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Album der Woche: Roddy Frame : Begrabt mein Herz an der nächsten Kreuzung

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Postcard“ Bild: Rough Trade

Roddy Frame hat, mit gewaltigem Talent, Popgeschichte geschrieben. Nach acht Jahren erscheint jetzt wieder eine Soloplatte: Wiederhören mit einem großen Unbekannten unter den Melodiemagiern.

          Roddy Frame ist ohne Zweifel einer der größten britischen Musiker der jüngeren Popgeschichte, in seiner Eigenständig-, aber auch in seiner Dickschädeligkeit - der Mann ist Schotte - nur mit Paul Weller vergleichbar. Dass er längst wieder zu den großen Unbekannten zählt, mag auch seinem Ausstoß geschuldet sein: Sechs Platten mit seiner Band Aztec Camera, die im Grunde eine Ich-AG war, und nunmehr vier Soloplatten sind nicht sonderlich viel in dreißig Jahren. Andererseits regt sich in einer solchen produktiven Zurückhaltung oft ein geschmackliches Gewissen, wie man es auch von George Michael kennt, der seiner Bandkarriere ein ähnlich gelungenes Solodebüt folgen ließ.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Denn das war Roddy Frames eigener Erstling „The North Star“, der 1998 bei Independiente herauskam, wo zu jener Zeit auch Travis debütierten, in hohem Maße. Dieses heute nur noch antiquarisch erhältliche Album trieb den schon vorher hörbaren Melodienreichtum auf eine nicht für möglich gehaltene Spitze und zeigte Frame gleichzeitig im Zustand gereifter Einfachheit, die jedoch keine Singer-Songwriter-Simplizität war. Vielmehr hatte Frame seinen Eklektizismus hier in einen Westcoast-Sound überführt, in dem sich seine Qualitäten zwanglos entfalten konnten. „The North Star“ ist eine der perfektesten und auch schönsten Platten der vergangenen zwanzig Jahre.

          An dieses Werk knüpft „Seven Dials“ nun an. Frame hat uns aber auch lange warten lassen. Acht Jahre hatte man den Magier im Auge, aber es kam und kam nichts. „Surf“ (2002) konnte aufgrund seiner allzu sparsamen Instrumentierung nicht lange nachwirken. „Western Skies“ (2006), das ein wenig fülliger ausfiel, hatte in Gestalt von „Day of Reckoning“ immerhin diesen einen unwiderstehlichen Moment, der in seiner absolut mitreißenden Zuversicht mit dem größten Aztec-Camera-Hit „Somewhere in My Heart“ (1987) gleichzog; das Album selbst war nur zufriedenstellend.

          Insgesamt wirkte Frames Musik in jener Zeit monochrom und introvertiert, melodisch nach wie vor über jeden Zweifel erhaben, aber kein Vergleich zum Ideenreichtum, mit dem Aztec Camera sich, zur Erleichterung traditionsbewusster Hörer, als Alternative zwischen dem Kommerz-Wave von Simple Minds und Depeche Mode einerseits und dem militanten Independent-Getue der Smiths positioniert hatten. Der mit herkömmlichen Rockinstrumenten eingespielte Coffeeshop-Soul von Aztec Camera erreichte zuweilen die Intensität mancher Style-Council-Songs und stand dem Erbe von Marvin Gayes „What’s Going On“ näher als den übrigen Achtziger-Spielarten des Soul, oft jazznah, zuweilen deftig rockig, immer einwandfreier Pop.

          Feinmechaniker des Pop

          Es mag auch am Alter liegen - Roddy Frame ist nun über fünfzig -, dass „Seven Dials“ von dem stilistischen Ehrgeiz früherer Tage nichts mehr erkennen lässt. Eine Überraschung ist das nicht: Alle seine Soloplatten entstanden aus einem Verfeinerungsbedürfnis heraus, das auf erprobte Muster setzt, statt die Welt noch mal so in Atem halten zu wollen wie einst mit dem Aztec-Camera-Debüt „High Land, Hard Rain“ (1983), mit dem Frame quasi im Alleingang die übrigen Disco-Kombattanten von den unabhängigen Tanzflächen verdrängte. Exemplarisch war hier anhand von „Back on Board“ nachzuhören, was die eigentliche Kunst dieses Mannes ist: Melodiepartikel unter minimaler Abwandlung, aber auf eine latent orgiastische Weise so lange aufeinanderzuschichten, bis der Reiz nicht mehr steigerbar ist.

          Von da an hatte Frame bei Pop-Sensibilisten einen Ausnahmestatus. Mark Knopfler, ein anderer schottischer Feinmechaniker, der gerade Dylans „Infidels“ betreut hatte - ein Werk, das Frame bis heute bewundert -, wurde hellhörig und übernahm die Produktion von „Knife“, in dessen Titelsong Frame seine Subtilität neun Minuten lang verschwenderisch ausspielte, das aber im Ganzen schon etwas rockiger ausfiel.

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