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„Pimps And Preachers“ ist die CD der Woche : Vater fuhr einen Cadillac

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Tequila Is Good For The Heart˝ Bild: Blues Rose Records/Soulfood Music

Lernen von Muhammad Ali: Der ehemalige Boxer Paul Thorn belebt das Erbe des amerikanischen Südens und erweist sich als Rootsrocker mit Geberqualitäten.

          Boxer sind in der Popmusik selten. Der letzte war wohl Terence Trent D'Arby, der 1987 einen K.O.-Sieg gleich in der ersten Runde landete: Sein Debütalbum, das eklektizistische Soul-Meisterwerk „Introducing The Hardline According To Terence Trent D'Arby“, verkaufte sich vierzehn Millionen Mal.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Paul Thorn kämpft mittlerweile in der achten Runde, nächste Woche erscheint sein neues (achtes) Album auch in Europa, nachdem es in Amerika im vergangenen Sommer schon mittlere Hitparadenplätze erreicht hat. Dass es dazu auch hierzulande kommt, ist leider kaum zu erwarten, denn Paul Thorn ist einer dieser Rootsrocker, die gewissermaßen zur späten Sendezeit fighten, womit nichts gegen das verdienstvolle schwäbische Label Blue Rose Records gesagt ist. Aber wer nicht gerade auf dem Label Lost Highway Records veröffentlicht und damit vom Universal-Konzern vertrieben wird, der hat es schwer.

          Zu groß ist allerdings auch die Zahl der Mitläufer, die irgendwie zu spüren scheinen, dass Americana-Musik allgemein beliebt ist oder, sagen wir so: niemandem wehtut, die aber nicht über das Ausdrucksvermögen und die Vielseitigkeit verfügen, die nötig sind, wenn man nicht schon in der ersten Runde angezählt werden will. Auf Paul Thorn trifft das nicht zu. Der Supermittelgewichts-Mann, der in einem sogar vom Fernsehen übertragenen Kampf gegen den früheren Weltmeister Roberto Durán geboxt hat und in Memphis Meister von Mid-South wurde, ist einer der interessantesten Interpreten im Bereich zwischen Singer/Songwriter, Rock, Soul, Blues und Gospel, ein „Joe Cocker des Südens“, wie er auch schon genannt wurde, obwohl er 1964 in Wisconsin geboren wurde.

          Intuition und Erfahrung

          Aufgewachsen ist er in Elvis Presleys Heimatstadt Tupelo, Mississippi, und das mag den südstaatlichen Beigeschmack seiner ohnehin schon recht würzigen Liedersammlung erklären. Vor dem Boxen arbeitete Thorn als Tischler in einer Möbelfabrik, und irgendwann, während eines lokalen Clubauftritts wurde er von Miles Copeland entdeckt, der ein einflussreicher Platten-Manger und der ältere Bruder des Police-Schlagzeugers Stewart ist.

          Man kann also durchaus sagen, dass Paul Thorn nicht nur sein Handwerk, sondern auch verschiedene Seiten des Lebens kennengelernt hat. Vermutlich klingt seine Musik deswegen so gesättigt, angereichert mit Klängen und Anekdoten, die in dieser Bündigkeit und Lakonie zu artikulieren Intuition und Erfahrung gleichermaßen erfordert. Das merkt man schon am Titelstück „Pimps And Preachers“, das reggaehaft anhebt, mit einem quasi-akustischen Bass, Thorn murmelt wie ein alter Bluesman seine Kindheitserinnerungen („My daddy had a cadillac“), bevor dann eine Rhythmusgitarre einsetzt, die alle Rock-Klischees in sich zu vereinen scheint.

          Und dann lässt Thorn seine Stimme plötzlich in den tiefsten Sumpf gleiten, dort, wo sich Dr. John, Willy DeVille und vielleicht auch noch John Hiatt gute Nacht sagen. „The school of life was open / Each day I went to class/ When I didn't pay attention / They kicked me in the ass“: Es ist natürlich nicht die Schule-Leben-Metapher, die einen hier förmlich überrumpelt, es ist die wirklich unerhörte Beiläufigkeit, in der er die Phrase vom In-den-Hintern-treten kehlig her auscroont - das konnte selbst Willy DeVille, der es ja schließlich auch von New York bis New Orleans geschafft hat, kaum besser.

          Technisch makellos, rhythmisch vertrackt

          „Tequila is Good for the Heart“ ist das Lied, das man sich von Springsteen zwischen „The River“ und „Born In The U.S.A.“ gewünscht hätte, ein Euphorie- und Schmerzensmonster, trunken ausladend und sentimental, wie es nur Musiker hinbekommen, die unter irgend etwas gelitten haben in ihrem Leben. „Better Days Ahead“ ist wahrscheinlich der beste Little-Feat-Song seit „Dixie Chicken“, technisch makellos, rhythmisch vertrackt mit gleichsam in der Gegenrichtung arbeitendem Schlagzeug, einer Slidegitarre, die so handfest ist wie beim seligen Lowell George, und einem Refrain, der das Lebensgefühl von dixie land als den Inbegriff von Seligkeit vermittelt.

          Dies sind drei Höhepunkte eines hochimitativen, aber bemerkenswert stilsicheren Albums. „Buckskin Jones“ ist wiederum ein glattes Little-Feat-Plagiat, wie überhaupt der schwer einzuordnende, gleichermaßen archetypische wie avancierte Sound dieser wichtigen Band selten einen so überzeugenden Adepten gefunden hat wie jetzt in Paul Thorn. Selbst die Piano-Läufe des großen Bill Payne finden hier ihr Echo, allerdings ohne den Funk-Einschlag, der bei Little Feat seit 1975 ja geradezu übermächtig wurde.

          Und es gibt weiteres Wiederhören mit Klassikern: „Nona Lisa“ hätte sich auch auf Springsteens „Born To Run“ gut gemacht; anderes, wie „You Might Be Wrong“, klingt nach Pubrock. Doch Originalität ist nicht alles. Die Musizierschablonen sind nun einmal, wie sie sind. Thorns selbstgeschriebene Lieder sind, getragen von einer exzellenten, auch schon mal zu Mandoline und Akkordeon greifenden und so für Auflockerung sorgenden Band, mit einem wie selbstverständlich erscheinenden Ausdruckswillen und solcher Kraft eingespielt, wie man es in diesem Segment nur selten antrifft.

          Deshalb ist dem Label Blue Rose Records, das etablierten Americana-Musikern gelegentlich Gastspiele ermöglicht, auf dem aber auch schon so manche Eintagsfliege gelandet ist, dafür zu danken, dass es sich dieses Musikers angenommen hat. Es wäre nur gerecht, wenn Paul Thorn, dessen frühere, seit 1997 erschienene Platten entweder vergriffen oder nur noch schwer zu bekommen sind, hierzulande dauerhaft Fuß fassen würde, ruhig auch mit einem Bein im Schwäbischen. Wie sagte ein großer Boxer: „Float like a butterfly, sting like a bee.“

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