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Album der Woche : Ein Pop-Beat aus heißen Tagen

  • -Aktualisiert am

Der Kopf hinter Metronomy: Joseph Mount Bild: Warner

Gut möglich, dass er jetzt so cool ist, wie er immer sein wollte: Joseph Mount alias Metronomy hat mit „Summer08“ ein elektrisch-eklektisches Album aufgenommen.

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          Vor knapp einem Jahrzehnt war Joseph Mount mit der Uni in Brighton fertig; er zog in den Nordosten Londons und um die Häuser. Flirten und feiern, Leute kennenlernen, ausgehen und aus sich herausgehen. Und, am wichtigsten, sich die eigene Unsicherheit hinter einer Maske der Coolness bloß nicht anmerken lassen. Eine erste Platte hatte der Soundtüftler bereits 2006 veröffentlicht, aufgenommen in seinem Schlafzimmer, genauso wie das Album, das zwei Jahre später im Herbst auf den Markt kommen und die Clubs erobern sollte. „Nights Out“ bedeutete den Durchbruch für Metronomy, jene Ein-Mann-Show, die bald darauf zu einer vierköpfigen Band anwuchs. Fortan war alles anders. Das Hamsterrad von Tour, Promotion und Plattenproduktion begann sich unermüdlich zu drehen. Kein Gedanke mehr daran, sich einen misslungenen Single-Abend schönzusaufen.

          Inzwischen lebt Mount als zweifacher Vater in Paris. Sein Lebensstil dürfte sich wesentlich unaufgeregter gestalten, wenn auch vermutlich nicht weniger schlaflos. Auf seinem nun fünften Album gedenkt der britische Eklektiker jenes Sommers, in dem hinter seiner Zukunft als professioneller Musiker noch ein großes Fragezeichen stand. Mit ein bisschen Wehmut, deutlich mehr Enthusiasmus und oft ein wenig sarkastisch lässt er eine Zeit wiederaufleben, die für ihn geprägt war vom Rausch der Nacht und der Großstadt, von Freiheit und Verlangen. Und wie immer, wenn auch nur ein Hauch Nostalgie im Spiel ist, geht es um die Erinnerung an eine Ära, die es so nicht gegeben hat, weil der Blick zurück stets ein verklärter ist. Was dem Vergnügen keinen Abbruch tun muss.

          Hinsichtlich der Stilrichtung wäre es jedenfalls zu kurz gegriffen, „Summer 08“ auf das Ende des vergangenen Jahrzehnts festzulegen. Weitgehend im Alleingang eingespielt, finden sich auf dem Album Anleihen bei Synthie-Pop und New Wave, bei Funk und R&B, bei Disco und French House. Siebziger, Achtziger, Neunziger und das Beste von heute, könnte man also getreu dem öden Slogan des ödesten Formatradios sagen. Nach Formatradio klingen Metronomy mit ihren schlingernden Melodien und der selbstironischen Zickigkeit aber keineswegs.

          Augenfällig wird der lustige Epochenreigen im Video zu „Old Skool“, das die Ästhetik der siebziger Jahre im Kontext einer so schmierigen wie glamourösen Party zitiert, samt Schnecke im Salat und eifersüchtiger Szenebeobachtung: Behalte du deine Freunde, ich behalte meine. Ein knochentrockener Beat, eine simple, aber unwiderstehliche Basslinie, Kuhglocken-Rabimmel-Rabammel und aufmuckende Synthesizerklänge genügen, um Hüften zum Kreisen zu bringen. Dazu gibt Mix Master Mike von den Beastie Boys - neben der schwedischen Sängerin Robyn einer der wenigen Gastmusiker auf dem Album - eine Scratch-Einlage, wie sie unzeitgemäßer und zwangloser nicht sein könnte. Und doch bleibt das Gefühl, dass immer die Party die beste ist, die gerade anderswo stattfindet.

          Trägt eine Platte den Sommer im Titel, gehören zwei Aspekte zum wirkungsästhetischen Pflichtprogramm: Leichtigkeit und Lässigkeit. Die Musik von Metronomy zeichnet, bei aller Überspanntheit im Detail, die glatte, gern auch mal glitzernde Oberfläche des Pop aus. Aufgetakelt oder überproduziert ist sie nicht. Sie bringt die Gegensätze zum Tanzen, ist melancholisch, sinnenfreudig und humorvoll zugleich, so rückwärtsgewandt wie fortschrittlich. Ob Mount in „Hang Me Out to Dry“ eine zwielichtige Synthesizerfläche à la Angelo Badalamenti mit einem nervösen Rhythmus kontrastiert, ob er in „Mick Slow“ qua Sample dem Japan-Bassisten Mick Karn seine Reverenz erweist, jeder Fingerzeig in Richtung Vergangenheit geht mit einem Lächeln aus der Zukunft einher.

          Was zählt, ist der Groove; dadurch unterscheidet sich „Summer 08“ deutlich vom Vorgängerwerk „Love Letters“ (2014), das sich von Folk und Motown beeinflusst zeigte. Eine Konstante bleibt Mounts Gesang, zwischen fadenscheiniger Kopfstimme und nachtschwärmerischem Timbre wechselnd. Im Eröffnungssong „Back Together“, der zu Beginn mehr denn je wie die gute Kopie eines Stücks von LCD Soundsystem klingt, durchzogen von einem waghalsig hüpfenden Schlagzeug, übernimmt Mount den weiblichen Gesangspart gleich mit. Allein „My House“ fällt hinsichtlich der unmittelbaren Eingängigkeit ab, während „Night Owl“, „Love’s Not An Obstacle“ und der Instrumentaltrack „Summer Jam“ einen starken Schlussakkord bilden. Insbesondere jenes Lied, das die Liebe als Hinderungsgrund verneint, in dem erst alles möglich und dann unendlich kompliziert erscheint, ist in seiner unterkühlten, blauäugigen Sehnsucht einer der schönsten Momente des Albums.

          Dass Mount all das - zehn funkelnde, quirlige bis schwerblütige Songs - scheinbar leicht und lässig von der Hand geht, spricht für ein entspanntes Verhältnis zum eigenen Können. Gut möglich, dass er jetzt so cool ist, wie er als Fünfundzwanzigjähriger immer sein wollte. „Summer 08“ ist kein tumbes, feucht-fröhliches Sommeralbum, aber eine tolle Platte für den Sommer 2016.

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