https://www.faz.net/-gsd-81218

Album der Woche: MC Rene : Hip Hops verlorener Sohn ist wieder da

  • -Aktualisiert am

MC Rene und Carl Crinx machen mit ihrem neuen Album „Renessance“ keinem etwas vor - höchstens, wie guter Hip Hop klingt. In einer langen Kreativpause und als Zugnomade hat Rene Stoff für ein gewaltiges Werk gesammelt.

          3 Min.

          Wer in den Neunziger Jahren bei deutschsprachigem Hip Hop nicht allzu sehr die Augen verschlossen und dabei weggehört hat, der wird in nicht um MC Rene herumgekommen sein. René El Khazraje wurde als Braunschweiger Wunderknabe des Sprechgesangs hoch gehandelt und war im damals noch sehr jungen Genre für seine Freestyle-Versiertheit, der Fähigkeit, ad-hoc und scharfzüngig zu reimen, berüchtigt. Die Rap-Pionierin Cora E. sagte einmal über ihn: „Wenn ich an Freestyle denke, dann denke ich an den jungen René.“ Mit seinem 1995 erschienenen Album „Renevolution“ rüttelte er gehörig an der noch überschaubaren deutschen HipHop-Szene und veröffentlichte damit das erste Album des Genres eines Solo-Künstlers. Nach Jahres des Erfolges wurde es dann 2005 ruhig um ihn.

          MC Rene scheint aber nicht nur ein Mann des Wortes, sondern auch der Tat zu sein. Das zeigt sein neues Album „Renessance“, das er nach zehnjähriger Album-Abstinenz zusammen mit Carl Crinx aufgenommen hat - und das zeigt auch die Geschichte, die er aus seinen letzten Jahren zu erzählen hat. „Das Ding mit dem Zug habe ich durchgezogen“, heißt es in einem Liedtext. Die Erklärung: Rene kündigte 2010 seine Wohnung, verschenkte seinen Hausrat und entledigte sich vom restlichen Ballast des persönlichen Besitzes. Eine große Tasche lagerte bei seinem Bruder, eine kleinere hatte er bei sich, mit Kleidung für zwei Wochen. Mehr als das und eine Bahncard 100 brauchte er nicht. Rene hielt sich in Bewegung. Als Bahnnomade zog er über drei Jahre lang durch Deutschland, schlief dort, wo er gerade konnte und spielte in Fußgängerzonen und auf kleineren Bühnen, um eine Karriere als Stand-Up-Comedian voranzutreiben: eine romantische Vorstellung, bei der man oft die Radikalität vergisst, die die Entscheidung mit sich bringt. Erstaunlicherweise führte ihn diese Umorientierung über Umwege zum Hip Hop zurück.

          Die Erfahrungen aus dieser Zeit brachte Rene erst in Blog- und dann in Buchform („Alles auf eine Karte“, Rowohlt, 2012). Zur Hörbuchveröffentlichung 2013 nahm er sechs neue Songs zusammen mit Carl Crinx auf, um das Buch teilweise zu vertonen. Das positive Publikumsecho und der Spaß der Arbeit an den Stücken brachte die beiden dazu, daraufhin „Renessance“ aufzunehmen, zwanglos in ihrer Freizeit und quasi aus Versehen. Hip Hop fühlte sich für Rene wieder so natürlich an, dass er auch wieder das „MC“ vor seinen Namen setzte. Das neue Album eröffnet ein fulminantes Comeback, das den vielversprechenden Anschein macht, als würde es eben nicht im Nichts verdampfen, wie es so oft passiert.

          Das Problem an Musiker-Comebacks ist, dass man sie selten wirklich ernst nehmen kann, und bezeichnend für sie ist, dass sie oft nicht funktionieren. Sie sind meistens gut gemeint, aber auch überflüssig, da sie nicht an vergangene Erfolge anknüpfen können. Der erste Eindruck, so heißt es ja im vielzitierten Volksmund, sei der wichtigste – was aber oft verschwiegen wird: auf den letzten kommt es leider auch oft an. Meist schmerzt es gar nicht allzu sehr, wenn Musiker keine neuen Platten aufnehmen und nicht mehr präsent sind – dafür aber dann umso mehr, wenn sie wieder da sind und die Qualität des neuen Materials – gelinde gesagt – nachgelassen hat. Das ist sogar leider die Regel, und deswegen tun sich die meisten Musiker keinen großen Gefallen, wenn sie sich für ein Comeback entscheiden. Doch im Falle MC Renes ist es eben keine Verlegenheitsantwort, wenn man behauptet, der „Künstler sei erwachsen geworden“, wie man es bei anderen Musikern oft liest.

          Das ideale Fundament

          „Renessance“ ist so ehrlich und überzeugend, wie man es vom Hip Hop in den meisten Fällen gar nicht mehr gewohnt ist; da ist es vollkommen egal, dass Rene zehn Jahre kein Album mehr veröffentlicht hat. Die Musiker sind ganz bei sich und machen einem nichts vor, außer: wie man guten Hip Hop macht. Carl Crinx sorgt für die jazzig-cremigen Beats, die verspielt Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit verbinden und damit das ideale Fundament für MC Renes Geschichten bilden. Klangfarblich orientiert sich das Album an den besten Seiten der neunziger Jahre, ohne dabei zu sehr in den vergangenen Tagen herumzuirren. Es ist beachtlich, mit wie viel gegenseitigem Respekt Text und Musik hier einhergehen.

          Wie auch schon vor zwanzig Jahren sieht man auch, dass Rene in seinen Texten nicht auf die Formel der postpubertären Zwangsvulgarismen setzt, sondern auf tatsächlichen Gehalt. Persönlich und mit erschreckend viel Herz bringt er die eigenen Erfahrungen auf den Punkt, ohne dabei nur sich selbst und die eigene Beweihräucherung zum Gegenstand zu haben, wie es im Genre so oft passiert. Die Worte, die er sagt, meint er auch so - und das hört sich wirklich gut an. „Renessance“ ist bisher sein bestes und in sich schlüssigstes Album.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Demonstranten in Lausanne, einige Tage bevor sich die Wirtschafts- und Politikelite in Davos trifft. Nicht nur die Klimapolitik steht im Fokus der Protestler – auch der Kapitalismus.

          „Trust-Barometer“ : Deutsche zweifeln am Kapitalismus

          Nur noch jeder achte Deutsche glaubt, dass er von einer wachsenden Wirtschaft profitiert. Viele blicken pessimistisch in die Zukunft. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.