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„7“ von Paul Kalkbrenner : Moment mal, ist das Walgesang?

  • -Aktualisiert am

In seinem Element: Veranstalter buchen Kalkbrenner gerne als Live-Act. Bild: dpa

Der Hype um Berlin ebbt langsam aber sicher ab. Wird es dem Musiker, der im Ausland den Sound der Stadt repräsentiert, ähnlich ergehen? Kalkbrenners „7“ soll für alle sein – leider.

          3 Min.

          Der Hype ist ein untreuer kleiner Köter, er kommt und geht, wann er will. Ehe man sich versieht, heftet er sich einem an die Fersen, während man auf dem Pfad der ehrlichen Musiker wandelt, und lässt auch dann nicht ab, wenn man ihn gar nicht Gassi führen will. Und: als Rudeltier bleibt er nicht lang allein.

          Paul Kalkbrenner wird das kennen. Spätestens seit „Berlin Calling“ ist der Mann ein Massenphänomen. Dabei war seine Musik ursprünglich nur für Streuner fernab des Mainstreams reizvoll. Zwar in Leipzig geboren, aufgrund seiner Kindheit in Berlin-Lichtenberg aber für immer Ostberlin verbunden, klangen Kalkbrenners ersten Stücke unharmonisch, unversöhnlich. Eben so wie die Musik in den Clubs, dem E-Werk und Tresor, von wo Techno sich zum Sound des Umbruchs auswuchs. Mittlerweile verkörpert Kalkbrenner den Sound des hippen Berlins. Und der lässt nichts gutes erahnen, wenn man sich das Anfang August erschienene Album „7“ anhört.

          Berlin, das war auch mal so ein Hype. Man kennt den Ruf der schnoddrig-charmanten Hauptstadt, den Mythos, der zwischen Selbstverwirklichung, Kreativität und Hedonismus oszilliert. Leute wie Ickarus waren seine Helden: In der Rolle eben jenes DJs mit Drogenproblem erlangte Kalkbrenner internationale Bekanntheit durch den Film „Berlin Calling“. Sicher, weil seine schauspielerische Leistung dazu beitrug, glaubwürdige Bilder der hauptstädtischen Technoszene zu zeichnen. Aber auch, weil der von Kalkbrenner beigesteuerte Soundtrack das Lebensgefühl der Hauptstadt einzufangen schien. Genauer das Gefühl derer, die es ins Nachtleben zieht: „And we build up castles in the sky and in the sand / design our own world ain't nobody understand“, Kalkbrenners Bruder Fritz sang von Luftschlössern, kleinen Fluchten auf der ­Tanzfläche, und vom Gefühl des Nicht-Verstandenseins. Berlin, die Stadt der Träumer und Eskapisten. Der sentimentale Titelsong „Sky and Sand” wurde zum Hit, und Kalkbrenner zum musikalischen Botschafter von Berlin. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls bespielte er das Bürgerfest am Brandenburger Tor – neben Udo Lindenberg und Daniel Barenboim.

          Sieben Jahre ist „Berlin Calling“ her. Der Hype um Berlin ist inzwischen so fad wie der Geschmack im Mund nach einer durchzechten Partynacht. Bereits 2014 konstatierte Kalkbrenner: „Das Berlin-Gefühl ist jetzt schon retrospektiv. Die Techno-Szene Berlins, so wie sie war, ist finito.“

          Und Paul Kalkbrenners eigene Musik?

          Sie klingt pathetischer denn je. Das ist per se sicher keine schlechte Nachricht, wollte der Technomusiker seinen Hörern doch einen Ort zum Wohlfühlen geben. Einen Ort, zu dem jeder Zugang hat, unabhängig von Herkunft, Sprache und Hörgewohnheiten; dank der Fähigkeit zur Rührung.

          Mit Vokalstücken ins amerikanische Radio

          Die weichen, einfachen Melodien der zwölf Tracks auf „7“ werden höchstens rhythmisch konterkariert, hier eine verschleppte Melodie, da eine  Bass Drum, die rechtschaffener durchknallt als sonst. Und das war es schon an Überraschungen. Nichts trübt die rührselige Monotonie auf „7“. Auch nicht das Knistern und Rauschen, dem einige eine gewisse Rohheit abgewinnen können: Das sind formale Schliffe. Die Oberfläche des Sounds mögen sie zwar aufrauen, ihren Kern betreffen sie nicht. Aber schließlich  will Kalkbrenner mit seiner Musik ja auch alle umarmen, wie er jüngst in einem Interview erzählte.

          Vor allem die Hörer jenseits von Europas Grenzen. Dass Kalkbrenner sein siebtes Album bei einem Majorlabel veröffentlicht, ist zwar eine Premiere. Allerdings ist das auch der logische Schritt in seiner erfolgsorientierten  Karriereplanung, die auf internationales Publikum ausgelegt ist. Daher der einfache Albumtitel, daher auch die drei Vokalstücke.

          Der Technomusiker weiß: Wer den amerikanischen Markt erobern will, muss ins Radio, und das geht nur mit Gesang. Da Kalkbrenner im Studio aber niemanden außer sich selbst erträgt, schöpfte er aus dem Fundus des Sony-Archivs. So schmachtet das R’n’B-Duo D-Train sein „You Are The One For Me“ auf die melodramatischen Klavierakkorde in „Cloud Rider“. Soulsänger Luther Vandross bekommt fast Schnappatmung, wenn sein beschleunigter, sanfter Soul eine Instrumentalpause überbrücken soll, bis der drängende Beat wieder einsetzt. Ganz anders verhält es sich bei „Feed Your Head“, für das Kalkbrenner die psychedelische Nummer „White Rabbit“ der Rockgruppe Jeffersons Airplane  ausgegraben und aufbereitet hat. Die Stimme von Grace Slick sträubt sich gegen die wabernden Synthieschleier und hält den Halleffekten trotzig stand.

          Aber auch sie bricht nicht mit dem Gesamteindruck, dass „7“ ein auf eingängige Sentimentalität getrimmtes Album ist. Dafür scheut Kalkbrenner nicht einmal die Kitschkiste: „Channel Isle“ plätschert so sphärisch daher, dass man unweigerlich an Sonnenaufgänge am Meer denken muss. Vermeintlich menschliche Laute blubbern durch die Musik, was wohl für einen Hauch Urwüchsigkeit sorgen soll ­– oder, Moment, ist das Walgesang? Nach so viel Heile-Welt-Musik ist der technoide Track „Mothertrucker“ ist ein wahrer Segen.

          Mit Berlin hat das freilich nichts mehr zu tun. Auch wenn das nicht Zweck seiner Musik sein mag, bleibt „7“ letztendlich genau deswegen hinter jeglichem Repräsentationspotenzial zurück. Kalkbrenner umarmt den Globus, statt seinen Drehmoment zu ändern. Impulse setzt er keine, seine Melodien lullen ein, ohne zu berühren. Dafür fehlt das Unperfekte, das Unaufgeräumte, das, was auch Berlin ausmacht, nachdem der Hype der Erkenntnis gewichen ist, dass Berlin eine Stadt wie viele andere ist. Ähnliches kann man auch von Kalkbrenners Musik sagen:  Einzigartig ist das nicht, mutig schon gar nicht. In Zeiten, in denen vieles auf der Kippe steht, scheint solche Rührseligkeit wenig angebracht. Sollte solcher Kuschel-Techno bald als globaler Sound gefeiert werden, hat man also allen Grund zur Sorge.

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