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Album der Woche : Fünf herzzerreißende Minuten

  • -Aktualisiert am

Irgendwie so hingestellt mitten in New York: Laura Gibson Bild: Shervin Lainez

Die Liedermacherin Laura Gibson wollte den Neuanfang in New York. Sie hat alles verloren, auf der Couch von Freunden übernachtet - und auf „Empire Builder“ alte Stärke und neue grillenhafte Melodien gefunden.

          Mit ihrem dritten, äußerst eigenwilligen Album, „La Grande“, gelang ihr der künstlerische Durchbruch. Auf dem Cover dieser Platte steht Laura Gibson barfuß, in eine Decke gehüllt, nachts im Gras; das Lagerfeuer prasselt, im Hintergrund steht schwarz der Wald und schweiget: nahezu ein Inbild des Einklangs mit der Natur. Nun, vier Jahre später, zeigt sich die amerikanische Singer-Songwriterin in gelber Bluse vor gelber Wand, den Kopf zur Seite geneigt, die dünnen Lippen rot geschminkt - Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses als Großstädterin. 2014 ist Gibson von Portland nach New York gezogen, um „Fiction Writing“ zu studieren. Einen Teil der Strecke legte sie im Empire Builder zurück, dem ehemaligen Flaggschiff der Great Northern Railway, einem Zug, der den amerikanischen Nordwesten mit Chicago verbindet und dabei drei Zeitzonen und sieben Bundesstaaten durchquert. Er gab ihrem neuen Album den Namen. Dass es überhaupt dazu kam, grenzt an ein Wunder. Denn eine Gasexplosion, bei der zwei Menschen ums Leben kamen, zerstörte Gibsons Wohnhaus in der Lower East Side. Zufälligerweise war sie nicht zu Hause. Doch ihr gesamtes Eigentum, ihre Instrumente, Texte, Arbeitsnotizen - auf ihren Konzerten sammelte sie gern die Lieblingsworte ihres Publikums - waren verschüttgegangen.

          „Empire Builder“, in einem Studio an der Küste von Oregon aufgenommen, ist also in vielerlei Hinsicht ein Neuanfang. Nicht umsonst steht das Album unter dem zuletzt wieder in Mode gekommenen Rilke-Motto „Du musst dein Leben ändern“. Und davon handelt es in weiten Teilen auch, davon, die Zelte abzubrechen und woanders von vorn anzufangen, ein anderer Mensch zu werden, und auch von den Selbstzweifeln und Gewissensbissen, die eine solche Entscheidung mit sich bringt. Nirgends wird das deutlicher als im Titelsong, der zugleich Laura Gibsons persönlichster sein dürfte. Er wird begleitet von einem selbstgedrehten Video, das ihren Blick aus dem Zugfenster einfängt; ihre Fahrt von Portland nach New York schrumpft auf fünf herzzerreißende Minuten zusammen. Dies sei keine Flucht, singt sie, nicht an den geliebten Menschen gewandt, den sie verlässt, sondern wie um sich selbst davon zu überzeugen. Die Percussion ist dem Rhythmus der Gleise nachempfunden, langsam vorwärtstreibend, während die Gitarre wehmütig zurückblickt. Und die Widersprüche nehmen kein Ende: Wir sind nicht allein und doch so allein wie nie zuvor, heißt es da: „So hurry up and lose me, / hurry up and find me again.“

          Die Gewissheit, dass es anderswo besser wird, ohneeinander, die Euphorie des Aufbruchs, das alles wird sofort in Frage gestellt, wenn Gibson im behaglich anmutenden „Damn Sure“ nach erfolgreich vollzogenen Trennungsritualen - von der neuen Frisur bis zur Namensänderung - ratlos in einem Museum endet, während der, an den sie trotz allem unentwegt denkt, mit einer anderen am Küchentisch sitzt. Das, worüber sie sich beide so verdammt sicher waren, gehört der Vergangenheit an. Jetzt aber, so darf man schlussfolgern, ist gar nichts mehr sicher. Und das, was gestern war, schleppt man wie eine Krankheit überallhin mit, oder man jagt ihm wie einem Schatten hinterher.

          Der Neubeginn ist also trügerisch, man fängt nie wieder bei null an. Diese Einsicht erklärt, warum Laura Gibson zwar auch musikalisch neue Wege beschreitet, dies allerdings nur äußerst zaghaft, unterstützt unter anderen von Mitgliedern von Death Cab For Cutie und den Decemberists. Der Auftakt und zugleich eines der besten Stücke des Albums, „The Cause“, wirkt mit blechernem Schlagzeug, dramatischen Streichern und einer zwischenzeitlich laut aufheulenden Gitarre wie ein furchtloser Schritt weg von der in Folk-Kreisen grassierenden Mimosenhaftigkeit. Mut zu mehr Rhythmus, Mut zu mehr Lärm beweist sie zudem in „Not Harmless“, einer kraftvollen Selbstbehauptung, die weibliche Rollenklischees weit von sich weist. Ansonsten jedoch - abgesehen von dem beschwingten Country-Schwof „Two Kids“ - bleibt Gibson den ruhigeren, waidwunden Klängen und Stimmungen treu, die sowohl Gefühle der Einsamkeit als auch der Unabhängigkeit vermitteln. Das beherrscht sie aus dem Effeff, und es gelingt ihr, es immer wieder auf originelle Art und Weise zu variieren. An ihren Fähigkeiten als Songschreiberin, ihrem Gespür für grillenhafte Melodien besteht kein Zweifel. Ein neues Album von ihr ist ein Grund zur Freude. Ein winziger Makel bleibt dennoch: Angesichts der Tatsache, dass jene Songs herausstechen, bei denen sich Gibson hinsichtlich Instrumentierung und Arrangements mehr zutraut, hätte sich der Hörer von ihr mehr Entschiedenheit und Emphase gewünscht; stattdessen vertraut sie größtenteils auf erprobte Qualitäten. So aber hängt der Spannungsbogen zwischenzeitlich ein wenig durch; der Überraschungseffekt hält sich in Grenzen. „Empire Builder“ ist ein sehr gutes Album, das noch besser hätte werden können.

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