https://www.faz.net/-gqz-86h2m

Dr. Dres neues Album „Compton“ : Man feiert sich nicht mehr ganz so unreflektiert

  • -Aktualisiert am

Der Sound eines Stadtteils? Für sein neues Album ließ sich Dr. Dre vom Film „Straight Outta Compton“ inspirieren. Bild: Aftermath Ent./Interscope Rec.

In den Neunzigern lotste Dr. Dre den Rap mittels G-Funk in den Mainstream. Auf seinem ersten Album seit 15 Jahren schwimmt er mit dem Strom – und spielt mit Trap-Einflüssen.

          3 Min.

          Keuchen. Kehliges, kurzatmiges Keuchen nach Luft von jemandem, dessen Lunge sich mit Wasser füllt. Er schluckt, prustet „Help me, help me“, Hilferufe auf einen Beat, der schleppend das Ende andeutet, eine dünne Snaredrum flirrt dazwischen, als würde das Bild einer auf das Geschehen gehaltenen Handkamera wackeln. “Shoulda never jumped in if you can‘t swim”, wärst du besser nicht reingesprungen, höhnt Rapper Kendrick Lamar vom Ufer. Während der Ertrinkende – „I can‘t, I can‘t breathe“, gesprochen von Anderson .Paak – um Luft ringt, mischt sich ein Saxophon in seine verzweifelten Sprechversuche. Es begleitet ihn mit lakonischen Girlanden, geht mit unter, tönt von unter Wasser, und verebbt schließlich zusammen mit dem Gurgeln des Sterbenden. In der Ferne hört man Kirchenglocken läuten.

          Ähnlich ergeht es den Hörern von Dr. Dres neuen Album „Compton“, dem in Klammern „A Soundtrack by Dr Dre“ nachgestellt ist. Die sechzehn Tracks der Platte überwältigen. So gänzlich anders ist die Musik auf der erst dritten Platte des Fünfzigjährigen, anders als das, was man vom Erfinder des G-Funk gewohnt ist.

          Hip-Hop-Mogul am Mic: Der Produzent ist noch mit fünfzig Jahren gut im Rapgeschäft dabei.
          Hip-Hop-Mogul am Mic: Der Produzent ist noch mit fünfzig Jahren gut im Rapgeschäft dabei. : Bild: AP

          Doch im Gegensatz zur Figur, die wider besseren Wissens in fremde Gewässer geschwommen ist, überlebt man das Gehörte doch. Wie Rettungsringe erreichen die Hörer Rhythmen und Songstrukturen, die an das Gesamtwerk des Produzenten erinnern und anknüpfen.

          André Romelle Young, wie Dr. Dre mit bürgerlichem Namen heißt, ist nicht nur erfolgreicher Hip-Hop-Unternehmer, der neben seinem musikalischen Schaffen auch mit seinen bunten „Beats by Dr. Dre“-Kopfhörern kommerzielle Erfolge verbuchen konnte und durch den Aufkauf durch Apple mittlerweile zur Liga amerikanischer Milliardäre gehört. Dr. Dre ist der Mann hinter „The Chronic“, dem „Gamechanger“ der Rapmusik von 1992, also dem Album, nach dessen Erscheinen Gangsterrap nicht mehr so klingen sollte wie zuvor. Nicht mehr so sperrig wie der Sound von Public Enemy und auch nicht mehr so lose durch den Raum hüpfend wie der Elektro-Hop der Beastie Boys oder Whodini.

          Szene aus „Straight Outta Compton“: Der Titel ist eine Referenz auf das gleichnamigen Debüt von N.W.A . - Corey Hawkins als Dr. Dre (li.) O’Shea Jackson Jr. als Ice Cube (M.), Jason Mitchell als Eazy-E (re.) - das mit G-Funk-Beats den Westcoast-Rap prägte.
          Szene aus „Straight Outta Compton“: Der Titel ist eine Referenz auf das gleichnamigen Debüt von N.W.A . - Corey Hawkins als Dr. Dre (li.) O’Shea Jackson Jr. als Ice Cube (M.), Jason Mitchell als Eazy-E (re.) - das mit G-Funk-Beats den Westcoast-Rap prägte. : Bild: AP

          Auf „The Chronic“ wob der N.W.A.-Gründer aus samtigen Funkeinflüssen, zurückgelehnten Beats und Klangfetzen von Schüssen, Autogeräuschen, Schreien, Sirenen und Fluchtiraden die Leinwand, auf der andere Rapper ihre kriminellen Geschichten aus dem Ghetto Gestalt annahmen. Und weil das alles so düster, auf Dr. Dres eingängigen Beats aber gleichzeitig wohlig entspannt klang, erfreute sich der G-Funk extremer Beliebtheit. Und das nicht nur in der Rapszene. Gut zwei Jahrzehnte später ist der West-Coast-Whistle, ein G-Funk-Element mit hohem Wiedererkennungs- und Mitsingwert, auf „Compton“ verschwunden. Die Soundcollagen sind geblieben.

