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Urheberrecht : Melodien für Millionen

  • -Aktualisiert am

Computertaste mit Notenschlüssel Bild: Picture-Alliance

Zwei Amerikaner haben 68,7 Milliarden Melodien ins Netz gestellt und als gemeinfrei deklariert. Verhindert das künftig langwierige Urheberrechtsstreits um wenige Töne?

          2 Min.

          Drei Töne. Nur um drei Töne einer Melodiefolge ging es im Prozess gegen Sängerin Katy Perry und ihr Lied „Dark Horse“, an dessen Ende das Gericht kürzlich entschied: Sie könnte sie abgekupfert haben vom deutlich weniger bekannten Lied „Joyful Noise“. Dass sie dieses Lied nicht kannte, glaubte das Gericht ihr nicht: Schließlich sei „Joyful Noise“ mehr als drei Millionen Mal auf Youtube angesehen worden, damit sei es bekannt genug, dass sie es hätte kennen müssen.

          Man weiß gar nicht, wo ansetzen bei dieser sonderbaren Argumentation, aber das Urteil steht fest: Katy Perry musste 2,8 Millionen Dollar zahlen. Ob die angeblich geklauten drei Töne herausragend genug klingen, um das zu rechtfertigen, muss jeder selbst beurteilen – der Musikproduzent Rick Beato hat zu diesem Thema ein detailreiches Vergleichsvideo auf Youtube veröffentlicht.

          Unabhängig davon bleibt die Frage: Ernsthaft, ein Gerichtsprozess wegen dreier Töne, die natürlich schon tausendfach in dieser Folge verwendet wurden? Und der Fall ist nicht mal ungewöhnlich. In den vergangenen Jahren ging es auch um Marvin Gaye gegen Ed Sheeran und um Tom Petty gegen Sam Smith. Der Rechtsstreit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham über ein zwei Sekunden langes Sample aus „Metall auf Metall“ zieht sich sogar schon seit zwanzig Jahren hin, erst im Januar tagte der Bundesgerichtshof wieder dazu, will aber erst in einigen Wochen oder Monaten zu einem Urteil kommen – das dann wahrscheinlich wieder angefochten wird. In Deutschland wird Musik siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers ohnehin gemeinfrei, und derzeit kann man nur hoffen, dass es bis dahin zu einem abschließenden Urteil kommt.

          Um den Komponisten mehr Freiheit zu verschaffen, haben zwei Amerikaner jetzt 68,7 Milliarden Melodien ins Netz gestellt und als gemeinfrei deklariert. Innerhalb von sechs Tagen produzierte ein Algorithmus die 8 hoch 12 Kombinationen, indem er aus acht Stammtönen (Grundton bis einschließlich Oktave) jeweils zwölf Töne lange Melodien bildete. Künftig können sich Komponisten also darauf berufen, dass sie diese Melodien verwenden dürfen – oder aber jede freie Minute nutzen, um eigene Melodien in der Datenbank zu suchen und Anspruch darauf zu erheben, je nach Persönlichkeitsstruktur. Die beiden Robin Hoods des Projekts „All the Music“, Damien Riehl und Noah Rubin, wollen bald weitere Tonfolgen hinzufügen. Bisher spielt sich alles innerhalb einer Oktave ab, der Rhythmus spielt keine Rolle, und die schwarzen Tasten wurden nicht mal berührt, also sind noch lange nicht alle mathematisch denkbaren Melodien abgedeckt. Das wird sich ändern.

          Damit ist rechtlich zwar noch lange nicht alles geklärt, weil der Sound im Höreindruck sogar eine größere Rolle spielen kann als die Melodie. Aber es ist doch ein starkes Zeichen innerhalb eines Business, in dem manche genug davon haben, wegen einer im besten Wissen und Gewissen angefertigten Komposition vor Gericht gezerrt zu werden, und in dem andere finden, diese eine gute Idee, die sie vor Jahren hatten, sei so exklusiv, dass kein anderer unabhängig von ihnen die gleiche haben konnte. Wenn sich jemand für ein Kreativgenie hält, ist das für seine Mitmenschen schon anstrengend genug. Es muss nicht auch noch jedes Mal vor Gericht verhandelt werden.

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