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Amanda Palmers Tour : Das Ende der Metapher

Ins Dunkle steigen und ein Licht hinstellen: Amanda Palmer Bild: Allan Amato

Amanda Palmer, einst Sängerin der Dresden Dolls, tourt mit einem therapeutischen Sitzkonzert. Es geht um tote Babys und um Mitgefühl. Und alles hat mit Trump zu tun.

          5 Min.

          Am Tag vor Weihnachten erfuhr Amanda Palmer, dass das Kind in ihrem Bauch tot war. Sie reiste dann, so erzählt sie es jetzt, knapp zwei Jahre später, auf der Bühne, allein in ein Hotel in den Bergen. Die Auszeit hatte sie zuvor gebucht und auch eine Schwangerschaftsmassage vereinbart. Als sie vor der Masseurin stand und es aus ihr herausbrach, spürte sie die Erleichterung der Frau. Die hatte selbst kurz zuvor ein Kind verloren und war froh, keine Freude heucheln zu müssen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Solche Erlebnisse verarbeitet die amerikanische Musikerin Amanda Palmer in der Show zu ihrem neuen Album „There Will Be No Intermission“, und sie warnt: Es kommt noch viel mehr „Dark Material“.

          Leid ist ein Gefühl, das nicht so gut in ein Rockkonzert passt, jedenfalls nicht die Art von dunkler Verzweiflung, die keinen Ausweg kennt. Eher eine Art abstraktes Konzept, das Raum für gutes Zureden lässt. Zu den wenigen, die nicht in die Gothic-Nische passen und sich doch auf dieses Terrain wagen, gehört Nick Cave, der den Tod seines Sohnes an einer Klippe bei Brighton musikalisch verarbeitete und auch sonst hinreichend Erfahrung mit dunklen Gemütszuständen hat. Und dann kommt es natürlich auf den Ursprung des Leids an. Frauen, die eine Abtreibung hinter sich haben, singen nicht davon. Auch Mütter nicht, die daran zweifeln, für ihr Kind sorgen zu können, bis es irgendwann allein durchs Leben gehen kann.

          Schwierige Jahre

          Amanda Palmer tut es. Vor fünfzehn Jahren wurde sie als Sängerin des Duos Dresden Dolls bekannt, mit einem Song vom Segen eines Partners, der sich wie ein Münzautomat bedienen lässt („Coin Operated Boy“), und einigen über die Einsamkeit. Als Kind in Boston hatte sie gelernt, ihre Aggressionen am Klavier auszulassen, später in Deutschland studiert und sich über die Jahre eine riesige Fangemeinschaft im Netz erarbeitet, die sie per Crowdfunding finanziert – so bedingungslos, dass sie sich von ihrem Label trennen und Musik nach ihrer Neigung produzieren konnte. Palmer gab TED-Talks, schrieb ein Buch. Jetzt ist sie 43. Von den schwierigen letzten Jahren handelt das neue Album, mit dem sie gerade durch Europa tourt. Drei Stunden dauert die Show, sie nennt sie „therapeutisches Sitzkonzert“.

          Queen of Swords: Amanda Palmer liebt die Inszenierung

          Palmer sitzt also breitbeinig am Flügel, auf dem Kopf ein Nest aus strähnigem Haar, und spricht über ihre erste Liebe, den „Verderber“, der in ihr ein Spielzeug sah, über die Dunkelheit von The Cure und die unverständliche Leichtigkeit der Beatles. Sie singt die „Seeräuber-Jenny“ aus der „Dreigroschenoper“ und drischt dazu in die Tasten, dann „I’ve Seen Better Days“, den Song über ihre Abtreibung mit siebzehn Jahren, ganz ohne Mollakkorde, sie ruft „Sing along, see how happy I am“, und lässt das Unbehagen durch den Saal strömen. Wer zu viel hat, darf „Amanda, I’m too sad“ rufen und bekommt ein heiteres Zwischenspiel. Bei allem morbiden Sarkasmus kann Palmer auch sehr lustig sein.

          Dahinter steht eine Überzeugung. Das Publikum, sagt Palmer, wenn man sie trifft, habe genug von seichter Unterhaltung. Die weltweiten politischen Entwicklungen erforderten mehr. Im Verlauf der Amtszeit von Trump seien ihr die Metaphern ausgegangen. Bei einem Besuch in London sah sie einen Auftritt von Hannah Gadsby, der Komikerin aus Australien, die in ihrer radikal offenherzigen Show das stereotype Image der dicken Lesbe, Vergewaltigungen und Abtreibungen verhandelte. Palmer war fasziniert. Gadsbys One-Woman-Show war so düster, und das Publikum folgte ihr in den Abgrund. „Es tat gut, eine Frau über derart Kontroverses sprechen zu hören. Es war Zeit.“ In diese neue Tradition emotionaler Comedy reihte sich später die Amazon-Serie „Fleabag“ ein.

          Wenn Amanda Palmer von ihrer politischen Mission spricht, ist das natürlich nur die halbe Wahrheit. Sie weiß, wie süchtig es macht, heftige Gefühle auszulösen. Man muss sich nur vorstellen, wie die Zuschauer in Amerika auf ihre Selbstentblößung reagieren, wenn sich unter knapp tausend weiblichen und männlichen Fans in einem Konzertsaal in Offenbach ein merklicher Anteil mit zustimmenden Rufen einmischt oder in Stille weint. Was passiert da eigentlich?

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