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Album der Woche: Panda Bear : Spiel uns das Lied vom Tod

  • -Aktualisiert am

Bild: Domino Records

Panda Bears seltsame, elektronisch-psychedelische Musik schafft es, Hippies und Raver miteinander zu versöhnen. Auf seinem neuen Album trifft er sich zu einem Plausch mit dem Sensenmann.

          2 Min.

          Panda Bear, das ist ein Viertel des musikalischen Experimentierclubs Animal Collective. Die Band, deren andere Mitglieder sich nicht weniger schrullig Avey Tare, Geologist und Deakin nennen, webt in ihrer Musik seit nunmehr fünfzehn Jahren ein psychedelisches Geflecht aus Electro, Noise, Ambient und Folk – immer schimmern durch das seltsame Klangdickicht aber leuchtende Melodien. Die Musik, die dabei entsteht, gehört zum Aufregendsten, was im neuen Jahrhundert an Popmusik produziert wurde.

          Ein Beach Boy aus dem Geisterreich

          Von Anfang an aber ist Panda Bear, der im wirklichen Leben Noah Lennox heißt, auch auf Solopfaden unterwegs gewesen und hat seither vier Platten veröffentlicht. Auch der neuen, „Panda Bear Meets the Grim Reaper“, hört man ihre Herkunft aus dem Tierkollektiv-Universum an. Durch die Abwesenheit des Sängerkollegen Avey Tare, der sich auf den gemeinsamen Platten meist als irrer Waldschrat durch die Songs krächzt, ist der Gesamtklang aber weicher. Lennox klingt eher wie ein dem Geisterreich entstiegener Beach Boy. Von Unreinheiten befreit und stets mit viel Hall abgemischt, weht seine Stimme aus einer überirdischen Sphäre herüber und durchdringt sämtliche Schichten der wabernden Elektronik. Sie geleitet den Hörer sicher durch drohende Beats und zischende Synths, singt ihm gut zu, bietet Zuflucht inmitten des Chaos.

          Von diesem Kontrast zwischen lichterfüllter Stimme und amorpher Umwelt bezieht die Musik ihre Spannung, atmet, wird lebendig. Panda Bear schafft es, synthetische Klänge organisch klingen zu lassen und eine Verschränkung beider Welten herbeizuführen. Der Zuhörer streift auf seinem Weg durch eine üppige Flora und Fauna: Im Unterholz der Songs zwitschert und tschilpt, knarzt und raschelt, gluckert und rauscht es. Am Anfang von „Mr Noah“ scheint ein nachdenklicher Roboter im Dschungel zu stehen und seine Umgebung abzutasten, bevor er schließlich das Stroboskop aufstellt und einen manischen Tanz aufführt. An anderer Stelle weht zu Harfenklängen der Wind und zirpen die Grillen, wieder woanders steigen Choräle aus blubbernder Meerestiefe zu uns empor.

          Die Texte sind suchend und assoziativ, es geht um das Vergehen der Zeit, den Zweifel an alten Entscheidungen, die Angst vor Veränderungen, und nicht zuletzt, wie der Titel des Albums ankündigt, den Tod. „Tropic of Cancer“ ist eine ätherische Elegie für Lennox’ 2002 an Krebs verstorbenen Vater. Das wunderbar wehmütige, von einem Debussy-Klavier unterlegte „Lonely Wanderer“ fragt „Was it worthwhile?“ Und das rastlose „Come To Your Senses“ handelt davon, dass jede Erfahrung immer einzigartig bleibt und niemals wiederkommt: „You made a bunch you bet / and you’ll make more / but you won’t / ever make that one again.“ Lennox betrauert Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen.

          Wie man die Lebenslücken füllt

          Dennoch zieht sich ein verhaltener Optimismus durch die Songs. „Boys Latin“ erzählt zwar zu boshaftem Schnarren davon, wie wir nicht wertschätzen, was wir bereits haben. Doch Lennox’ beschwörender Wechselgesang mit sich selbst vertreibt die Melancholie, und im Refrain erblühen afrikanische Harmonien. Lennox mag nicht lassen vom Glauben an ein mögliches Glück, wie fragil es auch sein mag im Angesicht des drohenden Verlusts. Er findet es letztlich in der Fremde: in den seltsamen Klängen seiner Musik, aber auch ganz real, in einem fremden Land. Vor zehn Jahren verließ Lennox sein Heimatland, die Vereinigten Staaten, und lebt heute mit seiner portugiesischen Frau und zwei Kindern in Lissabon. Auf „Selfish Gene“ offenbart er, wie trotz der Lücken, die das Sterben hinterlässt, das Leben in der Hinwendung zum anderen gelingen kann: „If it comes to fill these spaces / only you could fill these spaces.“ Das Treffen zwischen Bär und Sensenmann endet mit einem Punktsieg für den Panda.

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