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Album der Woche : Billigbier statt Bling-Bling

Bild: Selfmade Records

Zwischen Tourette und Tramadol: Karate Andi zelebriert deutschen Sprechgesang auf seinem Album „Turbo“ als kolossale Inhaltsverweigerung mit ungeschlachter Punk-Attitüde.

          Hip-Hop ist wie Schimmelpilz. Er wächst und gedeiht an den unterschiedlichsten Orten, bietet zwischen schwarz und weiß ein großes Farbspektrum und birgt – je nach ökologischer Nische – neben allerlei Giften auch das eine oder andere Heilmittel. Statt dem ewig koksbeseelten, durch Rohheit verkleideten Wunsch, zum Establishment zu gehören, kommt Deutsch-Rap in Form von Karate Andi wieder mit ungeschlachter Punk-Attitüde daher: Billig-Bier mit Löwenmähne, schäumendes Schandmaul und eine akribisch durchexerzierte Absage an die Sozialverträglichkeit. Dafür keine Limousinen mit Chromfelgen, kein Bling-Ding, keine Schein-Dominanz durch vertonte Geldzählerei. All das wird Stück für Stück auseinandergenommen, „zermetert“ – im Andi-Slang.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nur der Punk-Ansatz, jeder könne (diese) Musik machen, gilt nicht. Denn bevor man dem mittelschweren Rapper mit dem berlin-süd-spezifischen Oberlippenbart das Tourette-Roulette seines Albums samt der ewigen Penisgröße-Posen um die Ohren hauen will, muss man ihm zugestehen, dass er sein Mundwerk dort gelernt hat, wo keine Schwäche verziehen wird: auf der Bühne im Freestyle-Battle. Ein postmoderner Dichterstreit, bei dem aus dem Stegreif gereimt wird, um einen Gegner (schimpf-)wortgewaltig niederzumähen. Vor einer geifernden Masse, die am liebsten Blut sähe. Hier zeigt sich, wie viel Können hinter sexuell überladenen Drohgebärden und dem Name-Dropping von Waffenherstellern steckt. Karate Andi zeigt dabei vor allem eines: Hunger auf Auseinandersetzung. Einfach in die Leere einer Aufnahmekabine hinein zu provozieren, das zieht seiner Kunst die Zähne.

          Karate Andi ist wortgewordenes Milieu, benannt nach dem Saulus-Paulus-Zuhälter Andreas Marquart (den nannte man „Karate Andy“ mit Ypsilon). Dabei ist der einstige Mutterboden seines Raps die niedersächsische Provinz um Göttingen – zwischen Bushaltestelle, Landstraße, Lebensmittelmarkt und Dorfkneipe. In dieser Welt ist zumindest der Videoclip zum Track „Mofa“ zu Hause. Da knattert die Dorfjugend sowohl optisch als auch akustisch in Snoop-Dogg-Ästhetik durchs Bild und unterläuft jedes  amerikanische Rap-Klischee, indem es die 24-Zoll-Chrome-Spinners durch das drehende Mofa-Rad ersetzt.

          Gospelchor nach Doppelkorn

          Karate Andi thematisiert nicht nur in „Gott sieht alles“ konsequent den billigen Rausch - „bis Dorfbräute kotzen ya, wie Ostdeutscher Gospelchor nach Nordhäuser Doppelkorn“. In der Provinz ist Alkohol der große Gleichmacher. Das gilt auch für die 13 Tracks des Albums. In einem charmanten Videointerview mit der Rapperin und Moderatorin „Visa Vie“ erklärt Andi, dass der „Pennerrap“, den der mittlerweile in Berlin-Neuköln lebende Rapper auf „Turbo“ feilbietet, eine Mixtur aus Charles Bukowski, den Beats von MF Doom und seinem Hausbier „Pilsator“ ist. An anderer Stelle wurde der Kampfkünstler mit Gruppen wie K.I.Z. und Trailerpark verglichen.

          Besorgte Eltern dürfen in diesem Fall davon ausgehen, dass ihr 14-jähriges Kind vielleicht nicht alle Drogen, die Andi besingt, doch aber jedes Unwort bereits vom Schulhof des örtlichen Gymnasiums kennt – und das kolportierte Lebensmodell nicht für allzu bare Münze nimmt. Zudem folgt auf jede derbe Pose hier eine Punchline, die das Vorangegangene der Lächerlichkeit preisgibt. Gemäß dem Motto: „Wo Saufen eine Tugend ist, kann Kotzen keine Schande sein.“

          So geschliffen Proll-Plattitüde und Stumpfsinn daherkommen, so überschaubar sind natürlich die Themen – irgendwo zwischen Weltüberdruss, dem Rausch durch billige Synthetik-Drogen und zusammenphantasierter Prostitution. Doch genauso könnte man der Volksmusik Heimatbezogenheit vorwerfen. Battle-Rap taugt nicht zur Gedichtinterpretation. Ausflüge in umgestülpte Genre-Klischees, wie sie die der Neuköllner in „Kleid deiner Mutter“ oder „Flatrate“ unternimmt, führen mitunter etwas in die Irre. Hier übt die bizepsbepackte Freundin häusliche Gewalt aus. Dort ist die käufliche Liebe mal Segen, mal Fluch.

          Auch wenn der Turbo nicht bis zum Schluss zündet: Der zurückgelehnte Rap-Stil von Karate Andi zu saftig-vielschichtigen Beats bildet einen willkommenen Kontrast zum überdrehten Gebrüll des populären Deutschraps, das zu lange zu reduzierten Schmalspurbässen jedes Textstück übertrieben bis in die letzte Silbe ausformuliert hat. Als ließe sich dadurch mehr Bedeutung in die Worte pressen.

          Doch wenn Karate Andi rappt, „ich belächle komplett die sogenannte Message im Rap“, dann tut man gut daran, ihm nicht glauben. Denn, wenn er auch als Studio Rapper Erfolg haben möchte, muss er sich über seine „Message“ allmählich Gedanken machen.

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