https://www.faz.net/-gqz-9u892

André Hellers Comeback-Album : Er hatte Sehnsucht

  • -Aktualisiert am

Er ist ein vielseitiger Künstler, aber auch ein Musiker: André Heller Bild: Stefan Liewehr

Wer vergessen hatte, dass André Heller auch Sänger und Musiker ist, wird nun eindrucksvoll daran erinnert: „Spätes Leuchten“ ist ein großes Comeback-Album aus Melancholie und Überschwang.

          2 Min.

          „Ich wär' ein schlechter Kapitän, die Meridiane sind mein Handwerk nicht“: Mit diesen Zeilen beginnt „Die wahren Abenteuer sind im Kopf“, eins der bekanntesten Lieder von André Heller. Was bei jedem anderen zumindest verstiegen geklungen hätte, bei ihm hört es sich lässig, originell und absolut stimmig an.

          Wie groß die musikalische Karriere Hellers von den späten sechziger bis zu den frühen achtziger Jahren war, haben viele vergessen. Das liegt auch an Heller selbst, der sich nicht nur anderem zuwandte - einem Zirkus, Feuerwerken, Gärten, Artisten-Shows, Wunderkammern -, sondern sich auch relativ rüde von seinem musikalischen Schaffen abgrenzte: „Ich musste meine Konzerttätigkeit beenden, weil es mir zur Qual wurde, um 20 Uhr vor einigen tausend Zuhörern begabt zu agieren, nur weil sie Eintritt bezahlt hatten“, lautet das berühmte Zitat. Heute äußert Heller sich gnädiger über sein damaliges Publikum: „Ich durfte spüren, was das für ein enormer Energieaustausch ist. Und wie man in den gesegnetsten Augenblicken zu fliegen beginnt und wenn man, was eine Wollust von mir ist, viel improvisiert, sich selbst überraschen kann und aus der Reserve locken."

          Ein Liedermacher?

          Es waren aber auch seine Studioplatten, die sich bei denen, die sie gehört haben, nachdrücklich ins Gedächtnis gebrannt haben, von der wohl schönsten Einspielung von Wienerliedern namens „A Musi! A Musi!“ über das dunkel leuchtende „Basta“ bis zum nachgereichten „Stimmenhören“ mit der beeindruckenden Friedensballade „Erhebet Euch, Geliebte“ und dem jiddischen Volkslied „Zehn Brider“. Eingeordnet wurde Heller damals in die Schublade „Liedermacher“, aber sein Sinn für musikalische Qualität hob ihn weit darüber hinaus. Wenn es ihm notwendig erschien, ließ er den amerikanischen Jazz-Saxophonisten Joe Henderson für ein Solo einfliegen, er arbeitete mit Chaka Khan, Freddie Hubbard, Toni Stricker, Laurindo Almeida, Vinnie Colaiuta und Terry Bozzio.

          Mit „Ruf und Echo“ erschien vor fünfzehn Jahren eine CD-Box, auf der Hellers Einfluss auf jüngere Musiker dokumentiert wurde, er sang dort unter anderem mit den Walkabouts, mit Brian Eno, Xavier Naidoo und Thomas D von den Fantastischen Vier. Auch die CD-Sammlung „BestHeller“, die 2008 erschien, erhielt einige neue Lieder wie „Leon Wolke“, das in berührenden Worten („wer Treblinka überlebt hat, fürchtet sich auf Erden nicht“) und poetisch verklausuliert das Schicksal des Holocaust-Überlebenden und Gründer des Jewish Welcome Service in Wien, Leon Zelman, schildert.


          Jetzt hat André Heller also wieder ein ganzes Album gemacht und es ist, als wäre er nie weg gewesen. Die Mischung aus Melancholie und Überschwang, die seine besten Lieder auszeichnete, prägt auch die sechzehn Lieder auf „Spätes Leuchten“. Geholfen bei der Einspielung haben ihm die britischen Produzenten Robert Rotifer und Andy Lewis, dabei sind Musiker wie der Jazzpianist Martin Klein, der Trompeter Herbert Pixner, der Knopfharmonika-Virtuose Walther Soyka und die persische Sängerin Golnar Shahyar. „Papirossi“ ist eine Feier des Lebens, „Mutter sagt“ eine Erinnerung an Hellers Mutter, die über hundert Jahre alt wurde, „Heldenplatz“ eine typisch ätzende Abarbeitung an seiner Heimatstadt und „Hab so Sehnsucht“ eigentlich ein Liebeslied. Gleichzeitig erklärt es, was Heller als Musiker antreibt. Und den alten Trick, ganz nah ans Mikrofon zu treten, damit er eindringlicher klingt, den beherrscht André Heller natürlich immer noch.

          Weitere Themen

          Splatter-Rap mit Grillenzirpen

          Neues Album von Eminem : Splatter-Rap mit Grillenzirpen

          Eminems neues Album will Konzeptmusik sein, wird aber durch platte Provokation beschädigt. So entsteht skrupelloser Boulevard-Rap, der das Richtige mit falschen Mitteln zu erreichen sucht.

          Topmeldungen

          5:0 gegen Schalke : Die Bayern blasen zur Jagd auf Leipzig

          Die Münchner erteilen Schalke eine Lehrstunde und kommen Spitzenreiter Leipzig, der sein Spiel in Frankfurt verliert, nah. Die Bayern indes siegen imposant – auch weil der Torwart der Königsblauen zwei Mal patzt.
          Demonstranten in Leipzig

          Sechs Polizisten verletzt : Wieder Krawall in Leipzig

          Etwa 1300 Menschen demonstrieren in Leipzig gegen das Verbot einer linksextremen Online-Plattform. Zunächst bleibt der Protest friedlich, dann fliegen Steine. Die Polizei kesselt die Demonstranten ein, sechs Beamte werden verletzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.