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Album der Woche : Liebeslyrik auf Algorithmus-Niveau

Wo die Straßen keine Namen haben: U2 Bild: Universal

Bono rettet immer noch die Welt, und sei es nur vor Pessimismus. „Songs of Experience“, das neue Album von U2, beweist vor allem die Erfahrung einer Band – darin, immer gleich zu klingen.

          2 Min.

          Am Anfang war das Dunkle. Was tun in dieser düsteren Stunde, in der sich die Menschheit befindet, gebeutelt von Terror und Klimawandel? Da bricht ein Lichtstrahl in die Dunkelheit, ein Lichtstrahl, so hell, dass er Stadien erleuchten, ja, ausverkaufen kann: „Nothing to stop this being the best day ever / Nothing to keep us from where we should be“. Bono rettet immer noch die Welt, vielleicht nicht vor Steuerhinterziehern, aber immerhin vor Pessimismus. Und er hat auch die Antwort auf all unsere Fragen, er hat die erlösende Formel. Sie lautet: „Liebe“. Und? „Und Liebe.“ Wie? „Love and ... love.“ Wirklich noch einmal Liebe? Ja, „Love and love is all we have left“, heißt es da. Das klingt ein bisschen so, als hätte Bono bei den Aufnahmen den Text vergessen und müsste mal kurz improvisieren.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Nachdem das neue Album mehrmals verschoben werden musste (wie an fast allem Übel der Welt hatte auch hier Trump Schuld, wer sonst?), ist „Songs of Experience“ jetzt pünktlich zur Weihnachtszeit erschienen. Der Titel knüpft an das Album „Songs of Innocence“ (2014) an, der Release ging mit einigen Promo-Aktionen, auch in Deutschland, einher. So konnten Fans der Band Bono und The Edge am Nikolaustag in der gleichnamigen U-Bahn-Linie U2 bei einem akustischen Geheimkonzert hören. Und die Musik?

          Nun, U2 sind ohne Frage immer noch U2. Das liegt an Bonos unverkennbarer Stimme, an The Edges Gitarre und daran, dass die Band sich auf keine großen Experimente eingelassen hat. Sie ist sich und ihrem stadiontauglichen Mainstream-Rock treu geblieben, schafft eingängige Melodien mit hymnenartigen Refrains und leicht zu behaltenden Texten. Das ist alles nicht verwerflich, wird jene Fans, die in riesige Arenen strömen, um dort eben jene Hymnen Arm in Arm und mit brennendem Feuerzeug in der schwenkenden Hand mitzugrölen, vermutlich nicht vor den Kopf stoßen und weist auch musikalisch keine besonderen Mängel auf, außer eben diesen einen Mangel, dem U2 vielleicht schon immer anheimfallen: Die Musik entbehrt jeglicher Originalität. Jeder Song auf „Songs of Experience“ klingt zugleich wie jeder andere U2-Song der letzten zehn Jahre.

          Dabei machen die Iren durchaus den Versuch, der Beliebigkeit zu entgehen. Abwechslung zu schaffen. Mal sind sie laut, mal sind leise, mit „The Little Things That Give You Away“ liefern sie eine astreine Schunkel-Ballade, mit „You’re The Best Thing About Me“ einen rockigen Radiohit. An der ein oder anderen Stelle experimentieren sie gar mit Autotune.

          Allein, jeder Song ist eine Plattitüde. „You’re the best thing about me / the best thing that ever happened a boy / You’re the best thing about me / I’m the kind of trouble that you would enjoy“, singt Bono zum Beispiel. Das sind Liebeslyrics auf Algorithmus-Niveau, ebenso wie die Beschwörungen aus „Get Out Of Your Own Way“: „Nothing’s stopping you except what’s inside“. Fehlt eigentlich nur noch „Believe in yourself!“

          Das Album hört sich wie eine Aneinanderreihung höchst bedeutungsloser Songs, die in keinerlei Kontext zueinander stehen. Einer der raren Höhepunkte ist wohl der Gastauftritt des Hiphop-Künstlers Kendrick Lamar (Kendrick! Lamar!), der den Song „American Soul“ einleitet: „Blessed are the bullies / For one day they will have to stand up for themselves / Blessed are the liars / For the truth can be awkward”. Zerstört wird dieser starke Einstieg durch den Refrain: „You are Rock’n’Roll / You and I are Rock’n’Roll“. Alles klar. Rock’n’Roll. Und, nicht zu vergessen: Liebe.

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