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Album der Woche : Du musst selbst dein Anker sein, dann steig ich ein

Wer mag hinter den Masken Stecken? Nullzwo gibt Rätsel auf. Bild: Heyblau Records

Was ist denn das für eine Mischung aus Liedermachertum und Hardcore? Das geheimnisvolle Duo Nullzwo macht schwelgerischen Gitarrenrock, wie man ihn in der deutschen Musiklandschaft lange vermisst hat.

          Die Bushaltestelle als Sehnsuchtsort - das ist seit einem Plattencover der Band Element of Crime nicht mehr undenkbar, auf dem das in der Pampa stehende Schild mit dem „H“ einfach zum Mittelpunkt der Welt erklärt wird. Aber es gibt vielleicht sogar bei einem Großteil der neueren deutschsprachigen Popmusik eine provinzielle Prägung, die, wenn auch oft kaschiert oder geschmäht, doch ihre Spuren hinterlässt.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Man sieht das etwa an dem Wunsch, unbedingt Roadmovie-Musikvideos machen zu wollen, was eigentlich kaum noch unironisch geht, aber viel zu schön ist schließlich das sommerliche Abendlicht über Stoppelfeldern in deutscher Mittelgebirgslandschaft, um es nicht doch zu tun. Die Musik dazu muss nicht zwingend Country sein. Bei dem geheimnisvollen Duo namens Nullzwo ist es eher schwelgerischer Gitarrenrock, der manchmal an die britische Band Travis erinnert oder auch an Coldplay ganz zu Anfang, bevor sie den Weg in die Plastikpophölle antraten. An eine Zeit also, in der die clean gespielte E-Gitarre mit ihren Arpeggios noch eine Bedeutung in einem klar definierten Bandsound hatte und nicht alles Brei war. Das Seltsame ist: An diesem Punkt stand auch der deutsche Gitarrenrock schon einmal, in den neunziger und frühen nuller Jahren, mit Bands wie Nationalgalerie, Kante oder der leider kaum beachteten Paul Dimmer Band. Aber warum auch immer verlief die Spur im Sand.

          Das Album „Strom“ von Nullzwo nimmt sie jetzt wieder auf: Es wartet mit Schwelge-Melodien auf, die durchaus an „Why Does it Always Rain on Me“ oder auch den alten Ohrwurm „Golden Brown“ heranreichen, konterkariert diese Klänge allerdings mit einem halligen, blechern klingenden Schlagzeugsound, der dem Ganzen eine Note von Industrial oder sogar Hardcore verleiht. Diese Spannung zwischen Eingängigkeit und Sperrigkeit prägt das ganze Album und verleiht ihm eine geschlossene Ästhetik - man könnte durchaus auch von einem Signatursound sprechen. Die Texte dazu nehmen sich, wenn man sie nur auf dem Papier liest, zunächst gar nicht mal besonders lyrisch oder einfallsreich aus, es gibt auch einige Versatzstücke darin.

          „Weiter, nur weiter, planloser Reiter“ heißt es da oder „Ich warte ab, bis der Wind sich dreht, mir wieder in den Rücken weht“. Aber gerade weil man die drohende lyrische Banalität spürt, ist man umso überraschter, was aus dem gesungenen Text im Gesamtgefüge dann wird: Es ist wieder ein schlagendes Beispiel dafür, dass man bei Popmusik manchmal den Text einfach nicht von der Musik getrennt betrachten kann, weil es ihn eben nur im Paket gibt.

          Und so kann dann auch das auf dem Papier nicht leicht zu Glaubende passieren, nämlich dass eine Stelle wie „Alles ist gut, das eben war schön / Ich atme aus, um weiterzugehen“ einem plötzlich sehr unter die Haut geht. Dem Prinzip der lyrischen Vagheit entspricht das mediale Versteckspiel der Musiker, die nur mit Masken auftreten und sich Dschingo Herrendienst und Pitti Weidenhof nennen. Zwei Alben haben Sie bereits als digitale Downloads veröffentlicht, dieses nun erscheint zunächst nur auf Vinyl - ein sympathischer Zug, der genauso traditionsbewusst wirkt wie die anfangs erwähnten Roadmovie-Musikvideos, die sie sich natürlich auch nicht verkneifen können.

          Darin fahren die zwei Traumgestalten in einem uralten, feuerroten Opel Kadett mit einem Kennzeichen, das es eine Zeitlang schon gar nicht mehr gab („DT“ für Detmold), im Zwielicht der Erinnerung herum, singen Zeilen wie „Du musst selbst dein Anker sein, dann steig ich ein“ und treffen an der Bushaltestelle irgendwo im Nirgendwo dann auch wirklich auf sich selbst.

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