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Andrew Bird in Deutschland : Pfeifen, obwohl es riskant ist

  • -Aktualisiert am

Satter Sound, perfekte Band: Andrew Bird in Berlin Bild: Bas Richter

In Amerika ist er längst mehr als ein Geheimtipp - in Berlin hat Andrew Bird ein rares, sehr gutes Deutschlandkonzert gegeben. Der Indie-Rocker mit der Geige weiß, wie man Ohrwürmer erzeugt.

          Kazimierz Pułaski hat nicht nur viel für die amerikanische Unabhängigkeit getan, sondern auch für den amerikanischen Indie-Rock. Nach dem polnischen Reitergeneral, der auf Seiten George Washingtons kämpfte und dabei 1779 fiel, sind in den Vereinigten Staaten manche Städte und Straßen benannt, außerdem ein Gedenktag. Der „Casimir Pulaski Day“ gereichte dem Liedermacher Sufjan Stevens 2005 zu einem schmerzhaften Trennungs- und Trauersong auf dem wegweisenden Album „Illinoise“. Und ein Ort namens Pulaski inspirierte ein paar Jahre später auch das Lied „Pulaski at Night“ von Andrew Bird.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          In diesem Fall handelt es sich aber eher um einen Witz, denn wie das Titelbild der gleichnamigen EP im Stile einer Scherz-Postkarte zeigt, scheint Pulaski bei Nacht ein pechschwarzes Nichts zu sein. Die Genese des Stücks hat Andrew Bird einmal anekdotisch beschrieben: Eine thailändische Austauschstudentin in Chicago habe vor vielen Jahren, in der Vorahnung eines besonderen Ortes, einmal schwärmerisch zu ihm gesagt: „I want to see Pulaski at night“. Nachdem dieser Satz ihm immer wieder im Kopf herumgespukt war, gab Bird schließlich eine Antwort in Liedform: „I paint you a picture of Pulaski at night / Come back to Chicago, city of light“.

          Sein feinstes Werk bislang? Aber ja!

          Das besagte Stück ist eine Art Signatursong für Andrew Bird geworden. Es beruht, wie viele Stücke des klassisch ausgebildeten Violinisten, auf einem Folk-Geigenmotiv, das sich sofort einprägt, nutzt die Geige aber auch in Pizzicato-Spielweise als Rhythmusinstrument. Das ist im Indie-Rock eher ungewöhnlich, fast ein Alleinstellungsmerkmal. Dazu kommt ein leidenschaftlich sich verausgabender Gesang, der Bird schon oft Vergleiche mit dem frühverstorbenen Jeff Buckley eingebracht hat – die er freilich nicht mehr hören kann. Und längst auch nicht mehr sollte, denn mit dreizehn Soloalben seit 1996 und weiteren mit seiner Combo namens Bowl of Fire sowie vielen Kollaborationen ist Bird in Amerika inzwischen wirklich nicht mehr „Chicago’s best kept secret“, wie es lange hieß.

          Dennoch sind Auftritte in Deutschland bei ihm leider noch immer dünn gesät. Beim einzigen auf dieser Tour in Berlin nun betritt er die Bühne im weißen Sakko und beginnt mit einer Showgeigeneinlage (wie ernst er gewisse Sachen meint, ist oft nicht klar) – nur um dann abrupt an die Westerngitarre zu wechseln und zum ersten Song: „Sisyphus“. Der mythische Steinwälzer lässt darin einfach alles fahren („Let it roll, let it crash down low“), ein befreiendes Erlebnis. Andrew Bird pfeift dazu eine Ohrwurmmelodie. Auch das Pfeifen ist typisch für ihn, so untypisch, ja riskant es in der Popmusik geworden ist.

          Wie man Ohrwürmer schreibt, weiß der Mann. Mit Beach-Boys-Harmonien und Beatles-Charme sind gleich mehrere der Stücke auf dem im Frühling erschienenen Album „My Finest Work Yet“ ausgestattet, das seinen koketten Titel zu Recht trägt. So eingängig und trotzdem vielschichtig hat Bird noch nicht komponiert, und mit der perfekt songdienlich spielenden, dabei doch virtuosen Rhythmusgruppe aus Alan Hampton (Bass) und Abe Rounds (Schlagzeug) hat man im Großen Aufnahmesaal des Funkhauses Berlin an der Nalepastraße, das früher den DDR-Rundfunk beherbergte, das Gefühl, hier reihte sich Hit an Hit – garniert noch von den abgefeimten Gitarren- und Gesangseinlagen Madison Cunninghams, die im August selbst ein Soloalbum bei Verve Forecast vorlegt. Bei „Bloodless“, das Bird auf einer zwölfsaitigen Gitarre begleitet, hat man zwischen anderen emphatischen, teils von fern gekommenen Zuhörern die Gewissheit, etwas Großes zu erleben, möchte rufen „I want to see Pulaski at night“. Diesen Hit spart sich Andrew Bird bis ganz zum Schluss auf.

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