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Album der Woche : Die Ohren der Kokovoren

  • -Aktualisiert am

Bild: Mohammed Ataey

Freak-Funk aus Norwegen: Disaster in the Universe verbinden in ihrem Album „Coconut Message“ Eingängigkeit mit Ausgefuchstheit. Und erinnern dabei an eine Romanfigur von Christian Kracht.

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          Ist das etwa ein verspäteter Soundtrack zu Christian Krachts Freak-Roman „Imperium“? Wenn eine norwegische Band namens Disaster in the Universe ein Album mit dem Titel „Coconut Message“ aufnimmt, liegt der Gedanke an den durchgeknallten August Engelhardt, der sich vor knapp hundert Jahren als Lebensreformer in die Südsee aufmachte und dort dem Kokos-Kult verschrieb, zumindest als Guru aber desaströs scheiterte, schon mal nicht fern.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Und wenn man das Video zu „Beach House“ anschaut, in dem wirrhaarige blonde Männer gemeinsam mit Rastafaris in einer Küche mit Sand um sich werfen, tanzend Bongos wie elektronische Instrumente bearbeiten und dazu singen „I just intended to make a turn, lost in the sun“, während dazwischen immer wieder Bilder von Ziegen auf Palmen auftauchen - dann könnte man fast glauben, diese Norweger seien tatsächlich einmal zu oft falsch abgebogen und in ihren Adern flösse kein Blut mehr, sondern „der wesentlich hochentwickeltere pflanzliche Most“ der Idealfrucht, mit dem der Kokovore einst dazu fähig werde, „seine Evolutionsstufe zu transzendieren“ (Kracht).

          Dosser Brandt und Jonas Rohde-Moe, die als Duo den Kern von Disaster in the Universe bilden, könnten ohne weiteres als Engelhardt-Imitatoren durchgehen. Für Live-Auftritte holen sie sich allerdings noch vier weitere Musiker auf die Bühne, darunter zwei Perkussionisten, die den Klangeindruck des merkwürdigen Calypso-Funkpops dieser Combo erst vervollständigen und sie außerdem auf Festivals sehr beliebt machen.

          Die anderen Stücke auf dem Album stehen der Single in Seltsamkeit wie auch in Tanzbarkeit nicht nach: „Jaws Shut like Closing Doors“ wartet mit bunt-trippigen Synthesizerkaskaden auf und erinnnert wie mit seiner grundpositiven Ausstrahlung an den kindlich-naiven Zug der Neuen Deutschen Welle, „Jada Jada“ arbeitet mit psychedelischen Hall-Effekten und einer ulkig verschleppten Reggae-Zupfgitarre.

          Was für ein unglaublich gutes Händchen für eingängige Refrains die Norweger haben, weiß man ja schon von Erlend Øye und seinen Kings of Convenience - aber bei diesem Album ist es wirklich erstaunlich: „Coconut Message“ hat gleich mehrere hitverdächtige Singles und spielt sowohl bei der Eingängigkeit wie auch der Ausgefuchstheit der Funk-Grooves in einer Liga mit dem großen Daft-Punk-Album „Random Access Memories“ (2013). Jetzt wäre den Norwegern auch noch dessen weltumspannender Erfolg zu wünschen.

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