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Album der Woche : In den dunklen, tiefen Gängen der Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

Nicht vor Hollywood Town Hall in Minnesota, die eins ihrer besten Alben zierte, sondern vor einem etwas schlichteren Etablissement: Die Jayhawks befahren Nebenstraßen. Bild: dpa

„Back Roads and Abandoned Motels“ nennen die Jayhawks ein Album, auf dem sie alte Songs neu einspielen - darunter solche, die Bandleader Gary Louris einst für die Dixie Chicks schrieb. Ist das nun schlau oder doch ein bisschen faul?

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          Zuerst ist das neue, zehnte Album der Jayhawks eine Enttäuschung; neue Songs gibt es nur zwei bis drei, je nachdem, wie man zählt. Bandleader und Songschreiber Gary Louris hatte die Idee, Songs aufzunehmen, die er einst für andere Künstler schrieb. Für den Auftakt „Come Cryin’ to Me“, zu hören schon auf dem Solo-Album der Dixie-Chicks-Sängerin Natalie Maines, durfte sogar Jayhawks-Keyboarderin Karen Grotberg ans Mikrofon, die ihre Sache gar nicht schlecht macht und dem gefälligen Sound der Jayhawks eine Portion vom düsteren Geist der Walkabouts verleiht.

          „Everybody Knows“ haben die Dixie Chicks für ihr zwölf Jahre altes Album „Taking The Long Way“ eingespielt, und es war einer von vier Songs dieses Albums, die Louris den absoluten Stars der Country-Szene zudachte. Damals erholten sich die Dixie Chicks gerade von den negativen Aussagen, die sie über den damaligen Präsidenten George Bush gemacht hatten – wie niedlich erscheint einem diese Kontroverse heute in Zeiten eines Donald Trump –, und stürmten mit Hilfe vieler Komponisten aus der alternativen Country-Szene zurück an die Spitze der amerikanischen Hitparade. Unter anderen schrieben Neil Finn von Crowded House, Sheryl Crow, Bluesmann Keb’ Mo’ und Mike Campbell von Tom Pettys Heartbreakers jeweils einen Song für die drei Mädels.

          Dass die Dixie Chicks damals ausgerechnet Louris um Hilfe baten, dürfte daran liegen, dass er seit mehr als dreißig Jahren für seine smarten, hochmelodischen Songs geschätzt wird, deren kernige Rock-’n’-Roll-Refrains auch sanfterem Material Ecken und Kanten verleihen – genau das, was die Chicks damals brauchten, um das Publikum wieder auf ihre Seite zu ziehen. In trägem mittleren Tempo führen die Dixie Chicks in „Everybody Knows“ beredte Klage über Dinge, die sie gesagt haben und die sie nun bereuen („Everyone can see my face, all the things I can’t erase“) – ein Schelm, der Böses dabei denkt. Durch die scharfe Stimme von Natalie Maines bekommt das Lied Kontur, aber es gehörte definitiv nicht zu den stärksten Songs auf „Taking The Long Way“.

          „Everybody Knows“ klingt aber nun von den Jayhawks selbst auch nicht viel besser, sondern hört sich wie ein schwächerer Song von den Eagles an. Warum Louris sich ausgerechnet für dieses Lied entschieden hat, erschließt sich dem Hörer jedenfalls nicht so ganz. Das bittersüße „Gonna Be a Darkness“ hat Louris einst für Dylans Sohn Jakob geschrieben und das schöne „Backwards Women“ für die Wild Feathers, die es allerdings nie aufgenommen haben. „Need You Tonight“ gehört nun zu den Höhepunkten der Platte, auf der die Jayhawks ihre ganze vokale Klasse ausspielen; Louris hatte es ursprünglich für den Ringside-Sänger Scott Thomas verfasst. Bei „El Dorado“, einst Carrie Rodriguez zugedacht, singt wiederum Grotberg, der Refrain wirkt jetzt ein wenig halbgar; es sind die Strophen, die das Lied ins Ziel tragen.

          „Bird Never Flies“ entstand für den New Yorker Singer/Songwriter Ari Hest, der für seine jüngste Kollaboration mit der amerikanischen Ikone Judy Collins für den Grammy nominiert wurde (für Judy Collins war es tatsächlich das erste Mal – eine Schande für diese Institution). Die Jayhawks spielen es in einer transparenten akustischen Version, die wiederum vom makellosen Gesangsarrangement und der fragilen Akustikgitarre getragen wird. Mit „Long Time Ago“ – geschrieben für Emerson Hart und bislang unveröffentlicht –, „Carry You to Safety“ und „Leaving Detroit“ gibt es dann sogar drei neue Songs; das zweite eine schöne Ballade, Letzteres schlägt noch langsamere, bittersüße Töne an.

          „Die neun Cover-Versionen fühlten sich nicht so an“, hat Louris, vielleicht als Entschuldigung für die kreative Auszeit, verlauten lassen: „Diese Lieder gehören einfach ins Führerhaus der Jayhawks.“ Das kann man so sehen. Das neue Album ist beileibe keine schlechte Platte, dafür ist die Band einfach viel zu routiniert. Aber ein schaler Nachgeschmack bleibt doch. Nicht alles entspricht den Qualitätskriterien einer Band, die makellose Meisterwerke wie „Hollywood Town Hall“ oder „Mockingbird Time“ hervorgebracht hat. Kurz und gut: Wer sich gerne auf schmalen Landstraßen und in verlassenen Motels herumtreibt, der ist mit der neuen Platte gut bedient. Aber gegen elf neue Jayhawks-Lieder hätte wohl auch niemand etwas einzuwenden gehabt.

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