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Album der Woche: Julia Holter : Wider den Missklang der Welt

  • -Aktualisiert am

Julia Holter auf Stimmenfang Bild: Dicky Bahto

In dieser Kopf-Voliere zwitschern die Stimmen aus allen Richtungen: Julia Holters Album „Aviary“ changiert zwischen barockem Pop und Rockmusik ohne Gitarren. Und es gibt Wiegenlieder für Erwachsene.

          Um die „Kakophonie des Verstandes in einer schmelzenden Welt“ geht es laut Julia Holter auf ihrer neuen Platte. Holla, die Waldfee. Eine solche Ansage muss man erst mal verdauen – oder als Mumpitz abtun. Stimmen im Kopf? Klimawandel? Oder doch eher ein Symptom des rasenden Stillstands? An anderer Stelle drückt die Sängerin und Komponistin aus Los Angeles, die vor drei Jahren mit „Have You In My Wilderness“ ihren künstlerischen Durchbruch feierte, sich konkreter aus. Es gehe ihr darum, inmitten all des Gelabers, das jeden Tag von außen und innen auf einen eindringe, den eigenen Standpunkt zu finden, um, auf der Suche nach Liebe und Zuspruch, dem Wahnsinn der Gegenwart eine Vorstellung für die Zukunft abzuringen. Musik aus Notwehr also, reaktiv und mit therapeutischem Ansatz.

          Den Ausgangspunkt für „Aviary“, zu Deutsch „Voliere“, bildete eine Zeile aus einer Kurzgeschichte der libanesisch-amerikanischen Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan: „I found myself in an aviary full of shrieking birds.“ Sie stammt aus dem Erzählungsband „Der Herr der Finsternis“ (2009). In der autobiographisch grundierten Titelgeschichte, die Poesie und Politik zusammendenkt, erinnert sich die Erzählerin an den irakischen Dichter Buland al-Haidari (1926 bis 1996), der ihr schließlich in einem Traum erscheint: „Ich befand mich in einer Voliere voller kreischender Vögel. Obwohl ich sie nicht sehen konnte, spürte ich ihr aufgeregtes Hin und Her. Dann verschwand die ganze Szene, und da war Buland, eine allgegenwärtige Stimme, die aus sämtlichen Richtungen kam, und er teilte mir mit, dass seine Engel ihn verraten hätten.“

          Eine Stimme, die aus sämtlichen Richtungen kommt – dieser Eindruck drängt sich auch beim Hören von Julia Holters Album auf, durch das die Dichter und Gespenster der Vergangenheit, die Vögel und die Engel geistern. „Aviary“ ist gespickt mit Anspielungen auf den klassischen Bildungskanon und geschichtliche Ereignisse, von der „Divina Commedia“ bis zu einem Gedicht der Sappho, von den Kreuzzügen bis zur Jungfrau von Orléans; sie dienen als Folie für den Blick auf die heillose Gegenwart, als Stichwortgeber für Metaphern und Allusionen. Und immer wieder kommt Holter auf das Schaffen von Etel Adnan zurück.

          So auch in „Words I Heard“, das von einem Zitat aus „Reise zum Mount Tamalpais“ (2008) inspiriert wurde, das die Schönheit der Natur heraufbeschwört. Holters Stimme erhebt sich über Kontrabass, Klavier und Streicher und bittet um die Errettung unserer Seelen: „Save our souls and our laughter / I love you in the City of Man“. Ein Wiegenlied für Erwachsene, das zugleich als Mahnung verstanden werden darf. Das dazugehörige Video von Dicky Bahto verknüpft Naturaufnahmen aus Kalifornien mit Filmmaterial aus den Studiosessions zu einer berückend melancholischen Anrufung.

          Pop und Avantgarde, Hand in Hand

          Die Songs für „Aviary“ nahmen ihren Anfang in Holters Wohnzimmer. Sie improvisierte allein mit Stimme und Synthesizer, um die Stücke später durch ausgefuchste Arrangements anzureichern. Dabei kamen neben Synthesizer, Bass und Percussion auch Geige und Bratsche, Trompete und Dudelsack zum Einsatz. Überhaupt besteht das Album aus einer herrlichen Ansammlung von Schnurrpfeifereien, die eine stilistische Einordnung nahezu unmöglich machen. Selbst die Stille macht Holter hörbar; anderswo experimentiert sie mit dem Hoquetieren der Stimmen. Mal spielt sie Rockmusik ohne Gitarren, mal eine Art Barockpop ohne Schwulst, dann wiederum lässt sie sich von Jazz und Ambient zu einem grillenhaften Kladderadatsch verführen. Einmal – im Auftaktstück „Turn The Light On“ – singt sie gar wie Björk.

          Ein gutes Beispiel dafür, wie bei der Songwriterin Pop und Avantgarde Hand in Hand gehen, liefert auch „I Shall Love 2“, das in der Reihenfolge der Songs lustigerweise vor „I Shall Love 1“ steht. Der Song hat eine liebliche, zirpende Melodie, eine roboterhafte Stimme übernimmt den Hintergrundgesang, der Kontrabass dölmert durch die Gegend, die rhetorische Frage kommt auf, wen es schon kümmere, was die Leute sagen, dann übernehmen die Streicher das Kommando, während die Stimmen sich vervielfachen, bis zum Finale furioso, das abrupt abbricht. Große Klasse.

          Weitere Höhepunkte der Platte bilden das perkussive Kapriolen schlagende „Underneath The Moon“ und „Les Jeux To You“, das sich von der hingetupften Ballade zu einem überdrehten Piano-Punk-Song mausert. „Another Dream“ dagegen klingt wie der Traum einer Androidin von elektrischen Schafen. Obgleich Holter sich offenbar wenig um Genregrenzen schert, wirkt „Aviary“ dennoch stringent und durchdacht, so originell wie zwingend. Schlägt der Rhythmus auch noch so viele Haken, er kommt nicht aus dem Tritt. Jede um die Ecke lugende Melodie findet zielsicher ihren Weg. Nichts erscheint überkandidelt oder verquast. Dem Missklang der Welt begegnet Julia Holter mit trotziger Anmut.

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