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Album der Woche: „The Breeze“ : Dieses Schnalzen hält seine Gitarre gerade noch aus

  • -Aktualisiert am

Bild: Universal Music

Mit dem Silberlöffel in der Hexenküche: Eric Clapton und Kollegen ehren den verstorbenen J.J. Cale. Ihre Neuinterpretationen leiden freilich ein wenig unter den zu vielen singenden Nichtsängern.

          3 Min.

          Der im vergangenen Jahr verstorbene, aus Oklahoma stammende Songwriter, Gitarrist und Sänger J. J. Cale war ein Meister des Einfachen, und zwar jenseits des Lautsprechers, also zwischen Song und Hörer. Jedenfalls hat noch nie jemand behauptet, von einer seiner Platten überfordert gewesen zu sein. Sein flüsterndes, klopfendes und schepperndes Gesamtwerk bleibt dennoch ein Mysterium. Es nutzt sich nicht ab. Kehrt man nach einer Zeit der Abstinenz zu seiner Musik zurück, braucht man keine Patinabürste. Diese Musik ist im besten Sinne zeitlos.

          Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn sich eine Band einen Song schnappt und ihm Leben einhaucht, wie die Rolling Stones es 1964 mit Bobby Womacks „It’s All Over Now“ getan haben. Eric Claptons Zugriff auf „After Midnight“ und „Cocaine“ aus den siebziger Jahren sind damit nicht vergleichbar. Die jubelnden Gitarrenbögen, dieser schnalzende Klang von Claptons Gitarre, ja, das haben diese Songs aus der Feder von J. J. Cale allerbestens ausgehalten.

          Ganz ohne Klischees geht es nicht

          Letztlich aber blieben es museale Paraphrasen jener raffinierten Riffs und Breaks, die aus Cales Gitarrenhals stammten, bei Clapton eine Spur mehr ocker und himmelblau, musikalische Aquarelle, die locker in den Top 40 aufgingen. Clapton hatte den Mann, der inzwischen unsichtbar in Kalifornien lebte, finanziell unabhängig gemacht.

          Jetzt „verneigt“ Clapton sich mit „Freunden“ vor einem „der wichtigsten Protagonisten der Rockgeschichte“. Er lässt wissen: „Ich versuche, Dinge so zu interpretieren, dass das Publikum - oder besser gesagt: mein Publikum - darauf aufmerksam wird und vielleicht Lust bekommt, mehr darüber zu erfahren, woher ich das eigentlich habe.“ Dafür lud er besonders echte und besonders kernige Musiker wie Tom Petty und Mark Knopfler ein ins Studio, wobei merkwürdigerweise das Beiheft des Albums „The Breeze“ trotz vieler bunter Bildchen nicht verrät, in welches.

          Knopfler hat sich ein unbedeutendes Liedchen namens „Someday“ vorgenommen und es auf entschieden bescheidene Art aufleben lassen. Er ist überhaupt der richtige Kandidat, um einen Okie-Song erklingen zu lassen, weil sein tagebuchartiger Singsang in ungefährlicher Mittellage im Verhältnis zum girlandenschwingenden Blechgitarrenspiel tatsächlich nach dem Soundmuster Cales gestrickt ist. Cale selbst hat den Ausdruck „laidback“, der Schule machte, nicht angenommen. Aber ganz ohne Klischee geht es eben nicht.

          Größeres Themenspektrum wäre schön gewesen

          Eine ganz andere Nummer ist Willie Nelson, dessen altersloses Timbre und texanisches Näseln schon schwächere Lieder getragen haben als Cales „Songbird“ und „Starbound“, die auf dieser Tributplatte auch deshalb herausragen, weil sie so kurz sind, fast nur angespielt und schon verweht. Nicht dass die anderen Interpretationen in Gitarrensoli ausarten würden; aber wenn man einen Cale-Song eine halbe Minute überzieht, ist er schon halb kaputt.

          Abgesehen von Knopfler, der sich so unverlegen an Cale anlehnt, und Willie Nelson, der so deutlich vom Vorbild absticht, sind die restlichen dreizehn Fassungen alles andere als Augenöffner. Dennoch ist man wieder hingerissen vom Zeitlupengalopp eines Songs wie „Lies“; lauscht noch einmal verwundert „Magnolia“, seelenruhig ausgelegt wie Patiencen; stampft mit den magisch treppabsteigenden Akkordfolgen von „Don’t Wait“ (und gibt natürlich auch die Luftgitarre dazu, wenn gerade keiner guckt).

          Ganz aufs falsche Gleis führt jedoch die Einlage von „I’ll Be There (If You Ever Want Me)“, selbst wenn Cale seinerseits den Hillbilly-Evergreen (von Gabbard/Price) einst für sein Debütalbum geliehen hatte. Überhaupt handeln fast sämtliche Songs vom einsamen Mann; da wäre man bei einer gründlichen Sichtung des Repertoires durchaus auf andere Themen gekommen.

          Der Silberlöffel des Establishments

          Diese „Appreciation of JJ Cale“ (so der Untertitel des Albums) ist also weder ein roter Faden durch das Werk noch eine Grabung nach vergessenem Material. Völlig an den Rand gedrückt von den vielen singenden Nichtsängern dieser Platte, deren Identität an sechs Saiten hängt, wurde Christine Lakeland - eine sehr kompetente Gitarristin, mit der Cale sein Leben daheim und auf der Bühne teilte. Man muss sich Cale einmal anschauen, um zu begreifen, wie dieser Mann eigentlich gespielt hat, nämlich im fliegenden Wechsel von Rhythmus und Melodie.

          Anders als Clapton, der für jeden Sololauf einen akustischen Laufsteg einzieht, war Cale auf der Hinterbühne zu Haus, versteckt im musikalischen Gewebe. Darin war sein Gesang nicht nur die kleinere Form, das sowieso, sondern eine domestische Disziplin. Seine Kunst lag darin, Spannungen zwischen Genres zu erspüren und diese in sein Soundsystem umzuleiten, eine Alchemie des Studios, dessen Apparate und Tricks Cale ständig neu definierte, ein Bastler und Tüftler im analogen wie im digitalen Register - nicht, um all das noch glatter, sondern im Gegenteil, um es noch rauher zu machen.

          Jede Platte lief auf die Paradoxie hinaus, dass sie vollkommen durchwirkt war von diesem Sound des Unfertigen, und wenn man sich konzentrierte auf den Übergang von einem Song zum nächsten, bemerkte man die ureigene Klangfarbe eines jeden Takes, eine qualmende Hexenküche für wiederum nur drei Minuten. J. J. Cales Musik klang einfach, war es aber nicht. Wenn man da den Silberlöffel des Establishments eintaucht, bekommt es ein Geschmäckle.

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