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Arte-Reihe „Summer of Soul“ : Was geht hier eigentlich ab, Amerika?

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Auch ohne ihn wäre ein „Summer of Soul“ undenkbar, weshalb der Sänger und Songwriter Bobby Womack bei Arte naturgemäß seinen Auftritt hat. Bild: © ITV Studios France

Mach es wie Obama: Profitiere von der Energie des schwarzen Pop. Wie sie entstanden ist, kann man während der kommenden Wochen in der fabelhaften Arte-Reihe „Summer of Soul“ verfolgen.

          Obama war vor kurzem in Berlin, und wenn es einen offiziellen Soundtrack zu diesem Besuch gegeben hätte, wäre es Soul gewesen, ein Stück von Beyoncé Knowles vielleicht oder von Aretha Franklin. Beide haben bei Wahlveranstaltungen der Demokraten gesungen, Knowles sogar bei den Inaugurationsfeiern des Präsidenten. Obama sprach in Berlin über die deutsch-amerikanische Freundschaft und knüpfte an die große Rede von John F. Kennedy an. Der war 1963 in Berlin gewesen, und auch damals hätte man Soul spielen können. Wilson Pickett, Otis Redding, Ray Charles, James Brown - Musiker, in deren Pop immer auch Politik enthalten war. „What’s going on?“ sang Marvin Gaye, und die Frage ist nach wie vor brisant. Damals Vietnam und Kubakrise, heute Afghanistan, Irak, Snowden und die NSA. Ja, Amerika, was geht da eigentlich ab?

          Arte präsentiert einen „Summer of Soul“, zwei Monate lang Dokus, Filme und Sendungen aus den Archiven, ein beschwingter Kursus über die Wurzeln der globalen Popmusik. Und die Bestätigung, dass Soul immer schon eine dialektische Veranstaltung gewesen ist: Entertainment trifft auf Agitation, Eskapismus auf Kritik.

          Zum Auftakt der Reihe gibt es „Soul Train“, die legendäre Fernsehshow von Don Cornelius. Ein Moderator aus dem Bilderbuch der Seventies: Anzug mit haifischflossengroßen Revers, Schlaghose, Krawatte im Tischtuchformat. Dazu ein Bariton, den er Barry White geklaut haben könnte (wäre er mit dem nicht so gut befreundet gewesen).

          Szene aus dem Spielfilm „Ray“ mit Jamie Foxx in der Rolle von Ray Charles. Damit eröffnet Arte die Soul-Reihe am Sonntag um 20.15 Uhr.

          In dieser Musiksendung traten ab 1971 alle Stars des Genres auf, von Curtis Mayfield über Bobby Womack, Kurtis Blow bis Michael Jackson. Marvin Gaye gab 1974 hier sein erstes Interview nach einer zweijährigen Pause, der Tod seiner Freundin und Duettpartnerin Tammi Terrell hatte ihn in Depressionen gestürzt. Bei Cornelius stellte er dann „Let’s get it on“ vor, die Blaupause für zahllose Schlafzimmerballaden und in seiner Lässigkeit auch ein Dokument der sexuellen Revolution.

          Gaye war zu diesem Zeitpunkt schon das große moralische Gewissen des amerikanischen Pop, er hatte mit „What’s going on?“ jene Frage gestellt, die Martin Luther King und John F. Kennedy zu beantworten versuchten. Beide wurden ermordet, und dieses Trauma schwingt mit auch in den quietschbunten „Soul Train“-Kulissen. Da singt dann Curtis Mayfield mit scharfem Falsett vom „Pusherman“, dem Dealer, der die Jugend verführt und zur Verwüstung der inner cities beiträgt. Folgen einer rassistischen, undemokratischen Politik.

          Ursprung von Hip Hop

          Die Gesellschaftskritik ist mittlerweile in den Hiphop abgewandert, aber es ist ein schillerndes, widersprüchliches Spiel, das Rapper wie Kanye West und Jay-Z veranstalten. Ihr Plädoyer für mehr Demokratie und Gerechtigkeit hat die kapitalistische Kraftmeierei im Schlepptau; die Verhältnisse werden im Vorbeifahren aus dem Bentley kommentiert. Wo aber diese Weltstars ihre ästhetischen und politischen Wurzeln haben, das kann man nun verfolgen mit den „Soul Train“-Shows. Der Rummel um die postmodernen Selbstvermarkter kommt einem dank dieser Rückschau viel weniger beeindruckend vor.

          Auch mit von der Partie: der Saxofonist Lennie McMillan

          Nach „Soul Train“ dann die thematische Vertiefung: zum Beispiel eine Doku über Memphis, ein Zentrum des Sechziger-Jahre-Soul. Das Stax-Label wurde dort gegründet, und Booker T. übersetzte die Inbrunst des Gospel für den Groove der Bürgerrechtsbewegung. Oder eine Hommage an Detroit mit Motown als Wiege des modernen schwarzen Pop, auch Michael Jackson ist ein Geschöpf dieser Hitfabrik, und es ist kurios, ihn als hüftschwingenden Schlacks mit Afrofrisur zu sehen, während er heute als Glitzergott verwertet wird. Der Cirque du Soleil hat sich seines Erbes angenommen, mit einer neuen Akrobatikshow: Eine Karriere, die in Detroit begann, endet in Las Vegas.

          Soul-Kultur im TV: Shaft und Jackie Brown

          Und dann die Spielfilme: „Shaft“, ein Detektiv, ausgestattet mit Lederkluft und kessen Sprüchen, das erste afroamerikanische Sexidol und Albtraum nicht nur des weißen Establishments. Isaac Hayes hatte den Soundtrack geschrieben, mit schnarrenden Funkgitarren, verführerischen Streichern und zackigen Blechbläsern entstand ein durch und durch urbaner Klang, ideal zur Illustration der kriminellen Verteilungskämpfe in der modernen Welt.

          Oder „Jackie Brown“, Quentin Tarantinos Krimifarce, gedreht im Jahr 1997, aber beseelt vom Geist der Sixties. Jahre vor dem aktuell grassierenden Retroboom war dies bereits eine konsequent nostalgische Ästhetik. In der Hauptrolle Pam Grier, ein in Vergessenheit geratener Star des Blaxploitation-Kinos. Bis heute ein großer Filmmoment: wie sie Herrenbesuch empfängt und eine Platte auflegt. Die Delfonics perlen mit einer Soulballade aus den Boxen, und als der Gentleman fragt, warum sie keinen CD-Spieler habe, sagt sie: „Ich mag die alten Sachen. Ich brauch’ nicht oft was Neues.“

          Das war nicht nur ein Kommentar zum Dilemma älterer Schauspielerinnen, die durchs Raster der Quotenfixierung fallen, es gilt auch für den Soul, dessen Vergangenheit so viel Zukunft in sich trägt. Die Themen der Sechziger und Siebziger, der Kampf um Gerechtigkeit unter den Rassen und Klassen, sind nach wie vor brisant. Obama weiß das, deshalb lässt er sich gern von Hiphop- und Soulstars hofieren. Bei Arte kann man noch mal nachschauen, wie diese Verbindung von Politik und Pop zustande kam.

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