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Album der Woche : Dem Softeis auf Wiedersehen sagen

  • -Aktualisiert am

„Ich möchte schlafen, aber du musst tanzen“ (Theodor Storm): Lana Del Rey singt so schläfrig, dass man dazu tanzen möchte. Bild: Universal

Lana Del Rey ist tief aus Oberflächlichkeit. Ihr drittes Album „Honeymoon“ feiert formvollendet die Westküsten-Atmosphäre und überrascht mit lyrischen Zitaten von T. S. Eliot.

          So wacht man in der Welt Lana Del Reys auf: „Sometimes I wake up in the morning to red, blue, and yellow skies – it's so crazy I could drink it like tequila sunrise.“ Es ist die Welt Kaliforniens, der Küste, wo man im Sand einsinkt, die Palmen sich in den Augen der Freunde spiegeln und der Sommer nie aufhören darf. Alles dreht sich um „love or lemonade“. Die Mädchen sehen den Jungs beim Volleyballspielen zu. Wenn der Strandtag sich neigt, nimmt man die Tennisschuhe, fährt im offenen Wagen nach Hause, Wind im Haar, das Autoradio läuft: „Carry me home, got my blue nail polish on. It's my favorite color and my favorite tone of song.“

          Das sind so die Bekenntnisse Lana Del Reys. Oder sie erklärt, dass sie schon immer Flamingos mochte und weiß, was nur Mädchen wissen können. Seit dem Erscheinen des überwiegend schwärmerisch quittierten Debütalbums „Born to die“ (2012) gibt es natürlich auch Kritik an Lana Del Reys Musik. Sie richtete sich auf die Trivialität ihrer Welt, auf den ausgestellten Lebensgenuss und auf das Rollenmodell einer Frau in diesem Boys-Girls-Kosmos, wo Männer angeschmachtet werden und weibliche Musik ein Selbst-Verhauchen ist. Es kam auch der Standardvorwurf, sie bediene bloß Retro-Stimmungen. Tatsächlich wusste man oft nicht genau, in welcher Zeit die Songs eigentlich spielen, in der Kennedy-Ära, in älteren Hollywood-Filmen oder gleich ganz in einer entrückten Vergangenheit, wie sie das Video zum Song „Born to Die“ entwarf, in dem die Sängerin im Renaissanceschloss Fontainebleau als Herrscherin und/oder Erlöserin mit Blumenkranz thront.

          Den Kritikern muss man sagen: Mit „Honeymoon“ wird es nicht besser. Aber auf diesem bisher einheitlichsten Album wird deutlich, worauf sie eigentlich hinauswill – der Reim „skies“ auf „tequila sunrise“ deutete es an. Denn diese Welt aus Westcoast-Versatzstücken ist so arrangiert, dass sie ihre Konturen verliert, der Gegenwart entrückt, dass Erde und Himmel sich annähern. Boys, Flamingos oder blue ribbons on ice – alles dient nur dem einen Zweck: diese gewisse Atmosphäre hervorzubringen, „high by the beach“ zu werden, in eine Wolke aus Stimmen und Lauten zu geraten. Wie sagte Theodor Storm noch über die deutsche Westküste: „Vernehmlich werden die Stimmen, die über der Tiefe sind.“ Eine solche Stimme möchte Lana Del Rey offenbar werden.

          In einem erhebenden Moment in der Mitte des Albums spricht sie, von Schallplattenkratzen und Musik unterlegt, den Anfang des Gedichts „Burnt Norton“ von T. S. Eliot (das erste der „Four Quartets“). Es enthält die Spekulation über eine Zeit, in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nicht mehr zu trennen sind und auch alle ungenutzten Möglichkeiten weiterbestehen. In rätselhaft-schönen Versen spricht Eliot vom Weg in einen Rosengarten, den wir noch nie betreten haben. Von geheimnisvollen Gärten, in denen die Blumen wuchern, träumte Lana Del Rey schon immer, und sie nähert sich ihnen weiter an, indem sie ihren Songs zunehmend die Bedeutung nimmt und gelegentlich in ein sinnfreies Singen übergeht. „Cacciatore, limousines, ciao amore, soft ice creams“: So heißt es in dem obendrein witzigen Lied „Salvatore“ oder, im „Swan Song“, wo die Musik ins Wellenrauschen übergeht: „And I will never sing again / And you won't work another day, / I will never sing again, / With just one wave it goes away, / It will be our swan song.“

          Dass man von Erlösungssehnsüchten sprechen darf, zeigen die Songs, die Gott anreden, das berührende „God Knows I Tried“ und das letzte Stück, eine Coverversion von „Don't Let Me Be Misunderstood“. Auch wenn sie jede Menge Chaos verbreitet, sich selbst nicht versteht, ihr Halbbewusstsein, ihre Traurigkeit und Sehnsucht niemandem erklären kann, so kann sie doch reinen Herzens singen: „My intentions are good.“

          Jetzt stirbt sie schon wieder

          Auch rein musikalisch ist dieses Album ihr bisher einheitlichstes: Gegenüber den Instrumenten tritt die Stimme noch stärker hervor, die von lasziver Schwermut bis in schwebende Höhen reicht; die Instrumente umspielen sie nur. Das Schlagzeug ist deutlich zurückgenommen, das Tempo gering, Echo- und Halleffekte werden eingemischt, die Streicher treten in den Vordergrund. Es gibt auch Flöten und Oboen und nicht zu vergessen die Orgel, die in „Don't Let Me Be Misunderstood“ hineinführt. Die Hiphop-Anklänge sind dementsprechend schwächer geworden, die Jazz-Elemente stärker, dazu kommen Zirpen, Vogellaute und immer wieder die Stimme, die sich selbst antwortet und ihr eigener Chor ist.

          Konsequenz muss unbedingt glücken, Einheitlichkeit kann auch zu Eintönigkeit führen, und so hat das Album einige Schwächen. Musikalisch sind besonders der Streicher-Einsatz und die sich damit fast unvermeidlich einstellende Bedeutungshuberei manchmal nicht gut erträglich. Auch Song-Anfänge mit klagendem „you – uuuh – uuuh – uuuh“ möchte man von Lana Del Rey nicht gerne hören. Überhaupt die Dosierung. Nach dem fünften oder sechsten Song seufzt man: Jetzt stirbt sie schon wieder. Da rettet sie dann der Witz eines Songs wie „Salvatore“, überrascht sie mit T. S. Eliot. Großartig ist sie doch. Der Sommer ist vorbei, aber mit „Honeymoon“ können wir an Herbstabenden an den Strand gehen, der in uns liegt.

          Der Autor lehrt Neuere Deutsche Literatur an der Universität Jena. Zuletzt erschien sein Gedichtband „Sirenenpop“ (2014) im Verlag C.H. Beck.

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