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Alice Cooper : Alles nur geschminkt

  • -Aktualisiert am

Ein Pionier für spätere Tabubrecher Bild: dpa

Alice Cooper leistete mit seiner Band Pionierdienste für spätere Tabubrecher. Was die Gruppe zu bieten hatte, ging über die Effekthascherei hinaus. An diesem Montag wird der nette Schock-Rocker sechzig Jahre alt.

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          Nachdem die Pioniere der Rockmusik ihr Pulver verschossen hatten und die Hörerschaft nicht mehr so leicht aus der Reserve zu locken war, mussten sich die Nachfolgenden immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Dies führte unter anderem zum Schock-Rock, der sich in den späten sechziger Jahren vor allem in Amerika ausbreitete und sich auch von Zutaten anregen ließ, die mit Musik direkt nichts zu tun hatten - Comics, Vaudeville, grelle Schminke und allerhand Folterinstrumente, die bei Liveauftritten zum Einsatz kamen. Einer ihrer maßgeblichen, anfangs vom Übervater Frank Zappa geförderten Protagonisten ist Alice Cooper.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Alice Cooper war zunächst der Name der Gruppe, die Vincent Damon Furnier in seiner für Krawall ohnehin bekannten Heimatstadt Detroit als eine Krachmacher-Version des Dadaismus betrieb, bis er sich schließlich selbst so nannte. Schon damit leistete die Band Pionierdienste für spätere Tabubrecher, die ihre Namen gleichfalls aus klassisch-amerikanischen Bestandteilen zusammensetzten, wie etwa Marilyn Manson. Die Mischung aus gespielter Ultra-Brutalität und sexuell uneindeutigem, mit sadomasochistischen Elementen versetztem Getue machte Cooper zur Attraktion und zu einer großen Hardrock-Band.

          „School´s Out“, 1972

          Denn was die Gruppe zu bieten hatte, ging über die Effekthascherei ihrer allerdings spektakulären Bühnenshows, bei denen Alice Cooper mit Würgeschlangen hantierte, nekrophile Anwandlungen zeigte und sich einmal fast versehentlich erhängte, hinaus. Nach dem dünnblütigen Garagenrock der ersten beiden Platten hatten Musiker auf der dritten, „Love It To Death“, ihren Stil gefunden. Das vormals Ramponierte war nun etwas aufpoliert, das Songwriting komplexer, das Repertoire vielfältiger, so dass neben klassischen, riffgesättigten Donnernummern auch feinfühlige Balladen mit Folk- und Country-Anklängen zu Gehör kamen. Dieser Verfeinerungsprozess war freilich auch den Künsten des damals noch jungen Wunderproduzenten Bob Ezrin zu verdanken, der später Pop-Meilensteine wie Pink Floyds „The Wall“verantwortete.

          Gemeinsamkeiten: Alice Cooper und Marilyn Manson „schockten” Bukarest im Juli 2007

          Unter Ezrins Regie kamen Alice-Cooper-Nummern wie „I'm Eighteen“, „Is it My Body“ und „Caught in a Dream“ auch deswegen so wirksam zur Geltung, weil die Musik dank der professionellen Produktion nicht zu speziell wirkte und die Essenz des harten Rock bewahrte, den Cooper mit rüder, zuweilen aber auch hinterhältig verführerischer Stimme sang. Besonders der Song „School's Out“ von der gleichnamigen, 1972 erschienenen Platte wurde weit über das Jahrzehnt hinaus zur Identifikationshymne all derer, die den auf Konsum, Gewalt und Sex ausgerichteten American way of life angewidert durchschauten, von ihm aber nicht lassen konnten, weil sie auf Spaß nicht verzichten wollten.

          In den Neunzigern wieder im Gespräch

          Das Gesamtkunstwerk Alice Cooper lehrte eine ganze, keineswegs nur dumpf-halbstarke Generation, wie bei einer pennälerhaften Verweigerungshaltung phantasievolle Selbstverwirklichung möglich war. Mit weiteren, aufwendig gestalteten und musikalisch hochwertigen Platten wie „Billion Dollar Babies“ und „Muscle Of Love“ wurde dieser Kurs fortgesetzt, bis Cooper angesichts eines immer abgebrühter werdenden, nur noch schwer zu beeindruckenden Publikums den Anschluss verlor. Von dieser nur natürlichen Entwicklung ließ sich der privat von jeher umgängliche und richtiggehend normale Biertrinker und Freund sehr interessanter Kulturprominenz allerdings nicht entmutigen, auch wenn die Musik glatter, das Gesamtkonzept altmodischer wurde. Eine Gastrolle in dem Film „Wayne's World“, zu dem er auch das Lied „Feed My Frankenstein“ beisteuerte, brachte ihn in den Neunzigern wieder ins Gespräch.

          Man sollte an diesem Montag, an dem Alice Cooper sechzig Jahre alt wird, vielleicht nicht ganz vergessen, was dieser schillernde Mann auf seine angenehm unernst-überdrehte Art für die Befriedigung schwer vermittelbarer Sehnsüchte getan hat.

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