Widersprüchlichkeit nebeneinandergestellt. Der Musikkritiker Lim Jin-Mo, der das auf K-Pop spezialisierte Online-Magazin „IZM“ veröffentlicht, gibt das Entscheidende der frappierenden koreanischen Wirkung mit einem chinesischen Schriftzeichen wieder: „cheng“, was so viel bedeutet wie aufrichtig, warmherzig, natürlich, wirklich. Dieses tiefere Gefühl, das die in Korea häufig zitierten japanischen Hausfrauen ebenso sehr vermissten wie die chinesischen Einzelkinder, habe sich über die Jahrhunderte hinweg in der koreanischen Kultur akkumuliert.

          Fluchtpunkt der nationalen Kulturindustrie

          Erst einmal kennzeichnet eine solche Selbstbeschreibung mit Hilfe eines chinesischen Vokabulars vor allem eine mittlere koreanische Intellektuellengeneration, die sich von der chinesischen Kultur noch ebenso geprägt weiß, wie sie aus deren Schatten herauszutreten sucht. Ansonsten beschreibt das unverdrossene Festhalten an der wahren Empfindung als Fluchtpunkt der nationalen Kulturindustrie vielleicht weniger die Produkte selbst als eine Erwartung des koreanischen Publikums. Der emotionale Überschwang gehört zu den hartnäckigsten nationalen Stereotypen. Nicht nur kollektive Gefühlsausbrüche bei Konzerten, sondern auch regelmäßige Schlägereien im Parlament und auf Demonstrationen scheinen diesen Nationalcharakterzug zu bestätigen.

          So hält Kim Sung-su, der Direktor einer vor einem Jahr gegründeten staatlichen Schule für Serienproduzenten, Emotionalität auch für das wichtigste Merkmal der nationalen Fernsehserien. Attraktiv seien die Serien allerdings auch durch das gesetzte Mittelstandsambiente, das die Kulisse der Dramen und eine unerschöpfliche Quelle für das Product Placement von Autos, Mobiltelefonen und Kosmetikmarken abgibt. Und im Übrigen seien die Produktionen gründlicher geworden: Während in den fünfziger Jahren an einem Tag die Folgen einer ganzen Woche gedreht wurden, lasse man sich heute für zwei Folgen à 75 Minuten eine Woche Zeit.

          Brummeln von „Kommunismus“

          Das große, wilde Gefühl scheint da also durch eine Mischung aus Konfuzianismus und kapitalistischer Produktionsweise wieder in Zucht genommen zu werden. Vielleicht macht beides zusammen jene Katharsis auf Koreanisch aus, die zumal in Asien auf viele so anziehend wirkt. Dann wäre die koreanische Welle so etwas wie eine auf den Kopf gestellte, popkulturelle Variante des Konzepts des „ökosystemischen Wachstums“, mit dem Präsident Lee Myung-bak neuerdings das Profitstreben der großen Konglomerate zu zügeln versucht.

          Das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre war den mittleren und kleineren Unternehmen, die den großen als Zulieferer dienen, nur wenig zugutegekommen; der soziale Druck und die Arbeitslosigkeit im Land steigen. Doch die Aufforderung des Präsidenten, das Wachstum zu „teilen“, stößt auf Unmut; der Samsung-Chef soll sogar etwas von „Kommunismus“ gebrummelt haben.

          Die dritte Phase

          Die Universalisierung, die die Konglomerate schon hinter sich haben, steht der Kultur noch bevor. Die führende koreanische Produktionsgesellschaft SM Entertainment erhebt mit ihrer systematischen, drei bis sieben Jahre dauernden Perfektionierung von Talenten Anspruch auf den Begriff „Kulturtechnologie“: Selbige sei, verkündet die Firma, gerade in ihre dritte Phase eingetreten. In der ersten wurden die eigenen Produkte einfach nur exportiert - so wie die Sängerin Boa, die Japanisch lernte und dann in Japan ein Superstar wurde. In der zweiten Phase gehen koreanische Gruppen Koproduktionen mit ausländischen Partnern ein, so wie Kang Ta dies mit der taiwanischen Sängerin Vanness Wu getan hat.

          In der dritten Phase nun wird das Produkt von vornherein auf einen ausländischen Zielmarkt hin mitkonzipiert, etwa indem Sänger, Choreographen oder Komponisten des betreffenden Landes einbezogen werden. So können die gleichen Stücke und Gruppen in unterschiedlichen kulturellen Versionen angefertigt werden und sich überall lokal anhören. Aus dem koreanischen Hallyu wird „globales Hallyu“, sagt Lee Soo-Man, der Gründer von SM Entertainment, in seinen Vorlesungen - eine Art universelle Musik. Nur dass ihr Ursprungsort nicht mehr, wie man das von universeller Musik bis gerade noch gewohnt war, in Amerika oder Europa, sondern in Südkorea liegt, einem vergleichsweise kleinen Land in Asien.

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