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Album der Woche : Flocken-Funk mit Mozarts Perücke

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Living in the Snow“ Bild: Dalton Blanco

Der Musik seiner Kollegin Feist gab er den richtigen Schliff, mit Chilly Gonzales teilt er die Vorliebe für Ulk-Videos, aber auch als Solokünstler hat Mocky einiges auf dem Kasten: nämlich ein lustiges Soulfunk-Album namens „Key Change“.

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          Herbert Grönemeyer erzählt ja gern und immer wieder, dass er beim Liederschreiben erstmal mit sogenanntem „Bananentext“ beginnt - also einfach Silben singt, die gut klingen, aber nicht unbedingt Sinn ergeben müssen. Später werden dann daraus Zeilen wie „Du bist mein Vorbote / meine Batterie, mein Betrieb / mein Feinmatrose / ich bin stolz, dass Du mich liebst“.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Warum also nicht einfach mal beim Bananentext bleiben? Mit dem Ausgangswort „snow“  geht das sehr gut, man kann darauf zum Beispiel „Hey oh“ reimen wie die Red Hot Chili Peppers. „Where do you go when you' re living in the snow?“, fragt nun Mocky, und auch er macht keinerlei Anstalten, dem Text einen tieferen Sinn zu geben, er dreht sich einfach immer wieder um „snow“ und reimt „There's things you need to know“. Dazu spielt der kanadische Multi-Instrumentalist einen flockigen Funk-Bass, es könnte auch eine Aufnahme von Bill Withers aus den siebziger Jahren sein, und neckische weibliche Backgroundstimmen singen „uhu, uhu“.

          Mocky ist ein Spaßspieler so wie auch die anderen Kanadier eines losen Musikerkollektivs, zu dem auch Chilly Gonzales, Peaches und Leslie Feist gehören. Deren  Album „The Reminder“ (2007) zum Beispiel verdankt seine sehr gute Produktion Mocky, und auch bei dem wiederum sehr verspielt wirkenden Remix-Album von Feists Debüt war Mocky einer der Mixer. Inzwischen macht er auch Solo-Alben, die er zum Beispiel in Zoos vorstellt. Mit Gonzales, dessen Musik-Tutorials ja zu einem regelrechten Youtube-Hit geworden sind, teilt Mocky die Vorliebe für solche Ulk-Videos, die nicht selten auch ziemlich kindisch wirken. Für sein neues Werk „Key Change“ nun hat Mocky eine „Mockumentary“ (selten passte die Bezeichnung besser) gemacht, die sich auf seine eigene Spur begibt und dabei über andere Musiker-Dokus lustig macht.

          Trotzdem vermittelt der Kurzfilm die unbändige Spielfreude der Aufnahmen zu „Key Change“, die man sich wohl als lässige Wohnzimmersessions vorstellen darf, bei denen jeder mal an den Kongas mittrommeln kann, wenn er gerade lustig ist.

          Dass Mocky vielleicht in erster Linie Schlagzeuger ist und dann erst Sänger, Bassist und alles weitere, merkt man auch auf dem neuen Werk wieder, es enthält viele Instrumentalstücke. Ganz im Gegensatz zu Mockys interessanten Rap-Projekten steht auf diesem Album der Text zumeist nicht im Vordergrund. Die lockeren Funk-Grooves mit Querflöten oder Pfeif-Motiven („Soulful Beat“, „Whistling“) wabern irgendwo zwischen Marvin Gaye und der Filmmusik von „Shaft“.

          Das wirkt manchmal auch etwas unoriginell, hat aber immer einen Hauch von Ironie, jedenfalls wenn man einmal einen von Mockys Auftritten gesehen hat, bei denen die Musiker schon mal Lampenschirme mit Troddeln dran auf dem Kopf haben oder er sich mit einer Mozart-Perücke ans Schlagzeug setzt. Aber wenn man gerade denkt, das sei vielleicht alles nur Spielerei, überrascht  Mocky mit einer traurigen Soulfunk-Ballade wie „Head in the Clouds“, die vielleicht nur noch schöner wäre, wenn da auch noch Feist mitsänge.

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