https://www.faz.net/-gqz-8zux7

Antisemitismus bei Jay-Z : Mit Rap lässt sich lügen

Jay-Z rappt jetzt, dass Juden ganz Amerika gehört. Bild: Getty

Jay-Z gebraucht auf seinem neuen Album antisemitische Klischees. Kann man so etwas rechtfertigen? Und was ist mit den anderen Rappern, die nicht nur judenfeindlich sind, sondern sexistisch und homophob?

          5 Min.

          Der Judenhass und Frauenhass und Schwulenhass wohnen im Rap – ja, sie sind die bösen Untermieter. Doch wenn man Rap mag und Rap hört, rettet man sich in einen Reflex, der hilft, das alles zu ertragen. Um Hass auf Juden, Schwule, Frauen geht es nicht, es geht um mehr, sagt der Reflex im Kopf, und der Kopf nickt. Denn man lernt elastische Arten der Rechtfertigung. Sie sind wie Muskeln, werden athletischer, je mehr man hört, helfen im Kampf gegen Kritik an Rap.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und jetzt wollen sie im Kampf gegen die Kritik an Jay-Z wieder helfen. Es geht um seinen Song „The Story of O.J.“, auf „4:44“, seinem neuen Album. Es ist der Kampf um eine Zeile, die Line, die er da rappt, technisch perfekt, im Inhalt unerträglich: „You wanna know what's more important than throwin' away money at a strip club? Credit / You ever wonder why Jewish people own all the property in America? This how they did it“.

          Wie bitte? Juden, denen Amerika gehört? Warum rappt Jay-Z das? Weiß er, dass es antisemitisch ist? Unangenehme Fragen - ja. Doch dann kommt der Reflex, kommt die Elastik der Rechtfertigung, die sich wie Muskeln im Kopf in Jahren aufgepumpt hat.

          Schuld sind die Jahre mit Jamal, mit James, mit Mehmet. Schuld ist ein Spielplatz. Auf diesem Spielplatz waren deutsche Kinder die Ausnahme, denn deutsche Kinder gingen in den Hort. Die Eltern von James, Jamal und Mehmet wussten nicht, was ein Hort ist, wussten nicht, wie sie ihre Kinder dorthin schicken. Sie sprachen Deutsch gebrochen, kaum, so wie auch meine Eltern damals. Deshalb die Treffen auf dem Spielplatz, deshalb die Freundschaft. Zuerst zusammen klettern, schaukeln und später irgendwann rumsitzen, reden, weil man fürs Klettern, Schaukeln zu erwachsen war.

          James, Mehmet und Jamal und ich gehörten nicht dazu. Und weil wir spürten, dass die anderen anders sind, und heimlich genau so sein wollten wie die, die nach der Schule hinter einem Zaun spielten, kam Wut und kamen Träume. Träume von Flugzeugen, die uns gehören würden, die uns in unsere Heimatländer fliegen. Träume von Geld, so viel, dass alle neidisch wären. Und Wut auf die, die alles hatten hinter ihrem Zaun, die aber noch mal neidisch werden, wenn das Geld und die Jets da sind. Aus den Gesprächen wurden Lines. James, Mehmet und Jamal rollten sie selbstverständlich über Beats, den der billige Gettoblaster von Jamal abspulte. So trat der Rap ins Leben, diese Musik, die spricht von einem Leben, das man hat, das man haben will.

          Geschichten, die Literatur so nicht erzählt

          Warum diese Geschichte? Weil Rap auch Sehnsucht ist. Weil er Ausdruck von Träumen ist, von Wut, die richtig ist, berechtigt ist. Weil Rap manchmal Geschichten so erzählt, wie sie Literatur oft nicht erzählen kann. Weil die Musik, die man mag und man hört, immer zu tun hat mit dem Leben. Und weil die Freundschaft zu James, zu Mehmet, zu Jamal auch Training war. Training für die elastischen Rechtfertigungen, die sich jetzt im Kampf um Jay-Z verdrehen.

