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Album der Woche: Xavier Naidoo : Singen kann der Mann, aber was hat er zu sagen?

Wieder vereint: Xavier Naidoo (links) und Moses Pelham. Bild: dpa

Bloß nicht mehr anecken: Xavier Naidoo setzt mit seinem neuen Album auf Kalendersprüche und Liebeskraft – auf dass ja keiner an seiner Gesinnung zweifele.

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          Jesus als Vorbild? Es gibt, bei Gott, Schlimmeres. Charles Manson, Donald Trump oder Walt Disney. Anstrengend wird es, wenn sich ein ähnliches Sendungsbewusstsein einstellt. Wenn vor allem Künstler nicht mehr genug Vertrauen in ihre Kunst haben, diese als Sprachrohr nicht mehr ausreicht für die eigene Herzensbotschaft. Der Mannheimer Sänger Xavier Naidoo sagte dem „Stern“ im März 2015, er habe nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1992 die Bibel zur Hand genommen, und da „spürte ich plötzlich, dass Jesus für mich ein Vorbild werden könnte“. Seitdem dient er sich, wenn nicht als Nachfolger, zumindest als Jünger an. 1998 unterstrich er das mit seinem Album „Nicht von dieser Welt“. Die deutsche Soulmusik wurde damit markttauglich, die Platte blieb drei Wochen lang auf Platz eins der deutschen Albumcharts.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit dem 1. April – 18 Jahre, sieben Alben und etliche glückliche wie unglückliche Fernsehauftritte später – will Naidoo zusammen mit dem Produzenten und Texter Moses Pelham und dem Album „Nicht von dieser Welt 2“ noch einmal dieses überirdische Gefühl heraufbeschwören. Und das klingt zunächst, als wäre dazwischen nichts gewesen: Lieder über die Liebe, über den Tod und über Gott.

          Xavier Naidoos neues Album „Nicht von dieser Welt 2“ ist am 1. April erschienen.

          Es ist aber viel passiert in der Zwischenzeit. Seine Lieder reichten dem wahrheitssuchenden Christen nicht. So begann er, sich seine ganz eigene Wahrheit zu stricken. Ins Gerede kam Naidoo zuletzt vor allem, nachdem er immer wieder öffentlich erklärte, Deutschland sei ein unfreies Land, bis heute besetzt durch die Vereinigten Staaten, die wiederum die Ereignisse um den 11. September 2001 medial völlig verfälscht hätten. „Wer das als Wahrheit hingenommen hat, hat einen Schleier vor den Augen“, erklärte er auf einer Versammlung der „Reichsbürger“ am 3. Oktober 2014 in Berlin.

          Seitdem hat ihn Deutschland nicht mehr ganz so lieb. Die „Reichsbürger“ sind eine Mischung aus irrlichternden Verschwörungsfreunden und solchen mit knallend rechter Gesinnung. Eine Gruppe, auf die auch der Verfassungsschutz ein Auge hat. Gleichzeitig erklärte Naidoo, er sei eigentlich nur dort, „um die Liebe zu repräsentieren“. Wohlwollend ließe sich sagen: Da ist ein Mensch, der sich schlecht informiert fühlt und gegen Krieg predigt. Soll man da nicht die Kirche im Dorf lassen?

          Nun lässt sich aus seinen Texten dieser Zeit aber ohne viel Aufwand noch allerlei dummes Zeug herauslesen. Dafür werden gerne die Songs „Raus aus dem Reichstag“ (2009) und der versteckte Titel „Wo sind“ auf dem „Xavas“-Album herangezogen. Ersterer rechnet mit deutschen Politikern ab und giftet gegen die Banker („unser Schandfleck“), wo doch ohnehin „Baron Totschild“ den Ton angebe – von wegen jüdische Weltverschwörung. Sie gehört natürlich zum Einmaleins des Systemkritikers. „Wo sind“ ließ dann gar vermuten, dass die Christlichkeit in fundamentalistische Homophobie umgekippt sei. Als Höhepunkt von Naidoos Umstrittenheit konnte dann die Debatte um seine Teilnahme am „Eurovision Song Contest“ als deutscher Vertreter gelten, die aufgrund massiver Kritik scheiterte.

          Dass Naidoo nun aber durchweg für „rechte Überzeugungen“ stehen soll, ist Blödsinn. Man darf an dieser Stelle etwa auf seine Mitwirkung beim Projekt „Brothers Keepers“ hinweisen, das prominent gegen rechte Gewalt angesungen hat.

          Hier wird gepredigt

          Deshalb rieben sich in den letzten Jahren viele Fans verdutzt die Augen, weil sie ihren Xavier nicht wiedererkannten. Mit „Nicht von dieser Welt 2“, dessen Texte vornehmlich aus der Hand des Kollegen Moses Pelham stammen, soll das endlich wieder anders werden. Der Sound bleibt eine Mischung aus Akte-X-Kinderchor, dem Robocop-Soundtrack und der Rhythmusgruppe von Ravi Shankar. Begrüßt wird der Hörer denn auch mit „Namasté“. Die Zitate aus Buddhas Sprüchesammlung (Dhammapada) bis zum amerikanischen Benediktinermönch David Steindl Rast machen deutlich: Hier wird keine Politik betrieben, hier wird gepredigt. Die gebetsmühlenartige Wiederholung siegt dabei über den Inhalt. „Die letzte Chance, die uns geblieben ist, ist Liebe...“, heißt es in „Renaissance der Liebe“.

          Singen kann der Mann, nur meint man immer schon nach 20 Sekunden zu wissen, was er uns zu sagen hat. „Frei“ ist der einzige Song, in dem er wieder zur Leichtigkeit von Liedern wie „Ich kenne nichts“ findet. „Das Prinzip“, ein Song, der so klingt, wie man vor 2000 Hip-Hop gemacht hat, handelt dann doch noch einmal von Gesinnung: An der soll der Hörer nämlich „keinen Zweifel“ haben. Und: „Ganz gleich, was in der Zeitung steht, ich weiß, freies Land, alles wirklich kein Problem, bitte bleib entspannt.“ Soll uns das sagen, der Suchende hat zurückgefunden auf seinen Weg? Keine Reichsbürgernähe mehr? Nur nicht vom Glauben abfallen, dafür gibt es dann am Ende auch „Amazing Grace“ – als wäre Superbowl – a cappella.

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