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Anti-Rassismus-Rap für Hanau : „Ich dachte, meine Söhne wären sicher hier“

Trauer in Hanau Bild: dpa

Mit siebzehn anderen Rappern hat Azzi Memo einen Song für die Opfer von Hanau aufgenommen. „Bist du wach?“ ist eine Mahnung, nicht zu vergessen – und ein Schrei nach längst nötigen Veränderungen.

          3 Min.

          Man mag die Erinnerung für einen langen Krisenmoment aus dem Kopf verdrängt haben, jedenfalls so weit, dass der Gedanke an gesellschaftliche Brüche und die Lehren aus ihnen nicht als erstes nach Hanau geht. Vor wenigen Wochen tötete ein von Verschwörungstheorien getriebener Mann dort zehn Menschen und sich selbst. Seine Opfer wählte er gezielt aus. Er schoss in einer Shisha-Bar und einem Kiosk um sich, weil er dort mit Ausländern rechnete. Wieder einmal traf Menschen, die in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, die deutsche Freunde haben und auf Deutsch Musik machen, die Erkenntnis, dass sie nicht verschwindet, die Grenze zwischen Uns und Euch: auch wenn sie eine Zeitlang verblasst, auch wenn man gar nicht mehr an sie glaubt.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vor zwei Tagen sprach der Hanauer Bürgermeister Claus Kaminsky mit dieser Zeitung. Er sah müde aus. „Wir haben gut zusammengestanden“, sagte er über die Wochen nach dem Anschlag. Es hätte der Stadtgesellschaft gut getan, fügte er an, wenn sie nach dem 19. Februar die Chance gehabt hätte, zur Ruhe zu kommen. Persönliche Gespräche zu führen. „All das ist uns jetzt genommen.“ Nichts könne die persönliche Ansprache ersetzen, die jetzt nötig gewesen wäre. Der Virus hat Hanau die Möglichkeit genommen, sein Trauma mit der nötigen menschlichen Nähe zu verarbeiten.

          Azzi Memo hat seinen Plan dennoch umgesetzt. Memo ist Hanauer, er gehört zur Szene um den Rapper Haftbefehl, hat für die Serie „Skylines“ Raptexte geschrieben und war selbst betroffen: Mitglieder seiner Familie waren unter den Opfern des 19. Februar. Für „Bist du wach?“ hat er jetzt siebzehn Rapper versammelt, die sich mit dem Anschlag und seinen Folgen auseinandersetzen. Ein acht Minuten langes Medley ist daraus geworden. Kool Savas ist dabei, der Frankfurter Rapper Credibil, die R’n‘B-Sängerin Rola, Silla aus Berlin: viele Deutsche mit Wurzeln im Ausland, so wie Mortel, der die kongolesische Staatsangehörigkeit besitzt, Memo selbst, der im Südosten der Türkei geboren wurde – und Manuellsen, der sich gerade szeneintern eine bedrohliche Auseinandersetzung über die rassistischen Texte eines einstigen Lieblingskollegen liefert. Aber das gehört in einen anderen Text.

          Man hört, wie sie, auch die vielsilbenreihenden Experten, mit den Worten kämpfen. „Wir müssen Verständigung schaffen statt hassen“, rappen sie: „Brandstifter / Anstifter / ekelhafte Wortwahl“ (Hanybal) und „Ich dachte, meine Söhne wären sicher hier“ (Milonair). Sie suchen nach denen, die ihr Land spalten (vor allem die AfD) und jenen, die ihrer Meinung nach nicht genau genug hinsehen (wir, die Medien, und jeder einzelne, der Rassismus verharmlost). Manchmal überschlägt sich eine Stimme, häufig holpert der Flow, es musste schneller gehen als bei einer entspannten Studioproduktion und ist nicht Teil der Rap-Grundbildung, solche Botschaften zu senden, und nah geht es ihnen eben auch.  

          Eine Benefizaktion: Alle Einnahmen des Songs gehen an eine Stiftung, die sich für die Hinterbliebenen und Überlebenden einsetzt. Aber dann ist es doch mehr als das, weil „Bist du wach?“ natürlich etwas sagt über diese Zeit, in der er entstanden ist, beginnend mit dem Titel, weil der Song an institutionelle Blindheit und Behördenversagen erinnert („Herzen verschlossen wie NSU Akten“) und eine Ignoranz beschreibt, die zwar altbekannt ist, aber gerade deshalb zur Sprache gebracht werden muss: Der Keim von Lagerdenken, Missgunst und Hass liegt in dieser Ignoranz, im Mangel an Solidarität, auch in der Gleichgültigkeit. „Es geht darum“, sagt Memo, „den Menschen die Augen zu öffnen, auch jenen, die kein rechtes Gedankengut haben. Ihnen beizubringen, dass man mit Hass nicht weiterkommt. Und sich gegen Rassismus stellen muss.“

          „Alles bleibt beim Alten“ (Credibil): 2001 veröffentlichte Samy Deluxe mit Torch, Denyo, Xavier Naidoo und anderen Mitgliedern des Musikprojekts Brothers Keepers die Zeilen: „Ich rapp' für meinen Bruder, denn ich könnte auch das Opfer sein / Falscher Ort, falsche Zeit, da hilft dir auch nicht tapfer sein / Wie viel Blut muss fließen in innerdeutschen Krisen? / Alter, schau die letzten Jahre haben das mir zu oft bewiesen.“ Der Song „Adriano“, der sich auf die Gewalttat von Neonazis an einem aus Mosambik stammenden Mann in Dessau bezieht, wurde nach dem Anschlag in Hanau wieder oft gehört. Samy Deluxe spricht jetzt nicht mehr gern in die akute Betroffenheit. Fragt man ihn nach Parallelen zu heute, sagt er, er habe es satt, mit seiner Forderung nach mehr Solidarität und seiner Kritik an der Integrationspolitik nur dann gehört zu werden, wenn gerade wieder jemand umgebracht wurde. Und berichtet dann doch davon, wie oft er noch heute rassistische Bemerkungen hört: im Taxi, auf der Straße. Und wie selten ihm Menschen ohne Diskriminierungserfahrung begegnen, die bereit sind, sich in einen anderen Kopf hineinzuversetzen.

          Azzi Memo hat dem „Spiegel“ über seine Heimat Hanau gesagt, Alltagsrassismus sei dort nicht verbreitet. „Die Leute leben so gut miteinander.“ Keiner aus seinem Umfeld hätte sich eine rassistische Gewalttat in Hanau vorstellen können. Und dennoch ist es passiert. Und dennoch unterstützen sich die Bewohner jetzt wieder in Nachbarschaftsinitiativen und begegnen sich, mit gebührendem Abstand, am Kiosk. Kultur, hat Bürgermeister Kaminsky gesagt, kann trösten und zusammenführen. Auch ein Achtminutenrap mit Ecken und Kanten. Für die großen Veränderungen sind andere zuständig. Wir alle.

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