           Der Kampf geht so: „The Story of O.J.“ beginnt mit Nina Simone - Zitate, ein Sample aus „Four Women“. Simone singt über Frauen, die in den Augen Weißer schwarz sind, sich aber wehren gegen die Zuschreibung von Schwarz. Wenn Jay-Z das zitiert, geht es Jay-Z also um den Rassismus. Er rappt, so gut, dass Kopf und Körper zucken, rappt: „Light nigga, dark nigga, faux nigga, real nigga / Rich nigga, poor nigga, house nigga, field nigga / Still nigga, still nigga“. Das alles sind Klischees von Schwarzen. Deshalb kommt danach das Klischee von Juden vor - das muss so sein. Oder doch nicht?

          Das Video zu „The Story of O.J.“ hilft in dem Kampf um Jay-Z. Ein Zeichentrick, schwarz-weiß, er zeigt rassistische Karikaturen: Schwarze, die dicke Lippen haben, schmale Schädel. Das sagt doch alles: Es geht um Stereotypen. Oder doch nicht? Repeat. Die Kraft geht aus, und auch die Arten der Rechtfertigung.

          Denn Jay-Z spielt zwar mit Klischees, doch die Metaphern hat er nicht im Griff, verliert sich immer wieder in sich selbst. Nachdem die Line über die Juden kommt, kommt Jay-Z wie zur Ablenkung sofort zu sich, zu seinem Geld: „I bought some artwork for 1 million / 2 years later, that shit worth 2 million / Few years later, that shit worth 8 million“.

          Helfen rassistische Karikaturen gegen antisemitisches Ressentiment? Das Video zu „The Story of O.J.“ von Jay-Z
          Helfen rassistische Karikaturen gegen antisemitisches Ressentiment? Das Video zu „The Story of O.J.“ von Jay-Z : Bild: F.A.S-Youtube/JayZVEVO

          Jay-Z spreche den Juden ein Kompliment aus, schrieb Guy Oseary ins Internet. Er selbst ist Jude und Manager von U2, von Amy Schumer, von Madonna. Aber Ressentiment ist niemals Argument, auch wenn es positiv gemeint ist. Die Anti-Defamation League, eine Organisation, die gegen die Diskriminierungen von Juden kämpft, kritisiert die „O.J“-Line, doch sagt sie, dass alles keine Absicht wäre.

          Haftbefehl hat doch bereut, hat sich entschuldigt und erklärt

          Mit Absicht Juden hassen, das hat in Deutschland der Rapper Haftbefehl gemacht, hat das gerappt: „Du nennst mich Terrorist, ich nenn dich Hurensohn, ich geb George Bush 'n Kopfschuss und verfluche das Judentum“. Das war vor vielen Jahren. Das war, bevor sich das Feuilleton in ihn verliebte. Das hat er im Feuilleton bereut: „Ich bin unter Türken und Arabern aufgewachsen. Da werden Juden nicht gemocht. Es gibt ja auch keine dort. Ich will Ihnen verraten, wie ein 16-jähriger Offenbacher tickt: Für den ist alles, was mächtig ist und reich, aus seiner beschränkten Sicht jüdisch. (. . .) Davon habe ich mich freigemacht.“ Und das war deutlich, war entspannend, danach konnte man Haftbefehl ruhig hören, mögen. Oder doch nicht? Ein Jahr nach diesem Interview veröffentlichte er das Mixtape „Unzensiert“, dort immer wieder „Rothschild-Theorie“, gerappt als Schlagwort, doch ohne Aussage, ob Haftbefehl an die Antisemiten-Mär von Rothschild glaubt. Vielleicht verachtet er sie auch. Denn Haftbefehl hat doch bereut, hat sich entschuldigt und erklärt. Alles erklärt mit der Gesellschaft. So brauchen, so benutzen selbst Rapper die elastischen Rechtfertigungen.

