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Album der Woche : Tun, wie es dem Mädchen beliebt

  • -Aktualisiert am

Jill Barber 2012 bei einem Konzert in Frankfurt Bild: Michael Kretzer

Wieder eine, die sich neu erfindet: Die kanadische Sängerin Jill Barber macht sich auf „Metaphora“ die passenden düsteren Gedanken zu ihrer Rolle als Frau. Und flirtet dabei ausgiebig mit dem Pop.

          Es ist eine beliebte Strategie von Popkünstlerinnen, sich alle Nase lang neu zu erfinden. Madonna hat sie fast dreißig Jahre lang perfekt beherrscht, aber auch Britney Spears - mit gelegentlichen Abstürzen -, Shania Twain oder Taylor Swift stehen der New Yorker Pop-Queen da kaum nach. Die Kanadierin Jill Barber ist zunächst als Folksängerin hervorgetreten - ihr Bruder ist der Singer/Songwriter Matthew Barber -, bevor sie sich auf ihren Album-Veröffentlichungen nach und nach in Richtung Jazz bewegte.

          Auf der Big-Band-Platte „Chances“ arbeitete sie 2008 mit Ron Sexsmith zusammen, was zu immerhin zwei Nominierungen für den Juno Award - das kanadische Pendant zum Grammy - führte. Der Titeltrack spielte außerdem in der beliebten Fernsehserie „Orange is the New Black“ eine wichtige Rolle. Letztes Jahr hat sie den Juno Award dann endlich bekommen - ausgerechnet für ein Album, das sie zusammen mit ihrem Bruder aufgenommen hat. Ihre letzte eigene Veröffentlichung, „Fool’s Gold“, ist schon vier Jahre alt und man ahnt, dass die Sängerin mit ihrer musikalischen Richtung haderte - und nicht nur mit der -, wenn man ihre neue Platte „Metaphora“ auflegt.

          Maßgeschneidertes Klangkorsett

          Denn der Auftaktsong „The Woman“ ist nicht nur der großartigste Song eines gelungenen Albums, er ist auch poppig produziert und die düstere Basslinie, die unheimlichen tiefen Noten auf dem Klavier und der unheilschwanger wie verloren im Raum stehende weibliche Background-Chor, der unablässig „Uhuhuhuhu“ intoniert, erzeugen eine Atmosphäre, die einen sofort in ihren Bann schlägt.

          Im Text macht Barber sich die passenden düsteren Gedanken zu ihrer Rolle als Frau, die immerfort Erwartungshaltungen erfüllen soll, ohne sich über ihre eigenen Wünsche im Klaren zu sein. Produzent Gus van Go hat hier ganze Arbeit geleistet: Er hat Barber nicht nur ein maßgeschneidertes Klangkorsett verpasst, er hat mit dem Produzenten-Duo Likeminds alias Chris Soper und Jesse Singer auch gleichzeitig Musiker an Bord geholt, die für sämtliche Schlagzeug-, Klavier- und Synthesizer-Klänge auf dem Album verantwortlich sind.

          Thematisch ähnlich gelagert, wenn auch musikalisch nicht ganz so stark, ist „Girl’s Gotta Do“, das als konventioneller Popsong aber durchaus Chancen in deutschen Radioprogrammen hätte. Wie sehr die Sängerin sich van Go ausgeliefert hat, kann man auch daran erkennen, dass die Stimme der 38 Jahre alten Barber auf einmal wieder wie die eines Teenagers klingt - „Hooked Your Heart“ etwa könnte glatt von Selena Gomez oder Miley Cyrus stammen. Das rhythmisch raffinierte und mit einer starken Hookline ausgestattete „Bigger Than You“ hat sich Rhythmus und Harmonien kurzerhand von Britney Spears’ Hitsingle „Circus“ ausgeliehen, die einst dank penetranter Dauer-Einsatzes in Heidi Klums beliebter Bulimie-Show die Top Ten der Hitparade in Deutschland nur knapp verfehlte.

          Die ruhige Klavierballade „Mercy“ hat Jill Barber in der Mitte von „Metaphora“ platziert - ein ideales Scharnier und eine kleine Pause zum Verschnaufen, bevor vier weitere Songs wieder ganz auf die Pop-Schiene setzen. „Clumsy Heart“ erinnert in seiner vagen Verzweiflung gar an die pophistorischen Großtaten von Depeche Mode.

          Neben dem musikalischen hat Jill Barber auch ihr buchstäbliches Gewand gewechselt. Präsentierte sie sich auf „Fool’s Gold“ noch als mondäne Jazz-Diva mit Abendkleid und Bienenkorbfrisur, trägt sie auf „Metaphora“ ein golddurchwirktes Hippie-Hängerchen, wie es in den siebziger Jahren populär war, und lässt sich die Ponyfransen in die Stirn wehen. Ob die Welt auf den Popstar Jill Barber gewartet hat, wird sich zeigen.

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