          Dass Musik den Soundtrack zum Leben bietet, ist eine abgedroschene Vorstellung. Ähnlich verhält es sich mit dem Konzept, das Dr. Dre für sein neues Album gewählt hat. Wenig originell ist die Filmmusik zum Geschehen in Compton ­­– dem Stadtteil von Los Angeles, der wegen seiner Gangs wie den schwarzen Bloods und Crips, ihren Kriegen untereinander sowie der Gangsterrapcombos, die davon erzählen, popkulturelle Relevanz genießt. Das Intro, in dem eine Nachrichtensprecherstimme die Entwicklungsgeschichte der Vorstadt referiert, scheint da überflüssig.

          Kein „Gamechanger“, aber am Puls der Zeit

          Zweifel am Revolutionspotenzial von „Compton“ gab es bereits im Vorfeld, weil das Leben in solchen Ghettos schon im März auf Albumlänge destilliert wurde, und das so bildhaft und so widersprüchlich, wie es nur die Realität sein kann: auf Kendrick Lamars sensationell vielschichtigem „To Pimp A Butterfly“, auf dem Lamar sogar eine Kontextualisierung jenseits Comptons Grenzen gelang.

          Inhaltlich bleibt Dr. Dres Soundtrack weit hinter Lamars Version zurück, wenngleich dieser auch auf „Compton“ dreimal gefeatured wird. Thematisiert wird, was sich seit den letzten zwanzig Jahren im Gangsterrap etabliert hat: die Hoffnung auf den amerikanischen Traum, die Verachtung für Konkurrenten, die Gang, der Mord. Neben weniger bekannten Künstlern wie Justus, BJ the Chicago Kid und Cold 187um sind unter Dr. Dres Mitstreitern auch die Veteranen der Szene vertreten, namentlich Snoop Dogg, Ice Cube, Xzibit, The Game und Eminem. Mag „Compton“ inhaltlich auch wenig Überraschendes bieten: Man feiert sich nicht mehr ganz so unreflektiert wie noch zu guten alten G-Funk-Zeiten. Mit Anderson .Paak und King Mez hat Dr. Dre zwei junge Musiker eingeladen, die am Puls der Zeit sind. Was wiederum seinem Ruf entspricht, immer mit der Zeit zu gehen.

          Kinotrailer : „Straight Outta Compton“

          Das gilt auch für die Beats auf „Compton“: Da wird im ersten Song gecroont, wie es erst seit Drake üblich ist. Der Trap-Einfluss ist unüberhörbar, Songs wie „Deep Water“ und „For The Love Of Money“ demonstrieren eindrücklich, wie gerne man in diesem Genre mit Verzögerungen spielt und Rhythmusschleifen auflöst. Wenn die Rapper ihre Trap-üblichen Double- und Trippletimes auf die Beats feuern, kann das bisweilen sehr anstrengend werden. Zusätzlich verwirrend ist teilweise auch, dass auf den meisten Songs mehr als ein Act vertreten ist: Am Ende des Albums hat man mehr als ein Dutzend Rap-Stile gehört.

          Aber Dr. Dre kennt seine Gefolgschaft: zwischen diesen Songs mit zerschossener Struktur finden sich dann doch genug andere Titel, die von Rhythmus und Attitüde her an seine Gangsterhymnen aus den Neunzigern erinnern. Somit gelingt es Dr. Dre mit „Compton“ zwar nicht, das Rapgame mit seinem wohl vorerst letzten Album umzukrempeln. Aber er hat erneut bewiesen, dass er noch immer der Alte ist: Er beherrscht das Spiel. Er ist bereit für die nächste Rap-Generation. Und hat nach wie vor keine Angst vor fremden Gewässern.

          Weitere Themen

          „Azor“ Video-Seite öffnen

          Trailer (OmU) : „Azor“

          „Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

          Topmeldungen

          Auch so eine Überschrift: „Es hilft, wenn mal die Katze durchs Bild läuft“

          Kolumne „Nine to five“ : Kuriose neue Arbeitswelt

          „Polizei jagt Homeoffice-Sünder“ – solche Schlagzeilen wären doch vor Corona undenkbar gewesen. Im Archiv eines Jahres Pandemie-Heimarbeitswelt kommen da so einige zusammen. Eine kleine Kostprobe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.