          „Ich bin unter Türken und Arabern aufgewachsen. Da werden Juden nicht gemocht“, sagte der Rapper Haftbefehl,  erklärte so die alten und antisemitischen Punchlines.
          „Ich bin unter Türken und Arabern aufgewachsen. Da werden Juden nicht gemocht“, sagte der Rapper Haftbefehl, erklärte so die alten und antisemitischen Punchlines. : Bild: Azzlackz

          Auf dem Spielplatz mit James, mit Mehmet, mit Jamal war es auch die Gesellschaft, die Kinder spaltete, in Kinder vor und Kinder hinter einem Zaun. Als sich dann Freundschaft, Wege, Leben trennten - James, Mehmet und Jamal kamen auf andere Schulen, es kamen andere Freunde -, blieb der Rap da. Damals war Kool Savas ein Gott. Damals rappte er so von Frauen, wie der Rap oft zu Frauen steht: Sie sind entweder Huren, die benutzt werden, oder sind Ehefrauen, Mütter, die ruhig sind, akzeptabel. „Schick deine Bitch vorbei und ,Hör mal, wer da hämmert!“, das ist noch zart Zitiertes von Savas, es gibt auch anderes. „Warum kannst du als Frau so etwas Frauenfeindliches ertragen?“, sagten die neuen Freunde, die Pop hörten, keinen Rap. Darauf die aufgepumpte Antwort, die auch im Jetzt als eine elastische Art der Rechtfertigung brauchbar ist und bequem: Die Einteilung in Heilige und Huren hat sich der Rap nicht ausgedacht. Es geht um die Gesellschaft, die frauenfeindlich ist, sexistisch. Man muss diese Gesellschaft kritisieren, nicht Rap, der von ihr spricht.

          Die bösen Lines, sie sind als Battle zu verstehen

          Und die Gesellschaft ist nicht nur frauenfeindlich, sie ist auch homophob. Doch das reicht nicht, um zu rechtfertigen, wie Rap zu Homosexuellen steht. Denn es ist die vollkommene Verachtung, die manchmal in Lines spricht. Was also tun? Die Rap-Rechtfertigungen anspannen, sagen: Die bösen Lines, sie sind als Battle zu verstehen, eine Kunstform, in der man Gegnern - fiktiven und realen - sagt, dass sie nichts sind, nichts können, und man selbst alles ist. Dann rappt der Bonner SSIO in „Nougapreise“ auch mal: „Zu viele Schwuchtelrapper“. SSIO meint keine Homosexuellen, er meint seine Männlichkeit. Sie ist im Battle alles, sie muss betont werden, sie muss sich abgrenzen durch Ablehnung vom Schwulsein.

          So gehen die sehr elastischen Rechtfertigungen. Sie sagen: Schuld ist nie Rap. Schuld sind Zusammenhänge. Doch jetzt, nachdem Jay-Z, der zu erwachsen ist, zu viel gesehen hat, um Antisemitismus zu reproduzieren, es trotzdem macht, jetzt sind die Rap-Rechtfertigungen kraftlos, schwach. Die „O.J.“- Line war eine Line zu viel. Obwohl sie im Vergleich zu anderen Lines der anderen Rapper vielleicht unscheinbar, unauffällig war.

          Wie mit dem Leben ist es auch mit Rap

          Jetzt kann man Judenhass und Frauenhass und Schwulenhass den Rappern nicht verbieten, um dann weiter entspannt, ruhig Rap zu hören, Rap zu mögen. Man kann rechtfertigen, das aber macht man, um sich selbst zu belügen, zu beruhigen. Doch jetzt ist Schluss, nie wieder Rap, was wieder eine drahtige, dehnbare Lüge ist. Denn, wenn man weiß, dass Rap nicht nur das Böse ist, das Böse will, wenn man weiß, wie viel Kraft, Wahrheit und Lyrik darin sein kann, dann kann man sich nicht trennen.

          Zurück zu James, zu Jamal und zu Mehmet. Auf dem Spielplatz spulte der Gettoblaster von Jamal auch Jay-Z ab, spulte „Hard Knock Life (Ghetto Anthem)“ ab, und den Refrain über das Leben, der sagte: „Steada treated, we get tricked / Steada kisses, we get kicked“. Und wie mit Leben ist es auch mit Rap: Er küsst nicht, er verwöhnt nicht, er tritt und er betrügt.

          Weitere Themen

          «Gabriel» von George Sand Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung : «Gabriel» von George Sand

          Jella Haase, bekannt aus „Fack ju Göhte“ und „Berlin Alexanderplatz“, entdeckt unter der Regie der jungen Regisseurin Laura Laabs die Abgründe des kapitalistischen Systems und das anarchistische Wesen des weiblichen Geschlechts in einem bislang noch nicht uraufgeführten Text der französischen Schriftstellerin George Sand.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.