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Amy Winehouse in Berlin : Wenigstens das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt

Nimmt sich Zeit für die Garderobe: Amy Winehouse Bild: AP

Unschuldige Mädchen wie Joss Stone und Rihanna wuchsen auf Geheiß ihrer Manager zu bösen Frauen heran. Amy Winehouse hingegen musste nicht erst zum Rüpel werden. Jetzt hat sie in Berlin gesungen. Und Thomas Thiel hat zugehört.

          3 Min.

          Das Konzert ist erst wenige Minuten alt, da bahnt sich eine erste Enttäuschung an. Die Sängerin, Amy Winehouse, scheint ohne ihr wichtigstes Requisit, ihre Stimme, gekommen zu sein, zumindest erscheint sie ihr nachrangig. Ihre Sorge gilt zunächst anderen Dingen. Überhaupt wirkt es, als hätte sie erst vor kurzem von ihrem Termin im Berliner Tempodrom erfahren und ihr Manager ihr erst noch einen Schubs geben müssen, damit sie endlich auf die Bühne torkelt, wackelt, stakst.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Zwei Biester treffen an diesem Abend aufeinander: Das vordergründige Biest ist Amy Winehouse, die erst dreiundzwanzig Jahre alte, lasterhafte Soulsängerin, in den zurückliegenden drei Jahren kometenhaft aufgestiegen, im Besitz einer Stimme, die ihr über alle Temperamentsschwankungen hinweghilft; und die diskrete Bestie des Managements, die im Hintergrund gekonnt ihr Auffangnetz webt, um das unbändige Tier an der Leine zu halten und seinem möglichen Absturz voraus zu sein.

          Dann stolpert Amy Winehouse auf die Bühne

          Von den vielen unschuldigen stimmbegabten Mädchen von Joss Stone bis Rihanna, die auf Geheiß ihrer Manager zu bösen, giftigen Frauen heranwuchsen, unterscheidet sich Amy Winehouse dadurch, dass sie zum Rüpel nicht erst werden musste. Die dem Alkohol und anderen Drogen Ergebene war im August zur Entziehungskur, so dass man sich fragte, ob und in welchem Zustand sie sich zum Auftakt ihrer Deutschland-Tournee präsentieren würde. Das Publikum darf sich zunächst eine geschlagene Stunde am Anblick von sechs stufig angereihten roten Stehlampen mit weißen Fransen weiden. Dann tritt eine schwarzbefrackte Eskorte aus Tänzern, Bläsern, Gitarrist und Pianist auf die Bühne, und dann, sagt der Tänzer links des Mikrofons, soll sie tatsächlich kommen: „Miss Aaaamy Wiiiiinehouuuuse!“

          Musik : Amy Winehouse froh über Auszeichnung

          Da ist sie also, stolpert im Kontrast zu der pompösen Ankündigung etwas verhuscht in die Arena, zupft ihr tiefausgeschnittenes Dekolleté zurecht, das trotz vieler Korrekturversuche nicht richtig sitzen will und im Verlauf des Konzerts noch weiterer Feinjustierung bedarf, widmet sich sodann ihrem kurzen, bauschigen Rock, der ihren ruhelosen Beinen mal zu eng und mal zu weit scheint, entdeckt, dass ihr turbanhafter Haardutt, in dem bequem eine Kleinfamilie nistender Störche Platz fände, noch nicht so recht zentriert ist, probt den Fall ihres ellenlangen seidig-schwarzen Schopfes, als hätte sie vor, zu vorgerückter Stunde noch wild und seidig mit ihm zu wirbeln. Währenddessen beginnen die Tänzer wie Aale zu glitschen, die Bläser fanfarenartig zu trompeten, und der Pianist gibt in scheppernden Triolen den Takt vor, an den die Sängerin, gemeint ist Amy Winehouse, anknüpfen soll.

          Jeden Moment scheint es, als könnte sie gehen

          Doch Frau Winehouse ist in diesem Moment noch ganz bei sich, das heißt, bei ihrer Abendgarderobe, und sie nimmt sich dafür Zeit. Ihre Zuneigung gilt nicht dem Publikum, sondern den sie unmittelbar umgebenden Dingen. Nach einem Song sagt sie einmal kurz „I love you“, nach dem ungefähr sechsten Lied entschließt sie sich, ihr Publikum zu grüßen („Hello. Are you alright?“). Vorzugsweise wischt sie sich nach jedem Lied über den Mund, als hätte sie ein Pils mit riesiger Schaumkrone heruntergekippt, oder fährt sich über die Nase, als hätte sie einen leichten Schnupfen. Bei all dem wirkt sie wie jemand, der sich nicht zu benehmen weiß, deswegen aber keinerlei Peinlichkeit empfindet und auch keine verursacht.

          Vielmehr gehört es zu ihrer natürlichen Begabung, das Divenhafte nicht gefällig hervorzukehren und den Eindruck zu vermitteln, als sei das Publikum, immerhin einige Tausend unter der Zeltkonstruktion des Tempodroms, nur Zaungast ihrer Leibes- und Stimmübungen. Jeden Augenblick scheint es, als könnte sie genug von ihrem Auftritt haben und sich schlafen legen. Vor diesem Hintergrund ist es beruhigend (oder beunruhigend) zu wissen, dass dann die Begleitband die Leerstelle übernehmen und das Konzert sicher nach Hause schaukeln würde, die Tänzer wieder ekstatischer ihre Hüften schwingen und die Bläser ihren Instrumenten wieder ins gefällige Nirgendwo driftenden Tonzierrat entlocken würden. Doch sie bleibt. Die Musik wechselt von verspieltem Jazz in hitzigen Reggae, die Tongirlanden der Blechbläser treten zurück, die Tänzer müssen die Körperträgheit ihrer Frontfrau nicht länger kompensieren. Amy Winehouse singt.

          Ob sie wohl weiß, in welcher Stadt sie gesungen hat?

          Die Liebe, singt Amy Winehouse, ist ein nie zu gewinnendes Spiel, aber eines, das sie trotzdem immer wieder anfange. Die schmerzlichen Lehren der gescheiterten Liebe kann sie in Songs umsetzen, die von ihrer unbändigen Doppelnatur berichten. Den Lover warnt sie schon vorher, kein gutes Mädchen zu sein („I'm no good“), vielmehr eines, das von wild wuchernden Trieben zur Promiskuität gezwungen sei und hinterher bereue, was es getan habe. Diese Erfahrung gibt ihren besten Songs eine vernarbte Grundierung. Mit zunächst kratziger, dann voluminös funkelnder Stimme raspelt sie den Schorf von ihrer Seele. Doch frei singt sie sich nie. Sie bleibt Bewohnerin ihres samtig gepolsterten Käfigs.

          Nach einer kurzen Zugabe geht sie von der Bühne. Man weiß nicht, ob sie weiß, in welcher Stadt sie gesungen hat und ob sie sich anschließend die Nase und die Zähne putzen oder ihr Kleid stopfen wird. Die Eskorte spielt noch einen Nachhall im Stil eines Musicals. Es bleiben keine Wünsche offen, die im Rahmen des Preis-Leistungs-Verhältnisses hätten geäußert werden können. Für darüber hinausgehende Euphorien fühlte sie keines der beiden Biester zuständig.

          Weitere Auftritte in der Nähe

          Dienstag, 16. Oktober: CCH 3, Hamburg

          Mittwoch, 24. Oktober: Muffathalle, München
          Donnerstag, 25. Oktober: Volkshaus, Zürich, CH
          Sonntag, 28. Oktober: Palladium, Köln

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