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Album der Woche: Johnny Winter : Himmlischer Zwölftakter

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Death Letter“ Bild: Neo Megaforce (Sony Music)

Eine vorweg genommene Kondolenzbezeugung? Kurz vor seinem plötzlichen Tod nahm Johnny Winter noch einmal ein Album mit Gitarristen auf, die ihm stilistisch nahestanden und seinen Hang zum puristischen Bluesrock teilten.

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          Die texanische Ahnenreihe des elektrifizierten Blues hat unlängst einen besessenen, begnadeten und begeisternden Exponenten verloren, einen spindeldürren Gitarristen mit hellleuchtender Haut und Silberblick aus Beaumont, dessen Namen, Winter, man nicht hätte schöner erfinden können. Der Blues war für den fast blinden und vom Albinismus geplagten Gitarristen zeitlebens ein Fluchtmittel. Seine Angriffslust auf den sechs Saiten, die Explosivität seiner Slide-Licks, seine atemberaubende Beweglichkeit und Geschwindigkeit, sein metallisch-jaulender Ton – all das ließ seine Gitarre als Schnellfeuergewehr, stürmische Geliebte und Gebetbuch zugleich erscheinen. Dazu ein sirenenhaft aufheulender Gesang, ruppig, rauh und gänzlich unprätentiös.

          Als hätte er es geahnt: Kurz vor seinem plötzlichen Tod nahm Johnny Winter noch einmal ein Album mit seinen Liebsten auf, Gitarristen, die ihm stilistisch nahestanden und seinen Hang zum puristischen Bluesrock teilten. Eine vorweg genommene Kondolenzbezeugung? Und um die gespenstische Situation noch zu verschärfen, singt Winter auf „Step Back“ (Megaforde/Membran/Sony) auch noch den „Death Letter“, einen Son-House-Klassiker, den er zum akustischen Bottleneck-Spiel auf seiner National-Resonatorgitarre raunt.

          Jene seltene Freiheit des Ausdrucks

          Es sind vornehmlich Klassiker aus den Fünfzigern, die Winter hier noch einmal zelebriert. Zehn Kollegen – von Eric Clapton über Ben Harper, Billy Gibbons und Joe Bonamassa bis zu Brian Setzer und Joe Perry – unterstützen den Texas-Tornado bei seiner Spurensuche nach dem wahren Blueston. Ein Höhepunkt ist zweifellos der „Okie Dokie Stomp“ von Clarence Gatemouth Brown, den der Swing-Wizard Brian Setzer im Frage-Antwort-Spiel mit Winter ungeheuer lässig-locker aus dem Handgelenk schüttelt. Auch der immer wieder als „Young Urban Professional des Blues“ verschrieene Joe Bonamassa lässt in dem B.-B.-King-Klassiker „Sweet Sixteen“ dankenswerterweise mal seine Designer-Licks hinter sich und stattdessen die melodischen Wendungen auf seiner Les Paul in metalmäßiger Raserei ausfransen.

          Blues verkörperte für Winter immer das hohe Lied der Improvisation: „Der Song gibt die Basisstruktur vor, und wir interpretieren dann den Rest.“ Dabei besaß er schon früh jenes „Delta Feeling“, das er an seinem Freund und Vorbild Muddy Waters so schätzte. Vor allem sein Slide-Spiel – er benutzte gern ein Metallröhrchen, das aus dem Beckenständer eines Drum-Sets vom Woodstock-Festival gefertigt war – wirkte druckvoll, quecksilbrig und vor Energie berstend. So lässt er sich nun, postum, nur zu gern von den Blues Brothers Horns durch die Eröffnungsnummer „Unchain My Heart“ peitschen. Doch das Ganze wirkt noch wie ein laues Lüftchen, wenn man sich die sengenden Gitarrenduelle mit Ben Harper im nachfolgenden Titel „Can’t Hold Out (Talk To Me Baby)“ von Willie Dixon anhört. Winters Slide-Bewegungen laufen hier so flüssig über die Saiten, dass man sich unwillkürlich an eine waghalsige Achterbahnfahrt erinnert fühlt: Man genießt den Kitzel und fügt sich in die stoische Konsequenz eines nicht mehr aufhaltbaren Abenteuers. Natürlich spielt er auch hier sein Lieblingsinstrument, eine Gibson Firebird V, die er vor fünf Dekaden nur deshalb auswählte, „weil sie so verdammt scharf aussah“.

          „Dieses Album ist Johnny Winters Vermächtnis“ – hier kommt die Phrase zu ihrem Recht, denn „Step Back“ dokumentiert den Triumph eines Musikers, der nach Jahren der Irrungen und Wirrungen noch einmal zu seiner Bestimmung zurückgefunden hat. Unter der behutsamen Ägide seines Produzenten und Managers Paul Nelson gewinnt Winters Spiel noch einmal jene seltene Freiheit des Ausdrucks, die nur begnadeten Blues-Musikern gegeben ist. Sein Bewunderer Derek Trucks charakterisierte treffend den späten Johnny Winter: „Er wirkte so unglaublich gebrechlich, doch kaum stand er auf der Bühne, griff er nach den Sternen.“

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