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Asiens Popkultur : Das ist die perfekte Welle

Authentizitätsdefizit stört nicht

Beim staatlichen Fernsehsender KBS 2 erleben wir, wie die aktuellen Popgruppen bei der Sendung „Music Bank“, die über Satellit jede Woche live in 72 Länder übertragen wird, die im Studio anwesenden, überwiegend weiblichen Teenager zum Kreischen und Mitsingen bringen. Musikalisch unterscheiden sich die Interpreten mit ihrem von englischsprachigen Zitatfetzen wie „Have a good, good time“ durchsetzten synthetischen Klangteppich nicht sehr voneinander. Aber beeindruckend sind ihr Tempo sowie ihr makelloses Synchrontanzen, und die höchsten Stufen der Ekstase werden jedes Mal erreicht, wenn sich einer der jungen Stars mit unverhohlen einstudierter Nonchalance eine Haartolle aus der Stirn wischt oder mal kurz über den Hintern streicht.

Da die Zeit knapp ist, werden im Studio in Seoul die Sekunden, während derer die eine Gruppe die Bühne verlässt und die nächste sie betritt, dadurch überbrückt, dass auf dem Bildschirm eine Playback-Konserve mit dem gerade endenden Song eingespielt wird. Doch weder die Akteure noch das Publikum scheint dieses offensichtliche Authentizitätsdefizit der Live-Sendung zu stören.

Systematisches Training

Im Gespräch mit Jun Jin-Kuk, dem Entertainment-Direktor bei KBS, wird klar, dass Authentizität ohnehin kein eindeutiges Konzept beim K-Pop ist. Jun streicht den Professionalitätszuwachs der letzten Jahre heraus. Talente würden in Korea heute jahrelang systematisch trainiert: nicht nur Stimm- und Tanzfähigkeiten, sondern auch Sprachkenntnisse und Manieren. Im selben Atemzug hebt er aber die „Natürlichkeit“ hervor, die gegenüber der von ihm als artifiziell empfundenen Schönheit etwa der japanischen Stars den entscheidenden Wettbewerbsvorteil der koreanischen Welle ausmache.

Beide Elemente, die zunehmend industrielle Produktionsweise sowie die Echtheit der von ihr erzeugten Emotion, werden auch von anderen Kennern der Szene betont und ohne die geringste Andeutung einer etwaigen Widersprüchlichkeit nebeneinandergestellt. Der Musikkritiker Lim Jin-Mo, der das auf K-Pop spezialisierte Online-Magazin „IZM“ veröffentlicht, gibt das Entscheidende der frappierenden koreanischen Wirkung mit einem chinesischen Schriftzeichen wieder: „cheng“, was so viel bedeutet wie aufrichtig, warmherzig, natürlich, wirklich. Dieses tiefere Gefühl, das die in Korea häufig zitierten japanischen Hausfrauen ebenso sehr vermissten wie die chinesischen Einzelkinder, habe sich über die Jahrhunderte hinweg in der koreanischen Kultur akkumuliert.

Fluchtpunkt der nationalen Kulturindustrie

Erst einmal kennzeichnet eine solche Selbstbeschreibung mit Hilfe eines chinesischen Vokabulars vor allem eine mittlere koreanische Intellektuellengeneration, die sich von der chinesischen Kultur noch ebenso geprägt weiß, wie sie aus deren Schatten herauszutreten sucht. Ansonsten beschreibt das unverdrossene Festhalten an der wahren Empfindung als Fluchtpunkt der nationalen Kulturindustrie vielleicht weniger die Produkte selbst als eine Erwartung des koreanischen Publikums. Der emotionale Überschwang gehört zu den hartnäckigsten nationalen Stereotypen. Nicht nur kollektive Gefühlsausbrüche bei Konzerten, sondern auch regelmäßige Schlägereien im Parlament und auf Demonstrationen scheinen diesen Nationalcharakterzug zu bestätigen.

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