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Album der Woche : Liebeslied für eine Telefonnummer

  • -Aktualisiert am

Kurt Wagner von Lambchop bei einem Konzert in Hamburg Bild: Picture-Alliance

Mit Autotune gegurgelt: Bei einer sagenhaften Elektrokur geht der Band Lambchop die Wärme nicht verloren. Das Album „FLOTUS“ widmet Sänger Kurt Wagner der First Lady: nämlich seiner Frau.

          „Are you awake yet? How many fingers?“, fragt eine mit Autotune-Effekt verfremdete Stimme, als sei man gerade ausgeknockt worden und komme langsam wieder zu sich. Aber wenn man dann bei sich ist, kann man gleich wieder glauben, man träume: Kurt Wagner, einer der trockensten Lakoniker unter den singenden Liedermachern, benutzt Autotune? Wo sind wir denn?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Man könnte das auch für einen Witz halten, so in der Art: Wenn lauter Pop-Sternchen jetzt den Country kapern und noch weiter verderben (selbst Beyoncé trat jüngst bei den Country Music Awards in Nashville auf), dann machen wir eben das Gleiche und kapern deren Effekte und Stile. Gerade Kurt Wagner könnte davon ein Lied singen, denn er lebt in Nashville und repräsentiert mit seiner Band dort seit langem eine Gegenkultur.

          Aber ein Witz ist das mit dem Autotune- oder Vocoder-Effekt auf dem neuen Album von Lambchop mitnichten: Es hat vielmehr System, und es ist ein großer Schritt in einer sich schon früher andeutenden Entwicklung. Schon im vergangenen Jahr hatte Wagner in einem Projekt namens Hecta mit Electro-Musik experimentiert, und nun hat er seine ganze Band einer solchen Kur unterzogen.

          Während das Grundgerüst dieser Band bislang von - wenn auch minimalistisch eingesetzten - traditionellen Instrumenten wie Gitarre und Klavier getragen wurde, ist es auf dem neuen Album umgekehrt: Das Grundgerüst sind Beats, elektronische Klänge, und wenn doch mal eine Westerngitarre auftaucht wie in dem hip-hoppigen Stück „Writer“, dann wirkt es fast wie ein Sample aus einer alten, fernen Welt.

          Das Schöne aber ist: So verfremdend und manchmal auch befremdend dieses Album wirkt (das achtzehnminütige Schluss-Stück „The Hustle“ etwa beginnt mit minutenlangem Plucker-Groove, bevor überhaupt etwas Melodisches passiert oder sich eine Stimme regt) - man erkennt Lambchop trotzdem noch wieder. Und wenn er auch noch so sehr mit Autotune gurgelt: Von Kurt Wagners Stimme bleibt doch etwas Unverwechselbares und vor allem ihre Wärme.

          Als Versöhnung zwischen dem alten und dem neuen Sound, als Brücke sozusagen, dient das Eröffnungsstück. „In Care of 867-5309“ ist ein Liebeslied für eine Telefonnummer, und man darf annehmen, dass diese etwas mit Wagners Frau zu tun hat. Ihr nämlich, der demokratischen Politikerin Mary Mancini, ist das Album gewidmet. Es trägt den mehrdeutigen Titel „FLOTUS“, mit dem Wagner sie spielerisch zur „First Lady of the United States“ macht, auch weil sie schon einmal mit Obama posiert hat (auf dem von Wagner gemalten Cover ist immerhin dessen Hand zu sehen). Aber eine andere Auslegung wird ebenfalls in den Liner Notes angeboten: „For Love Often Turns Us Still“.

          Wie verdreht die Liebe oft ist, kann man auch an den wie gewohnt maximal kryptischen Lyrics ablesen, die sich auf keinen Fall beim ersten Hören oder Mitlesen erschließen, sondern wohl erst auf lange Sicht. Aber das Album hat glücklicherweise das Zeug, einen lange zu begleiten. Und so dunkel die Zeilen oft sind, sind sie auch rätselhaft schön:

          „there’s a lack of breeze
          behind the huckleberry trees
          and the spin out there
          is that no one really cares
          for a poster child
          of last decades’ post divide“.




          Die bislang veröffentlichten Videos zu diesem Album sind ihrerseits Kunstwerke eigenen Rechts, verstörend schön etwa jenes zu „NIV“ - sie sind allerdings auch dazu geeignet, den mit Lambchop noch nicht vertrauten Hörer etwas abzuschrecken, weil er so lange auf irgendetwas Melodisches warten muss. Der darf allerdings versichert sein, dass dies auf dem Album durchaus vorhanden ist. Es ist ein maximal verträumtes und verspultes Album. Die Fragen „Bist Du schon wach? Wie viele Finger?“ gelten vielleicht nicht zuletzt dem, der sich gerade darin verloren hat und noch an der Liebeslyrik herumrätselt - längst herausgeworfen aus dem Tagwerk, streunend und stromernd irgendwo hinter den huckleberry trees.

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